Sie führen als CEO ein Unternehmen in der Privatwirtschaft und sind Präsident von Swiss Ski. Ein Unternehmen budgetiert den Erfolg. Swiss Ski hat für die WM nicht gesagt, wie viele Medaillen es werden sollen. Wann wird die WM gut?

Urs Lehmann: Ich weiss, worauf Sie hinauswollen (lacht). Aber ich sage Ihnen keine Medaillen voraus. Swiss Ski spricht nicht von Erwartungen, sondern davon, wo wir Potenzial sehen auf eine Medaille.

Wo sehen Sie Potenzial?

Wir haben in neun von elf Bewerben gute Chancen auf Medaillen. Bei den Frauen eigentlich in jedem Event. Bei den Männern wird es im Riesenslalom enorm schwierig. Im Slalom schwierig. Aber in der Abfahrt, im Super-G und in der Kombination haben wir reelle Chancen. Und im Teamevent waren die Schweizer immer gut. Darum darf man zuversichtlich, aber nicht übermütig nach St. Moritz gehen.

Die Männer könnten, wenn man alle Saisonresultate anschaut, aber auch leer ausgehen.

Zum Glück funktioniert der Sport nicht mathematisch. Beat Feuz ist in bestechender Form. Patrick Küngs Formkurve zeigt nach oben. Und wenn man Carlo Janka Ski fahren sieht, weiss man, dass er zu vielem fähig ist.

Die Saisonbilanz der Männer ist trotzdem unter den Erwartungen. Rang fünf in der Nationenwertung ist schwach. Zumal Swiss Ski den Traum hat, die Nummer zu sein.

Da teile ich Ihre Meinung. Als Schweiz kann es nicht unser Anspruch sein, die Nummer fünf zu sein. Bei den Frauen istder Schritt erfolgt. Wir sind knapp hinterder Nummer eins. Bei den Männern sindwir noch nicht dort, wo wir sein wollen. Da muss mehr kommen.

Swiss Ski verstärkt die Arbeit im konditionellen Bereich. Hat man hier ein Problem erkannt?

Wir sind konditionell auf einem guten Niveau. Aber wenn wir mit den besten drei Nationen mithalten wollen, oder irgendwann wieder mit Österreich, dann reicht gut einfach nicht mehr. Es ist, als ob die Tochter die Note 5,5 in Französisch hat, man aber weiss, dass sie die 6 draufhätte. Dann sagt man: «Du bist sehr gut, aber warum holst du nicht die Maximalnote?» Das ist das gleiche Phänomen bei unseren Athleten. Wir sind im konditionellen Bereich bereits sehr gut, aber wir müssen perfekt werden.

Urs Lehmann: «Wir haben in neun von elf Bewerben Medaillenchancen.»

Urs Lehmann: «Wir haben in neun von elf Bewerben Medaillenchancen.»

Ist der Leistungsdruck zu klein?

Im Weltcup vielleicht. Aber im Nachwuchs müssten wir noch mehr Geduld haben mit unseren Athleten. Wir müssennoch bessere Voraussetzungen schaffen, damit auch die Spätzünder die Chance haben, sich im Weltcup zu etablieren. Aus unserer Sicht fallen zu viele Talente zu früh aus dem Raster, weil man ihnen keine faire Chance gibt.

Das ist aber genau das Gegenteil von Leistungsdruck. In Norwegen fliegt ein Athlet, der die Leistungstests des Skiverbands nicht besteht, gnadenlos aus dem Kader.

Die Norweger haben dafür länger Zeit, um an die Spitze zu kommen. Und wenn sie dann im Weltcup sind, können sie sich ungestört entwickeln. Bei uns fahren die Athleten, weil es mehr sind, ständig um einen Platz im Weltcupteam. Dieses Pendeln zwischen Europacup und Weltcup ist auch psychisch anstrengend. Weil sie ständig unter Druck stehen, gute Leistungen zu erbringen.

Nochmals, wer in Norwegen die Leistungstests nicht besteht, fliegt.

Das stimmt. Auch Svindal muss jedes Jahr antreten. Für alle gilt konsequent das Gleiche.

Dann müsste Swiss Ski das auch so machen?

