Wintersport
Warum der Naturschnee im Spitzensport längst keine Rolle mehr spielt

In Wengen schneit es. Endlich ist die Landschaft weiss: Winterzauber im Berner Oberland. Der Tourismus hat den so lange erwarteten Schnee erhalten. Die Freude ist gross. Aber nicht überall.

Martin Probst, Wengen
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Eine gesperrte Piste - ein Bild, das sich häuft.

Eine gesperrte Piste - ein Bild, das sich häuft.

Keystone

So perplex es tönt, für die Veranstalter der Lauberhornrennen ist Neuschnee ein Ärgernis. Der professionelle Schneesport hat sich vom Naturschnee emanzipiert. Bernhard Russi sagte einst: «Für die Präparierung einer Rennpiste ist uns eine grüne Wiese als Ausgangslage am liebsten.»

So wird nun in Wengen der Neuschnee aus der Piste geschafft. Der künstlich erzeugte Schnee ist den Machern lieber. Doch warum ist das so? Weil Naturschnee für den Profisport zu wenig kompakt ist. Weil ein Rennen auf unbehandeltem Naturschnee nicht möglich ist. Bob Lehmann, in Wengen für die Rennpiste verantwortlich, sagt: «Auf der Rennpiste liegt Schnee, der pro Kubikmeter zirka 700 bis 800 Kilogramm wiegt. Naturschnee bringt es auf 50 bis 200 Kilogramm.»

Künstlich erzeugter Schnee wiegt bereits 300 bis 500 Kilogramm pro Kubikmeter. «Die Arbeit, die wir dann noch haben, um den Schnee mittels Wasser noch kompakter zu machen, ist somit deutlich geringer, als wenn wir mit Naturschnee beginnen», sagt Lehmann. In anderen Wintersportarten ist dies nicht anders. Im Skispringen gibt es gar keinen Naturschnee mehr, im Langlauf oder Biathlon immer weniger. Der Wintersport ist nicht abhängig vom natürlich Schneefall. Im Gegenteil: Die Hightech-Materialien, die Sportlerinnen und Sportler verwenden, funktionieren auf einer natürlichen Unterlage gar nicht. Das Verletzungsrisiko wäre zu gross. Weil die Unterlage den Kräften, die im Spitzensport entstehen, nicht gewachsen wäre.

Schneeproduktion im Sommer
Doch der Winterzauber aus der Maschine ist teuer: Für die Lauberhornpiste kostet die Schneeerzeugung zwischen 300 000 und 400 000 Franken. Voraussetzung für die Beschneiung mit Schneekanonen sind tiefe Temperaturen. Ist es wie in diesem Winter lange zu warm, sind die Rennen gefährdet. «Den Schnee für den unteren Teil der Piste mit Helikoptern zu beschaffen, hätte uns rund 600 000 Franken gekostet», sagt OK-Präsident Urs Näpflin. «Das wäre für uns niemals umsetzbar gewesen. Sowohl aus ökologischen als auch aus finanziellen Aspekten.»

Helfer präparieren die Rennstrecke am Lauberhorn. Schneemangel verhindert im Jahr 1993 die Lauberhornabfahrt.

Helfer präparieren die Rennstrecke am Lauberhorn. Schneemangel verhindert im Jahr 1993 die Lauberhornabfahrt.

Keystone

In Wengen sind die Rennen also nicht mehr abhängig vom Schneefall, die tiefen Temperaturen des Winters braucht es aber allemall. Aber Not macht erfinderisch. Am Lauberhorn wurde eine Schneekanone in ein Zelt gestellt, das extra gekühlt wurde. «So konnten wir wenigstens einen Teil des Schnees produzieren, als es noch zu warm war», sagt Lehmann. In Adelboden fand Rennleiter Hans Pieren ein «kaltes Loch». Also eine Stelle an einem Bach, wo eine Art Mikroklima herrschte. Dort waren die Temperaturen genug tief, um Schnee zu erzeugen.

