Platz 1, Platz 1, Platz 1. Egal, ob Trainer, Führungsspieler oder Funktionär: Punkto Zielsetzung herrscht absolute Übereinstimmung. Nichts von wegen «wir wollen uns qualifizieren». Nein, Platz 1 und damit der direkte Weg an die WM in Russland muss es sein. Das in einer Gruppe, die nicht wirklich einfach ist. Da ist einerseits der Europameister Portugal. Heute, im St. Jakob-Park, gleich zum Auftakt in die WM-Qualifikation.

Da wartet andererseits aber auch Ungarn auf das Schweizer Fussball-Nationalteam. Eine Mannschaft, die an der EM gleichermassen überrascht und begeistert hat. Gewiss eine Mannschaft ohne grosse Namen und überschaubarer individueller Klasse. Aber eine Mannschaft auch, die von ungeheurer Leidenschaft, grosser Solidarität und einer für jeden Gegner nervtötenden Galligkeit beseelt ist. Allein schon deshalb wäre es aus Schweizer Sicht fatal, den Kampf um Platz 1 auf das Duell mit dem Europameister zu reduzieren. Auch wenn die Gegenwart Portugal heisst.

Valon Behrami zum bevorstehenden Spiel gegen Portugal

Valon Behrami zum bevorstehenden Spiel gegen Portugal

Basel - 5.9.16. - Der Schweizer Mittelfeld Nationalmannschaft über das Spiel am 6.9. gegen Portugal.

Diese Mannschaft hat an der EM ihr grosses Potenzial offenbart

Platz 1 ist eine sportliche Ansage. Das ist gut so. Es ist aber nicht so, dass selbstbewusste Voten aus dem Kreis der Nationalmannschaft ein Novum wären. Es gab schon Spieler, die vom EM-Titel gesprochen haben. Doch das war eher ein Schwadronieren. Im Kontext der WM-Qualifikation von Platz 1 zu reden, entspringt freilich einem grossen Selbstvertrauen, entbehrt aber auch nicht einer gewissen Logik.

Denn diese Mannschaft hat an der EM in Frankreich ihr grosses Potenzial offenbart. Zum viel beachteten Coup hat es zwar nicht gereicht. Wie 2006, 2010 und 2014 war bereits in der ersten K.-o.-Runde «game over». Warum? Weil die Schweizer Nati am altbekannten Problem mit dem Toreschiessen litt. Sie hat gegen Polen Chancen kreiert, um zwei Partien zu gewinnen. Aber es blieb beim einen, atemberaubenden Treffer von Xherdan Shaqiri.

Platz 1 im Ranking der schönsten EM-Tore – ein lächerlicher Lohn für den Aufwand in Frankreich. Allein der EM-Achtelfinal gegen Polen war etwas vom eindrücklichsten, was wir von der Schweizer Nati in diesem Jahrhundert gesehen haben. Die erste Halbzeit war zwar bisweilen chaotisch. Aber wie die Schweiz auf den Rückstand reagierte (mit Selbstbewusstsein statt mit Verzweiflung) und sie den Gegner dominierte (mit Souplesse statt mit brachialer Kraft), war ganz grosse Klasse.

Vladimir Petkovic über das bevorstehende Spiel gegen Portugal

Vladimir Petkovic über das bevorstehende Spiel gegen Portugal

Basel - 5.9.16. - Der Trainier der Schweizer Nationalmannschaft über das WM-Qualifikations-Spiel am 6.9. gegen Portugal.

Aber eben: Das Tor, um der Penalty-Entscheidung ein Schnippchen zu schlagen, fiel nicht. Man kann es fehlende Klasse nennen, wenn die Offensivspieler beste Möglichkeiten auslassen. Doch das Toreschiessen ist eine komplexe Angelegenheit für Geist und Körper. Da entscheiden Nuancen. Keine Frage: Die Schweiz hat nicht die Stürmer vom Format eines Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi, diesen eiskalten, präzisen Vollstreckern. 2016 haben weder Haris Seferovic noch Breel Embolo oder Eren Derdiyok für die Schweiz je getroffen.

Aber sie sind besser als ihre Statistik. Insbesondere Seferovic und Embolo stehen an der Schwelle zur gehobenen Stürmer-Klasse Europas. Sie brauchen nur ein, zwei, vielleicht drei Erfolgserlebnisse und das Vertrauen ihrer Klubtrainer, um weiterzuwachsen. Valon Behrami sagte im Interview mit der «SonntagsZeitung»: «Es fehlt an Persönlichkeiten, die in entscheidenden Momenten handeln, Verantwortung übernehmen und den Unterschied ausmachen. Es gibt Spieler, die alle Anlagen dazu haben, die aber eben auch noch einen Schritt machen müssen.»

Rückschläge zu bewältigen

Platz 1 in der WM-Qualifikation ist ein realistisches Ziel. Schliesslich wird der Nationalmannschaft schon seit vier Jahren ein grosses Potenzial nachgesagt. Nicht zu Unrecht, auch wenn der Exploit bisher ausgeblieben ist. Nur waren wir vielleicht zu ungeduldig mit dieser Mannschaft, haben schon 2014, spätestens 2016 eine Heldentat erwartet. Und dabei ausgeblendet, dass viele Spieler, die das Gerüst bilden, noch in der Entwicklung stecken. Ein wichtiger Teil dieser Entwicklung ist, Rückschläge zu bewältigen.

Granit Xhaka ist das bei Mönchengladbach bereits gelungen. Nun hat er bei der Welt-Marke Arsenal London die Möglichkeit, als Chefstratege weiterzuwachsen. Fabian Schär hat an der EM bewiesen, dass Stilsicherheit und Selbstbewusstsein nach einem turbulenten ersten Jahr in der Bundesliga nicht gelitten haben. Ricardo Rodriguez hat in Frankreich angedeutet, dass er das schwierige Jahr (mit dem Tod seiner Mutter und der sportlichen Talfahrt von Wolfsburg) überwunden hat.

Xherdan Shaqiri, der gegen Portugal verletzungsbedingt fehlt, scheint nach den glamourösen Stationen München und Mailand in der Arbeiterstadt Stoke wieder Boden unter den Füssen zu haben. Und für die Nati entpuppt sich der Rückschlag gegen Polen vielleicht doch noch als wertvoll.