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Warum PSG-Trainer Thomas Tuchel seinen Spielern auch mal die Augen verbindet – Martin Schmidt spricht über seinen Kumpel

Martin Schmidt (rechts) in seiner Zeit bei Mainz als Assistent von Thomas Tuchel.

Martin Schmidt (rechts) in seiner Zeit bei Mainz als Assistent von Thomas Tuchel.

Der Schweizer Martin Schmidt spricht vor dem Champions-League-Final vom Sonntagabend über den Trainer von Paris Saint-Germain, zu dem er seit Jahren eine sehr persönliche Beziehung pflegt.

2009. Ein Nachwuchs-Turnier in Ergenzingen, südlich von Stuttgart. Trainer Martin Schmidt reist mit der U20 des FC Thun in einem kleinen Bus, den der Torhüter steuert, nach Baden-Württemberg. Trainer Thomas Tuchel und seine Mainzer, die eben den deutschen U19-Meistertitel gewonnen haben, fahren im Bus der Profis vor.

Tuchel ist ein wissbegieriger, ehrgeiziger Trainer. Einer ohne Dünkel. Schnell registriert er, welch attraktiven Fussball die Berner Oberländer praktizieren. Drei statt wie gewohnt vier Verteidiger. Er saugt alles auf, beobachtet intensiv das Team des Wallisers Martin Schmidt. Prompt treffen die beiden Mannschaften im Final aufeinander. Keiner ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass sie schon bald vier Jahre lang eng zusammenarbeiten werden. Martin Schmidt, 53, später Bundesliga-Trainer in Mainz, Wolfsburg und Augsburg mit insgesamt 131 Spielen, spricht über seinen Freund Tuchel, dessen Klub Paris Saint-Germain und den Champions-League-Final-Gegner Bayern München.

Wie sich Tuchel und Schmidt kennenlernen

Nachdem wir den Final gegen Mainz gewonnen haben, verständigten wir uns darauf, in Kontakt zu bleiben. Einen Monat später stieg Tuchel, obwohl erst 35, zum Cheftrainer der Profis auf. Etwa neun Monate später erhielt ich von Mainz das Angebot, die U23 zu übernehmen und Tuchel zu assistieren. Offensichtlich hatte er mich nicht vergessen.

Wie Schmidt und Tuchel zusammen in Mainz funktionierten

Neben meinem Job als U23-Trainer habe ich für Tuchel die Gegner-Spielanalyse gemacht und war Assistent auf dem Trainingsplatz. Wir haben auch punkto Trainingsplanung sehr eng zusammengearbeitet. Im Sommer 2013 sind wir mit Mainz auf die Belalp gekommen. Bei der Realisierung dieses einzigartigen Trainingslagers liess er mir völlig freie Hand. Wir sind auf 3100 Meter hoch, durch Schluchten und auf schmalen Graten gewandert. Grenzen verschieben, raus aus der Komfortzone – das waren die bestimmenden Themen.

Tuchel ist ein Visionär. Er sucht immer nach neuen Wegen, insbesondere wenn es um mentale Stärke geht. Differenzielles Denken und Handeln war für ihn ein grosses Thema und so hat er mit einem Professor der Uni Mainz die Zusammenarbeit gesucht. In der praktischen Anwendung baute er im Training extra Fehler ein, damit die Spieler lernen, mit Fehlern umzugehen. Dabei liess er auch mal einäugig trainieren, oder mit Scheuklappen. Denn viele Spieler lassen sich verunsichern, wenn sie vor 60000 Zuschauern auflaufen. Weil sie Angst haben, einen Fehler zu machen. Dagegen haben wir zusammen gearbeitet.

Ein Beispiel. Wenn Sie zu Hause im Flur über einen ein Meter breiten Teppich gehen, können Sie parallel dazu mit der einen Hand ein SMS schreiben und mit der anderen eine Trinkflasche zum Mund führen. Wenn Sie auf 2500 Meter über einen ein Meter breiten Pfad gehen und links und rechts geht es 500 Meter in die Tiefe, lassen Sie es mit SMS schreiben und trinken. Warum? Weil ein Konsequenzdenken einsetzt. In diesem Kontext ist es opportun zu behaupten, denken hemmt den Fussballer.

Tuchel ist es enorm wichtig, nicht nur die physische, sondern auch die psychische Widerstandsfähigkeit der Spieler zu stärken. Warum? Viele Spieler sind Anfang 20 und allein aufgrund ihres Alters in der Persönlichkeitsentwicklung noch nicht so ausgereift.

Wie Schmidt und Tuchel in Mainz Kumpels geworden sind

Ich war Single, Tuchel hatte Familie und zwei kleine Kinder. Trotzdem haben wir auch ausserhalb des Fussballs viel zusammen unternommen. Ich erinnere mich sehr gerne an die Champions-League-Abende bei ihm zu Hause auf dem Sofa. Da hat er unverblümt gesagt: «Das ist mein Ziel. Da will ich hin.» Absolut siegeshungrig, der Typ.