Ich bin dafür, dass wir konsequenter arbeiten. Vielleicht auch härter. Was aber nicht heisst, dass wir stärker aussortieren müssen. Nochmals zurück zu den Norwegern. Für mich ist es auch eine Frage der Kultur. In Norwegen ist einfach jeder Athlet bereit, alles zu tun, um Erfolg zu haben.

Das haben die Schweizer nicht?

Auch hier sind wir gut, aber eben nicht perfekt.

Müsste man also doch härter aussortieren?

Nein. Solange wir bei den Athleten die Bereitschaft sehen, Fortschritte zu machen, muss man ihnen Zeit lassen. Manche Menschen benötigen von Natur aus mehr Zeit, um sich körperlich zu entwickeln.

Diese Leistungs-Bereitschaft wird manchmal vermisst. Besonders in den regionalen Leistungszentren.

Einverstanden. Aber das kann man nicht von heute auf morgen ändern. Falls man die Messlatte sofort aufs Maximum stellt, fällt unser ganzes System in sich zusammen. Wir müssen die jungen Athleten langsam heranführen an den Leistungsgedanken. Weil es für manche einen Kulturwandel bedeutet. Diesen müssen wir aber mit aller Konsequenz anstreben. Es ist wie mit den Pilzen. Ein fauler Pilz reicht, und alle anderen werden ebenfalls faul.

Andersherum kann ein Vorbild viele mitziehen.

Genau. Nehmen wir als Beispiel Lara Gut. Sie ordnet alles ganz konsequent dem Erfolg unter. Ich war vor Saisonbeginn in Sölden. Lara Gut war die einzige Athletin, die schon eine Woche zuvor dort war, um zu trainieren. Das gehört für mich zu dieser bedingungslosen Konsequenz. Die jungen Athletinnen sehen nun bei ihr, was es alles braucht. Das wünsche ich mir bei den Männern auch.

Warum hat nur Lara Gut diese absolute Bereitschaft?

Sie wusste schon immer, was sie wollte. Bei den Männern ist es so, dass diese bedingungslose Konsequenz, diese bedingungslose Bereitschaft nicht bei allen und nicht immer da ist. Hinter vorgehaltener Hand bestätigen mir das sehr viele – selbst einige Athleten. Aber ich weiss, wenn ich das jetzt an dieser Stelle so sage, wird es heissen, was erlaubt sich der Lehmann. Aber es ist doch so. Eigentlich helfe ich den Athleten, wenn ich sage: «Hey, ihr habt das Potenzial für das Podest. Warum nutzt ihr es nicht?»

Auffällig ist, dass die Besten, also Lara Gut, Marcel Hirscher und Co., alle nicht aus typischen Verbandsstrukturen kommen, sondern auf Privatteams setzen.

Ja. In der Schweiz wird kritisiert, dass die Breite fehlt. Aber am Ende braucht man genau eine Topathletin und einen Topathleten. Sobald man die hat, ist alles andere Makulatur. Ich habe lieber eine Athletin, die fährt wie Lara Gut, als fünf, die zwischen den Rängen fünf und zehn fahren.

Ski-WM in Morioka 1993: Urs Lehmann gewinnt die Goldmedaille in der Abfahrt

Ski-WM in Morioka 1993: Urs Lehmann gewinnt die Goldmedaille in der Abfahrt

Was heisst das für Swiss Ski?

Wir müssen Strukturen haben, die eine Breite zulassen. Aber an der Spitze müssen wir es ermöglichen, dass die Genies noch konsequenter gefördert werden. Ich weiss nicht einmal, ob es individuell passieren muss. Aber es kann individueller passieren. Wie zum Beispiel bei Lara Gut. Sie ist heute gut im Verband integriert und hat trotzdem Freiheiten. Sie kann auch mal alleine trainieren.

Ist es als Präsident eines Skiverbandes nicht entmutigend, dass die Besten eben gerade nicht aus klassischen Verbandsstrukturen kommen? Dass vielmehr die Mütter oder Väter am Anfang stehen?

