Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit. Der Ballsport in der Halle macht auf Dornröschen. Er befindet sich im Tiefschlaf. Die Sportübertragungen im Fernsehen kommen gut ohne ihn aus. Denn Handball, Unihockey, Volleyball und Basketball haben kaum etwas zu bieten, was den TV- Konsumenten von den Sitzen reisst.

Es fehlen die sportlichen Erfolge. Es fehlen Emotionen, prickelnde Augenblicke. Für die Verbände bedeutet die mediale Mattscheibe, dass sie nicht registriert werden. Ohne Sendeminuten ist man nicht interessant für Sponsoren. Und den Jungen fehlen die Vorbilder aus dem Fernsehen. Mit Ausnahme von Unihockey stagniert die Anzahl Spieler oder geht sogar zurück.

König Fussball und Prinz Eishockey dominieren die öffentliche Wahrnehmung. Den restlichen grossen Teamsportarten bleiben nur mediale Brosamen. Die grossen Zeiten des Schweizer Handballs etwa verblassen wie ein Foto im verstaubten Poesie- Album. Ratlosigkeit macht sich breit. Der Hallensport ist scheinbar für ewig gefangen im Jammertal.

Unihockey wird ab und zu vom Schweizer Fernsehen übertragen.

Unihockey wird ab und zu vom Schweizer Fernsehen übertragen.

Zehn Jahre später. Dornröschen ist erwacht. Wachgeküsst. Wer am Samstag SRF einschaltet, sieht die Unihockey-Playoffs live. Im Westschweizer Fernsehen RTS läuft die Volleyball-Entscheidung, im Tessiner Fernsehen RSI verfolgt man Basketball und auf MySports im UPC-Universum steht ein Livespiel aus der Handball-Meisterschaft an. Noch nie fanden diese Hallensportarten derart prominent im Fernsehen statt wie heute. Und Roland Mägerle, Leiter Sport bei SRF, sagt: «Wir sind sehr zufrieden, wie sich das Zuschauerinteresse an diesen Sportarten entwickelt.»

Wer dem Sport Leben einhaucht

Es gibt drei Auslöser für diese wunderbare Wandlung vom Entlein zum stolzen Schwan: Die Liberalisierung des Schweizer TV-Marktes. Der Einstieg des Versicherungskonzerns Mobiliar als Sponsor mit einem innovativen Ansatz der Genossenschaft «Indoor Sports». Und die Strategie der Verbände, konsequent die Professionalisierung und den Ausbau der Spiele zu echten Events voranzutreiben. Der gewünschte Effekt war nur möglich, weil die drei Entwicklungen Hand in Hand verliefen.

Ausgerechnet der jüngste Verband Unihockey, erst seit 1989 Mitglied bei Swiss Olympic, stand mit einem mutigen Entscheid vor vier Jahren am Ursprung des kleinen TV-Wunders. Mit dem Wechsel von einer Playoff-Finalserie auf den Superfinal rief man SRF auf den Plan. Das bestätigt Mägerle: «Unihockey war damit sehr innovativ. Man hat einen Event mit Atmosphäre und Emotionen kreiert. Dieser Anlass weist auch eine sehr starke Einschaltquote auf.»

Volleyball bekommt neben der sandigen Variante ebenfalls mehr Aufmerksamkeit.

Volleyball bekommt neben der sandigen Variante ebenfalls mehr Aufmerksamkeit.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Fernsehen und dem Unihockey-Verband hat sich seit dem ersten Superfinal entwickelt. Zum zweiten Mal wird heuer ab Playoff-Viertelfinal jeden Samstag um 17.00 Uhr eine Partie live übertragen. Nach einem erfolgreichen Testjahr hat man den Vertrag bis Ende Saison 2022/23 verlängert. «Mit Unihockey sprechen wir ein markant tieferes Alterssegment an. Sportübertragungen für ein junges Publikum zu produzieren, ist eine unserer Zielsetzungen», sagt Roland Mägerle. Und Unihockey-Verbandsboss Daniel Bareiss sagt: «Die TV-Übertragungen verhelfen uns zu einem viel grösseren Bekanntheitsgrad.»

Das Interesse der SRG an den Teamsportarten beschränkt sich nicht auf die Trenddisziplin Unihockey. Mägerle sagt, dass man das Sportprogramm markant ausgebaut habe. «Wir haben unser Angebot an Live-Übertragungen von Sportarten ausserhalb der Top 5 in den letzten fünf Jahren rund vervierfacht.» Den Hallensportarten in die Hände gespielt hat das vor drei Jahren von SRF lancierte Angebot mit Live-Sportwochenenden im Winter. Da passen Meisterschaftsspiele gut in den Programmablauf.

Profitiert haben die vier Ballsportarten von der Liberalisierung des Schweizer TV-Markts. Mit Teleclub und MySports entstanden zwei neue Anbieter, die stark auf Sport setzen. Fussball und Eishockey wanderten zuletzt vermehrt hinter eine Bezahlschranke. Die verstärkte Konkurrenzsituation veränderte die Ausgangslage.

Neue Möglichkeiten dank Stream

Ein in den letzten Jahren stark ausgebautes Angebot der SRG ist auch das Live-Streaming auf mehreren Kanälen. Volleyball war vor vier Jahren der Pilot zum Projekt «Indoor Sports», als das Fernsehen auch mit der Unterstützung der Mobiliar erstmals alle Playoff-Spiele live gestreamt hat. Aktuell können die Volleyball-Finals der Frauen und Männer mit Adrian Wicky als Kommentator live auf dem SRF-Stream verfolgt werden. Punkto Qualität der Übertragungen mache man zwischen Stream und TV-Kanal keinen Unterschied, erklärt Roland Mägerle.

