Im Dezember 1979 kam die Sowjetunion der afghanischen Regierung zu Hilfe, um sie im Kampf gegen die Mudschaheddin zu unterstützen. Sowjetische Panzer fuhren in Afghanistan ein. Die westliche Welt war schwer empört und boykottierte die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau.

Das Mittel des Boykotts im Sport hatten die Sowjets wenige Jahre vorher selber angewandt. Die Sowjetunion boykottierte ein Barrage-Spiel in Santiago de Chile um die Teilnahme an der Fussball-WM 1974. Im damaligen Unrechtsstaat Chile, in dem die Militärjunta von Diktator Pinochet folternd und mordend wütete, wollten die Sowjets nicht antreten.

Heute, fast 44 Jahre nach jener WM, ist Russland ein durch und durch korrupter Staat mit einem Präsidenten, der sich selbst zum Gesetz macht. Seit Jahren führt Russland einen kaum verdeckten Krieg gegen das Nachbarland Ukraine. Da aber die Welt nicht mehr in eine westliche und eine östliche Hälfte unterteilt ist, scheint niemand richtig Anstoss daran zu nehmen.

Wer an Boykott denkt, erntet Kritik

Für die Fussballweltmeisterschaft in diesem Sommer hat noch kein Teilnehmerland mit Boykott gedroht. Anders als 1980, als manche Nationen daran glaubten, mit dem Boykott eines sportlichen Grossanlasses politisch etwas bewirken zu können, wollen diesmal alle dabei sein. Wer nur schon die Idee in den Raum stellt, die WM in Russland zu boykottieren, erntet Unverständnis oder Spott.

Verhöhnung der Menschenrechte? Mangelhafte Demokratie? Krieg gegen den Nachbarn? Alles wurstegal, um es mit Gilbert Gress zu sagen.

Das Schweizer Publikum ist übersättigt

Dabei wäre der Zeitpunkt für einen Boykott für die Schweizer Nati nahezu ideal. Die Schweizer Fans mögen ihre Nationalmannschaft nicht mehr. Sie pfeifen einzelne Spieler nach erfolgreicher Qualifikation aus. Das Team von Trainer Petkovic dürfte in einer Gruppe mit Brasilien, Serbien und Costa Rica nahezu chancenlos sein, die Gruppenphase zu überstehen. Viele Leistungsträger der Nati sind in Unterform. Überdies ist das Schweizer Publikum nach vier WM-Qualifikationen in Folge übersättigt.

Würden die Schweizer Fussballer die WM in Russland boykottieren, könnten sie unendlich viel mehr bewirken als bei einer Teilnahme. Ein Boykott wäre politisch mutig und sportlich vernünftig. Denkt darüber nach!