Tuchel hat etwas Asketisches. Ich habe selten einen derart strukturierten Typen gesehen wie ihn. Unglaublich konsequent. Tuchel ist Trainer und Familienvater. Von 8 bis 18 Uhr Trainer und ab 18 Uhr Familienvater oder Kumpel. Am Montag war jeweils trainingsfrei, da hat man ihn nie auf dem Platz gesehen. Stattdessen war er auf dem Kinderspielplatz. Diese Trennung zieht er knallhart durch, das ist ihm sehr wichtig. Und der Rollenwechsel gelingt ihm mühelos.

Dazu zwei Episoden: Wir hatten mal samstags ein Bundesliga-Spiel. Am Sonntag stand ein Spiel seiner Mannschaft in der Münchner-Alternativliga an. Trotzdem stand er am Sonntagmorgen mit den Ersatzspielern auf dem Platz, stieg danach in den Flieger nach München, kickte auf dem Bolzplatz, trank mit den Kumpels anschliessend noch ein Bier. Sein Leben hat er extrem auf Erfolg ausgerichtet. Trotzdem bleibt er immer Familienmensch und Kumpel.

Eine andere Geschichte: Irgendwann schob er plötzlich den Trainingsstart von 10 auf 11 Uhr nach hinten. Natürlich kamen Fragen auf. Tuchel begründete die Massnahme mit Sommer-Winterzeit und Biorhythmus. Spieler und Trainer dachten: Wow, logisch, super Sache, cleverer Trainer. Am Abend, als wir allein auf seiner Couch sassen, fragte ich ihn, warum er das Training neu um 11 Uhr ansetze. Er sagte: «Weisst du, ich muss die Tochter vor 9 Uhr zur Kita bringen. Wenn ich nicht mit der Tochter frühstücken und sie zur Kita bringen kann, sehe ich sie kaum.»

Wie Tuchel in Paris mit Superstars wie Neymar umgeht

Ein grosser Spieler wird daran gemessen, wie viele wichtige Titel er gewonnen hat. Neymar hat zwar 2015 mit Barcelona die Champions League gewonnen. Aber nicht als Hauptdarsteller. Kurz: Ihm fehlen noch ein paar grosse Titel. Dieses Bewusstsein löst bei ihm einen grossen Eigenantrieb aus. Auf der anderen Seite hat sein Formanstieg auch mit Tuchel zu tun.

Fussball braucht Zeit. Ein Team zu bilden, braucht Zeit. Und siehe da: Neymar, Mbappé, Di Maria, Verratti und all die anderen Superstars sind zu einer Einheit zusammengewachsen. Beseelt auch vom gemeinsamen Ziel, die Champions League zu gewinnen. Tuchel hat die schwierige Aufgabe gemeistert, eine Equipe von sehr hochbezahlten Fussballern, mit zum Teil sehr grossen Egos, auf eine Linie einzuschwören, ihr einen Spirit zu vermitteln. Nun erkennt man in ihrem gierigen Blick, dass sie gewillt sind, zusammen und nicht allein etwas erreichen zu wollen.

Wie Tuchel während des Spiels auf der Kühlbox sitzt - bedingt auch durch den Knochenbruch im Fuss - zeigt mir dennoch, wie er in sich ruht. Und mit dieser ruhigen Art vermittelt er dem Team unglaublich viel Vertrauen. Wenn ein Trainer ständig herumhüpft und korrigiert, denken die Spieler: Können wir denn gar nichts? Tuchels Erkenntnis: Nachwuchsfussball ist ein Coaching-Game. Profifussball auf dem höchsten Level ist ein Spieler-Game. Das heisst: Die Spieler entscheiden eine Partie. Das bedingt Freiheiten für die Spieler. Und das ist neu bei Tuchel. Vor ein paar Jahren wäre er auch an Krücken wild gestikulierend an der Linie herumgeturnt.

Im Halbfinal fiel Leipzip-Trainer Nagelsmann mit gestenreichem Coaching auf. Für mich signalisierte Nagelsmann: Ich will, ich muss das Spiel gewinnen. Ganz anders Tuchel. Er sass auf der Kühlbox, machte sich klein und signalisierte seinen Spielern, ihr sollt das Spiel gewinnen. Nagelsmann erinnert mich stark an Tuchel vor zehn Jahren. Und er wird mal ein ganz grosser Trainer.

Gewiss kann man sich fragen, ob Tuchel durch seine Zurückhaltung an Autorität einbüsst. Ich denke aber nicht. Natürlich kann man als Trainer den grossen Max spielen, bei jedem Fehler die Hände verwerfen und damit den Unwillen über die Leistung der eigenen Spieler signalisieren. Aber nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Spieler nehmen das wahr. Damit holt man die Spieler nicht mit ins Boot. Tuchel strahlt ohne grosses Brimborium natürliche Autorität aus.