Das war doch schon immer so. Auch für mich war die Familie am wichtigsten. Nur wurde das in meiner Zeit nicht so extrem gelebt. Es gab aber schon früher einen Marc Girardelli, der ein solches Modell hatte. Heute sind die Strukturen der Verbände aber offener für solche Wege. Wir müssen ja auch sehen, dass Lara Guts Vater Pauli heute als Trainer zu einem Teil von Swiss Ski mandatiert ist. Heute versteht man als Verband, dass man diese Modelle zulassen muss. Wir haben den Wert dieses Familien-Grooves, wie ich ihn nenne, begriffen. Wir leben das Modell besser. Vielleicht noch nicht bei allen gleich gut. Und vielleicht stehen wir erst am Anfang von dem, was in zehn Jahren sein wird.

Mehr Eigenständigkeit als Erfolgsmodell?

Vielleicht. Aber es gibt auch andere Beispiele. Beat Feuz zum Beispiel lebt das komplett anders. Oder auch Didier Cuche hat immer gesagt, dass er das Team brauche. Es muss also beides möglich sein.

Zurück zur WM. Gibt es den oft genannten Heimvorteil?

Ich bin überzeugt, dass es ihn gibt. Und ich bin überzeugt, dass wir ihn nutzen. Und zwar nicht erst seit heute. Wir haben die Partnerschaft mit St. Moritz und trainierten oft dort. Und wir haben im vergangenen Sommer einen Kick-off-Event dort gemacht. Dann geht es weiter, dass wir als Swiss Ski bei der Infrastruktur Vorteile gegenüber den anderen Nationen haben, die man nur an der Heim-WM haben kann. Es ist ganz wichtig, dass jeder noch so kleine Vorteil ausgenutzt wird. Und das machen wir.

Garantiert das Erfolg?

Das wissen wir erst, wenn es losgegangen ist. Wenn wir zum Auftakt im Super-G der Frauen eine Medaille holen, was sehr realistisch ist, dann brennt der Berg. Wie beim Weltcupfinal in der vergangenen Saison. Beat Feuz hatte damals zwei Rennen gewonnen. Lara Gut und Wendy Holdener standen auf dem Podest. Dazu kam der Erfolg im Teamevent. Wenn man bedenkt, wie wichtig die psychologische Komponente an einem Grossanlass ist, dann ist nur schon das ein Vorteil.

Kann man diese psychologische Komponente, die auf Erfolgen in der Vergangenheit basiert, auf das Team übertragen? Auch auf Athleten, die in St. Moritz
noch nie stark gefahren sind?

Es gibt zahlreiche Faktoren, worauf sich der Heim-Vorteil aufbauen lässt. Der Erfolg ist einer davon. Vielleicht ist es für andere Athleten wichtiger, dass sie die WM-Piste im Sommer bewusst abgewandert sind oder mit dem Bike befahren haben. Wichtig ist, dass es jede Athletin und jeder Athlet schafft, seinen Punkt zu finden, der einen Heim-Vorteil bringt. Es ist für Swiss Ski Pflicht und Aufgabe, diese Vorteilskarte zu spielen. Das kann man nur an einer Heim-WM. Also nur plus-minus alle 15  Jahre.

Den Amerikanern wurde sogar kurzfristig die Erlaubnis entzogen, in St. Moritz zu trainieren,
obwohl sie eine Zusage hatten.

Das war ein kommunikatives Missverständnis. Ein Missverständnis zwischen zwei hierarchischen Ebenen. Es zeigt, dass es in der Kommunikation noch Optimierungspotenzial gibt.

Wie meinen Sie das?

Es kann nicht sein, dass unterschiedliche hierarchische Ebenen unterschiedliche Abmachungen treffen, die sich massiv widersprechen. Vonseiten einiger Trainer gab es ein Ja für die Amerikaner, von der operativen und strategischen Führung ein Nein für alle Nationen. Wir konnten also nur absagen. Wenn wir es den Amerikanern erlaubt hätten, zu trainieren, wären auch die Österreicher gekommen, die Italiener und, und, und.

Warum?

Weil wir und auch ich mein Wort gebrochen hätten. Es kamen von vielen Nationen Anfragen, ob sie in St. Moritz trainieren können. Im Oktober hatten wir ein Meeting der Präsidenten der europäischen Skiverbände. Dort habe ich allen eine Absage erteilt, mit dem Versprechen, dass dies für alle Nationen gilt. Wir hatten im Fall der Amerikaner nur noch die Wahl zwischen Pech und Schwefel. Wir konnten ihnen absagen und sie verärgern. Oder wir konnten zu allen Ja sagen und den Heim-Vorteil verspielen.