Im Handball spielt die Schweizer Nationalmannschaft bald gegen Belgien.

Im Handball spielt die Schweizer Nationalmannschaft bald gegen Belgien.

Mit Nachdruck auf Livebilder setzt man im Handball. Dort können alle Männer- und Frauen-Spiele der höchsten Liga auf handball.ch verfolgt werden. Die Sportart ist auch Beispiel dafür, wie vielseitig die Plattform Fernsehen geworden ist. MySports zeigt während der Saison zumeist am Donnerstagabend 25 NLA-Spiele live, SRF hat die beiden Cupfinals als Stream übertragen und bringt seit vier Jahren die Pflichtspiele der Nationalmannschaft in der Schweiz live. Zudem gibt es im Juni erstmals eine Direktübertragung von Frauen-Länderspielen, wenn die Schweiz im WM-Playoff auf Dänemark trifft. TV 24 hat sich derweil die Rechte an den Auswärtspartien der Männer-Nati gesichert.

In der Deutschschweiz wenig verbreitet ist Basketball. Trotzdem zeigt sich auch Verbandspräsident Giancarlo Sergi mit der Entwicklung beim TV-Auftritt zufrieden. Die SRG produziere zehn Playoff-Spiele live. Dazu kann man den Schweizer Cupfinal live bei RTS im TV und bei SRF als Livestream sehen. Auch MySports überträgt im Rahmen der Kooperation mit Swiss Basketball 22  Partien direkt.

Ohne den gemeinsamen Sponsor Mobiliar wäre die TV-Präsenz in diesem Ausmass nicht möglich. Roland Mägerle sagt: «Grundlage ist die Vereinbarung der SRG mit den vier Verbänden. Die Mobiliar ist ebenfalls Vertragspartner und beteiligt sich mit einem substanziellen Beitrag. Unser Engagement wäre ansonsten nicht in diesem Masse machbar gewesen.»

Für die Mobiliar war es Neuland, als sie 2007 als Hauptsponsor bei der aufstrebenden Teamsportart Unihockey einstieg. Daraus entstand die Idee, ab 2013 das gemeinsame Projekt «Indoor Sports» der vier Ballsportarten als Genossenschaft unter einem Dach zu lancieren. Vor einem Jahr stiess auch die Krankenkasse Concordia dazu.

Basketball-Verbandspräsident Giancarlo Sergi sagt: «Das Engagement hat diesen vier Verbänden stark geholfen. Und ich meine damit nicht nur die finanzielle Unterstützung. Die Mobiliar brachte Professionalität in unsere Organisationen». Sein Unihockey-Gegenstück Bareiss bilanziert: «Die Idee der gemeinsamen Plattform hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Zusammenarbeit mit der Mobiliar hat dazu geführt, dass man die Verbände heute als professioneller wahrnimmt.» Und für Werner Augsburger, Verbandsdirektor im Volleyball, hat gerade das Mobiliar-Projekt des Topskorers «Vorbildcharakter, wie ein gemeinsamer Auftritt in vier Sportarten identisch umgesetzt werden kann».

96 Prozent machen mit

Der Fördergedanke ist ein wichtiger Faktor für den Sponsor. «Wir wollten gemeinsam Geschichten entwickeln», sagt Benjamin Echaud, Leiter Sponsoring & Events bei der Mobiliar. Der Austausch unter den Verbänden sei viel intensiver geworden. Die erlangte Verbundenheit misst sich auch daran, dass 96 Prozent aller Mobiliar-Generalagenturen lokale Partnerschaften in einer der vier Sportarten abgeschlossen haben. Wie viel sich die Mobiliar das Engagement kosten lässt, wird nicht offiziell kommuniziert. Verbürgt ist einzig die Zahl von 400 000 Franken, welche durch das Topskorer-Projekt jährlich in den Nachwuchs der vier Sportarten fliesst.

Echaud sagt, dass das öffentliche Interesse an den vier Sportarten in diesen fünf Jahren spürbar gestiegen sei.Viel haben die Verbände insbesondere in die Präsentation ihrer Events investiert. Dazu gehört auch der Mut, mit ihren Spielen in die grossen Hallen zu gehen. Unihockey organisiert den Superfinal im Klotener Eishockeystadion. Die Basketball-Cupfinals fanden in der neuen Bieler Eishalle statt. Die Handball-Nationalmannschaft spielte im Hallenstadion gegen Deutschland. Nicht ohne Wirkung: Der Zuschauerschnitt bei Länderspielen in der Schweiz hat sich gemäss Verbandsdirektor Jürgen Krucker in den letzten fünf Jahren verdoppelt.

Zwei weitere Dinge fallen auf: Die vier Hallensportarten können die Anzahl Spielerinnen und Spieler ausbauen oder konsolidieren. In Zeiten zunehmender Individualisierungs-Tendenzen in der Gesellschaft ist dies für strukturierte Teamsportverbände bereits ein Erfolg. Auch sportlich läuft es derzeit rund. Die Unihockey-Männer lieferten an der WM im November Rekord-Weltmeister Schweden einen epochalen Fight, den sie erst im Penaltyschiessen verloren.

Die Schweizer Handballer wollen sich in diesen Tagen endlich wieder einmal für eine EM qualifizieren. Und die Volleyball-Frauen haben sich jüngst erstmals auf sportlichem Weg für die EM-Endrunde qualifiziert. Im Basketball sorgen die Westschweizer NBA-Stars Clint Capela und Thabo Sefolosha für Freudensprünge. Dornröschen ist definitiv aus seinem Tiefschlaf erwacht.