Wie Schmidt über Bayern-Trainer Hansi Flick denkt

Am 8. März haben wir mit Augsburg in München gespielt. Bayern gewann 2:0. Wobei das zweite Tor erst in der 93. Minute fiel, wir in der 80. Minute zweimal hätten ausgleichen müssen und ich wahrscheinlich noch Trainer in Augsburg wäre, wenn wir unentschieden gespielt hätten. Nach dem Spiel mussten wir etwa eine halbe Stunde auf die Pressekonferenz warten. Da meinte Flick, wir sollten uns in sein Büro zurückziehen.

Da sassen wir also. Flick ist ein super Typ. Den wünscht man sich als Nachbar, als Freund. An Bescheidenheit und Zugänglichkeit kaum zu übertreffen. Sehr natürlich. Die Menschlichkeit ist seine grosse Stärke. Als ich bei Flick im Büro sass, machte er Komplimente und sagte auch, dass diese Saison kaum je ein anderer Gegner in München so mutig und hoch verteidigt hätte. Wie Flick das Team führt, wie er den Spielern Vertrauen gibt, sie auf den richtigen Positionen einsetzt, macht Bayern München so stark. Das Team spiegelt seinen Charakter.

Wie Schmidt über die Ausgangslage des Finals denkt

Für mich spricht im Moment vieles für Paris. Weil die PSG-Offensive stärker ist als die Bayern-Defensive. Für die Bayern spricht indes das Momentum. Sie haben Barcelona 8:2 geschlagen, dann ein etwas weniger spektakuläres Spiel geliefert gegen Lyon - jetzt müsste dann wieder eine Spitzenpartie folgen. Fussballerisch sehe ich, wegen der defensiven Anfälligkeit der Bayern, aber PSG im Vorteil.

Die Innenverteidigung der Bayern überzeugte gegen Lyon nicht sonderlich. Süle, den Flick nach der Pause bewusst gebracht hat, um eine Option zu prüfen, scheint nach dem Kreuzbandriss noch nicht ganz bereit. Trotzdem glaube ich, dass Flick nicht zu viel wechseln wird und Boateng neben Alaba in der Innenverteidigung beginnt. Hingegen kann ich mir vorstellen, dass Thiago draussen bleiben muss, Pavard rechts verteidigt und Kimmich im defensiven Mittelfeld spielt.

Warum Thiago? Der überlegt sich, ob er nächste Saison in Barcelona, in Manchester oder in Madrid spielen soll. Natürlich filtert der Berater. Trotzdem kriegt der Spieler die Spekulationen mit, was nicht förderlich ist für die mentale Verfassung. Er war fehleranfällig und unkonzentriert gegen Lyon.

Wie Schmidt über seine eigene Zukunft denkt

Ich befasse mich gerne mit strategischen Aufgaben. Was Teamgeist, Psychologie, Sportmedizin und viele andere Dinge betrifft, versuche ich immer, auf dem neuesten Stand zu sein. Trotzdem bin ich immer noch durch und durch Trainer. Aber ich kann mir auch gut vorstellen, eine strategischere Rolle zu übernehmen. Durch meine jahrelange Unternehmertätigkeit bin ich sicherlich auch in anderen Bereichen qualifiziert. Ich lasse es gerne offen. Auch, wo ich arbeiten will. Das kann wieder in Deutschland oder in der Schweiz, aber auch in Italien, Spanien, Frankreich oder Holland sein.

Wie Schmidt über Tuchels Zukunft denkt

Ich könnte mir vorstellen, dass der Champions-League-Final für Tuchel ein entscheidendes Spiel darstellen kann, vielleicht auch ein Wendepunkt. Es ist nie auszuschliessen, dass bei einer Niederlage ein solcher Klub eine Trennung forciert. Andererseits ist bei einem Erfolg vielleicht das Kapitel PSG dann auch für Thomas Tuchel erfolgreich abgeschlossen. Wir werden sehen.

Es ist auch nicht leicht, denn seit Tuchel vor zwei Jahren in Paris angetreten ist, sind die Medien überkritisch mit ihm. Erst kürzlich hat PSG sowohl den Cup- als auch den Liga-Cup-Final gewonnen. Tuchel bekommt keinen Applaus für die beiden Pokale, sondern wird in den Medien kritisiert, weil PSG in diesen beiden Spielen nur ein Tor aus dem Spiel heraus erzielte. Das ist natürlich sehr ermüdend.

Sollte er Paris verlassen, würde es mich nicht überraschen, wenn er nach einer Pause in Madrid, in Barcelona, in London oder in Manchester auf der Trainerbank sitzen würde. Da gehört er hin.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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