Kommentar
Warum es heikel ist, dass Matthias Hüppi Alain Sutter nach St. Gallen holt

Der FC St.Gallen hat wieder einen Sportchef. Das ist eine gute Nachricht. Dass es sich dabei um einen handelt, der eine Ahnung von Fussball hat, ebenfalls. Doch die Konstellation mit Matthias Hüppi als Präsident und Alain Sutter als Sportchef birgt auch Gefahren.

Ralf Meile
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Präsident Hüppi (links) und Sportchef Sutter bei dessen Vorstellung

Präsident Hüppi (links) und Sportchef Sutter bei dessen Vorstellung

Keystone

Fernsehmoderator Matthias Hüppi und sein Experte «Alääää»: Während Jahren eine Konstante bei wichtigen Fussballspielen im Land. Als Hüppi kurz vor Weihnachten Knall auf Fall beim SRF kündigte und als Präsident beim FC St.Gallen anheuerte, war Alain Sutter einer der Überraschungsgäste in dessen letzter Sendung.

Noch keine drei Wochen ist das her. Und nun arbeiten Hüppi und Sutter bereits wieder zusammen. Denn der neue Präsident hat seinen langjährigen Sidekick als Sportchef verpflichtet.

Es gibt gute Gründe für das Engagement Sutters. Als 62-facher Nationalspieler, als Schweizer WM-Held 1994, als ehemaliger Profi des FC Bayern München gehörte er auf dem Rasen zu den besten Mittelfeldspielern, die das Land je hatte. Als TV-Experte war die Unabhängigkeit Sutters Trumpf. Er scheute sich nie, zu kritisieren, verteilte aber auch gerne Lob. Man konnte sich als Fan vielleicht darüber nerven, wie Sutter sprach – aber nicht was er sagte. Denn das hatte fast immer Hand und Fuss.

Kaum Führungs-Erfahrung im Fussball

Der in drei Wochen 50 Jahre alt werdende Berner galt als Spieler als Querkopf. Unvergessen, wie sich der langhaarige «Chörnlipicker» mit Bayern-Boss Uli Hoeness, dem Wurstfabrikanten, anlegte oder wie er als Nationalspieler vor dem EM-Qualifikationsspiel in Schweden ein Banner mit der Aufschrift «Stop it, Chirac» auf den Platz trug, ein Protest der Mannschaft gegen französische Atombombenversuche. Nach der Karriere schrieb Alain Sutter Bücher wie «Stressfrei glücklich sein», er bot mentales Coaching an, leitete Workshops und führte Yoga-Ferien durch.

Wer Sutter positiv gesinnt ist, sagt: Einer, der über den Fussball-Horizont hinaus sieht. Wer ihn nicht mag, für den ist der ehemalige GC-Spieler bloss ein Spinner.

Es müssen diese menschlichen Seiten gewesen sein, mit denen Alain Sutter die neuen Chefs beim FC St.Gallen überzeugt hat. Denn er hat kaum fachliche Referenzen vorzuweisen, die ihn zum Sportchef befähigen würden; von kurzen Engagements in Winterthur (Berater) und bei GC (Vize-Präsident) abgesehen begleitete er den Fussball seit seinem Rücktritt als Beobachter. Weil das Pflichtenheft eines Sportchefs ohnehin von Klub zu Klub unterschiedlich ist und diese Funktion hier anders interpretiert wird als dort, ist das gar nicht so entscheidend. Eine Ausbildung zum Sportchef gibt es nicht, jeder hat irgendwann einfach mal angefangen und es versucht.

Es gibt Beispiele wie jenes von Alex Frei, der als Nati-Rekordtorschütze von heute auf morgen vom Rasen ins Büro wechselte und beim FC Luzern scheiterte. Oder erfolgreiche wie Fredy Bickel oder Georg Heitz, die Journalisten waren, ehe sie Sportchefs wurden. Oder wie Thomas Bickel, wie Sutter kein 08/15-Fussballer, der vielversprechend beim FC Züricharbeitet. Wenn schon bei der Verpflichtung eines Stürmers nicht garantiert werden kann, dass er das Tor trifft – so kann bei einem Sportchef noch weniger beurteilt werden, ob seine Verpflichtung richtig oder falsch ist.

Wehe, wenn es schlecht läuft

Der FC St.Gallen hat wieder eine starke Führung, eine mit bekannten Aushängeschildern. Sie haben ihr Konzept mitgebracht, kernige Aussagen gemacht, von Visionen und Träumen erzählt. Wie viel – oder wie wenig – all dies im Fussball wert ist, weiss jeder Beobachter. Bis im Sommerhaben Hüppi und Sutter viel Kredit, man wird dem derzeit Viertplatzierten der Super League ein mögliches Abrutschen durchgehen lassen. Aber die Schonfrist wird beim Misserfolg rascher abgelaufen sein, als es den Protagonisten lieb ist. Der St.Galler Zuschauer ist zwar sehr geduldig – aber wenn man ihm etwas verspricht, will er es auch kriegen.

Der FC St.Gallen zählt zu den Klubs mit den meisten Zuschauern im Land, doch zuletzt kamen immer weniger Fans

Der FC St.Gallen zählt zu den Klubs mit den meisten Zuschauern im Land, doch zuletzt kamen immer weniger Fans

Keystone

Matthias Hüppi hätte es sich einfach machen können, indem er einen anderen Sportchef verpflichtet hätte. Egal ob ein erfahrener Mann, eine Klub-Legende oder ein No-Name. Er entschied sich für seinen alten Copain Alain Sutter. Wenn es gut geht, wird das Duo gefeiert. Wenn es schlecht läuft, wird ihm die Seilschaft um die Ohren gehauen. Sutter sei unqualifiziert, heisst es dann, und den Job habe er ja nur erhalten, weil Hüppi sein Freund sei.

Nur wer etwas wagt, kann etwas gewinnen

Dem neuen Präsidenten ist das egal. Weil er voll davon überzeugt ist, mit Sutter den richtigen Mann geholt zu haben. Nicht, weil sie befreundet sind. Sondern, weil er sich fachlich und menschlich keinen besseren Sportchef vorstellen kann. Sutters aktuellstes Buch trägt den Titel «Herzensangelegenheit». Ein Begriff, den auch Hüppi kennt: Denn als solche bezeichnete er den FC St.Gallen, als er sich als Präsident vorstellte.

Kommt hinzu: Hüppi weiss aus eigener Erfahrung, dass es gut herauskommen kann, wenn sich Vorgesetzter und Angestellter persönlich nahe stehen. Er wurde einst beim Fernsehen von seinem Onkel Martin Furgler eingestellt. Was anfangs hinterfragt und kritisiert wurde, stellte sich als Glücksgriff heraus. Hüppi blieb 38 Jahre lang beim Schweizer Fernsehen und gehörte bei seinem Abgang zu dessen populärsten Gesichtern.

Es ist ein Risiko, das Matthias Hüppi mit Alain Sutter eingeht. Aber nur wer etwas wagt, kann etwas gewinnen.