Für ganze Skipisten braucht es weiterhin kalte Luft. Um kleine Flächen mit Schnee zu versorgen, sind die Technologien aber bereits weiter fortgeschritten. Die Firma TechnoAlpin wirbt damit, dass ihre «Snowfactory» sogar im Hochsommer eingesetzt werden kann. Ein Kühlsystem in einem Container macht es möglich. Die Anlage wurde in der Lenzerheide für die Tour de Ski der Langläufer und die Biathlon-Arena verwendet. Die sechswöchige Miete kostete 100 000 Franken. Nun überlegen sich die Betreiber der Biathlon-Arena Lenzerheide AG, eine solche Anlage für rund 700 000 Franken zu kaufen.

Klassiker bald im Februar?

Die Abfahrten in Wengen und Kitzbühel sind Kult und finden im Januar statt. Nur machten die Wetterverhältnisse die Durchführungen zu diesem Zeitpunkt zuletzt schwieriger. Der Internationale Skiverband stellt sich darum zumindest die Frage nach Alternativen. FIS-Renndirektor Markus Waldner sagt: «Wir müssen uns Gedanken machen, wo wir künftig fahren und wann wir fahren.» Die Klassiker im Februar? So einfach ist das nicht. Der Januar ist für den Wintertourismus schwierig. Weihnachten sind vorbei und die Sportferien kommen erst. Die Rennen kommen da gelegen: ausgelastete Hotels und viele Gäste. Im Februar sind Sportferien. Da kommen die Gäste sowieso in die Berge.

Die «Snowfactory» produziert zirka 100 Kubikmeter Eisplättchen in 24 Stunden. Ein moderner Schneeerzeuger schafft in der gleichen Zeit bis zu 2000 Kubikmeter Schnee. Neben dem Standort-Nachteil, der Schnee wird von der «Snowfactory» immer am gleichen Ort produziert und muss von dort mit Maschinen beispielsweise auf die Loipe transportiert werden, ist die Herstellungsmenge also der Hauptgrund, warum die Technologie beispielsweise nicht für das Lauberhornrennen verwendet werden könnte. In Wengen benötigt Lehmann gut 120 000 Kubikmeter Schnee, um die Rennpiste zu präparieren.

Doch nicht nur die Schneefabrik bietet neue Möglichkeiten. Bereits jetzt wird in diversen Regionen der Schweiz der Schnee konserviert. Beim «Snowfarming» wird ein Schneehaufen mit Sägespänen überdeckt. Es entsteht eine Isolation, die es möglicht macht, den Schnee über den Sommer zu konservieren. Der Verlust beträgt nur rund ein Drittel der Schneemenge. In Davos, wo die Methode bereits seit einigen Jahren angewendet wird, will man die Kapazität bald auf 20 000 Kubikmeter erhöhen, um auch künftig die Durchführung von Langlauf- und anderen Sportwettbewerben zu garantieren.

Keine Kunst, nur Technik
Im professionellen Wintersport ist der Schnee längst ein Luxusprodukt: weisses Gold. Hergestellt von modernen Maschinen. Der Schnee wird so zum Produkt. Experten mögen den Ausdruck Kunstschnee nicht. Der Winterzauber aus der Maschine habe wenig mit Kunst, dafür viel mit Technik zu tun.
Die Bilder von weissen Rennpisten in grüner Landschaft sind für die Zuschauer ungewohnt. Für den Spitzensport aber kein Problem. «Trotzdem müssen auch wir uns die Sinnfrage stellen», sagt FIS-Renndirektor Markus Waldner. «Wollen wir diese Bilder wirklich sehen?» Eine Möglichkeit wäre, den Rennkalender weiter nach hinten zu verlegen. In den vergangenen Jahren lag oft spät in der Saison viel Schnee. Nur: Im April wollen die meisten Menschen nichts mehr vom Winter wissen. So oder so. Dem Sport ist es egal. Er braucht den Winterzauber nicht.

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