Er ist die Traumbesetzung für die Rolle eines Lieblings der Hockey-Götter in einem Hollywood-Film. Gerade deshalb hat er das zweite Final-Spiel entschieden. Roman Wick (32) hat nach exakt 77 Minuten das 5:4 erzielt. Trainer Hans Kossmann sagt zwar, Wick habe diesen Treffer verdient, weil er seit Wochen sehr hart arbeite. Aber getroffen hat Wick, weil er ein Spielerist. Kein Arbeiter. Ein Liebling der Hockey-Götter.

Roman Wick ist einer der ganz wenigen echten, ewigen Spieler, die diese gewisse Leichtigkeit des Seins haben – und darum die Gunst der höheren Hockey-Mächte. Durch Nachlässigkeit zwischen September und März, wenn es sowieso nicht zählt, hat der Hobby-Rockgitarrist gar seine Vertragsverlängerung gefährdet.

Aber nur wer im Alltag locker ist, kann es auch sein, wenn es zählt. Er wirkt nach vollbrachter Tat locker und frisch. Die 23  Minuten und 26 Sekunden Arbeitszeit (Eiszeit) sind ihm nicht anzumerken. Er ist bescheiden, freundlich und unbekümmert. Auf dem Weg vom Eis zur Garderobe verspricht er einem Fan einen Stock. Dieses Versprechen vergisst er nicht.

Nachdem er den Chronistinnen und Chronisten ausgiebig Auskunft gegeben hat, sorgt er dafür, dass dieser Fan seinen Stock bekommt. Hätte Hollywood also die Rolle eines coolen, ein bisschen rebellischen Hockey-Stars zu vergeben, Roman Wick bekäme sie. Mit der Auflage, einfach sich selbst zu sein und nicht etwa zu schauspielern. Mit den langen Haaren wirkt er wie ein Rockstar.

Arbeiter hilft Künstler

Locker erzählt er von seiner Heldentat. Er habe ein gutes Zuspiel von Ronalds Kenins bekommen und eine Schusslinie gesehen. Und abgedrückt. Dieses Tor ist die perfekte Kombination aus Kunst und Arbeit. Der Kunstschütze Roman Wick trifft nach einem Zuspiel des «Hockey-Vorarbeiters» Kenins. Arbeiter hilft Künstler. Die Kombination der verschiedenen Stile und Persönlichkeiten war schon immer eine Hockey-Erfolgsformel.

Wer sagt, der Verlängerungssieg der ZSC Lions gegen Lugano (5:4) sei logisch und uns dafür gleich eine kluge taktische Analyse mitliefert, ist ganz einfach ein Angeber. Es gibt für diesen Sieg keine zwingende Logik. Die Hockey-Götter haben gewürfelt. Und die Würfel sind gegen Lugano gefallen.

Nach dem Spiel nervt sich ein Puritaner über das Niveau. Zu viele Fehler! Kein gutes Hockey! Puritaner sehen Eishockey als Arbeit. Eishockey soll gearbeitet, nicht gespielt werden. Alles soll berechenbar, präzis und fehlerfrei sein. Das ist dann für die Puritaner hohes Niveau. Gott sei Dank haben wir im Hallenstadion kein gutes Hockey im Sinne der Puritaner gesehen.

Gott sei Dank wurde Eishockey gespielt. Und nicht gearbeitet wie bei der ersten Partie in Lugano. Dort hatten die Zürcher auch gewonnen. Mit dem perfekten, aber schlimmsten aller Resultate (1:0).

ZSC - Lugano, Spiel 2, Highlights

Nach dem samstäglichen Spektakel im Hallenstadion (5:4 n. V.) achteten alle sorgsam darauf, die ungeschriebenen Gesetze der Playoffs zu respektieren. Nur jetzt ja nichts verschreien. Also sagten alle, die befragt werden, man nehme Spiel für Spiel. Noch sei nichts entschieden.

Zwei von vier Siegen sind geschafft. Aber ZSC-Trainer Hans Kossmann antwortete auf die Frage, ob dieser zweite Sieg nun die «halbe Miete» sei: «Nein.» Er vermied auch sorgsam eine Antwort auf die Frage, ob er in seinem Vertrag eine Meisterprämie habe. Er wich aus und sagte, er wisse es nicht. Seine Frau kümmere sich um finanzielle Angelegenheiten. Er weiss: Niemals über einen Titel reden, der noch nicht gewonnen ist. Das verärgert die Hockey-Götter.

Und doch sind die ZSC Lions dem Titel näher als Lugano. Nicht wegen der zwei Siege. Die sind aufzuholen. Es ist etwas anderes: Lugano steht näher am Abgrund der Erschöpfung.

Noch war in diesem Spiel auf den ersten Blick nicht zu erkennen, welche Mannschaft mehr Energiereserven hat. Aber auf den zweiten Blick schon. Stark vereinfacht gesagt: Wenn der Treibstoff der Zürcher zu 50 Prozent aus Kraft und zu 50 Prozent aus Emotionen gemischt ist, dann liegt diese Mischung bei Lugano bei 30 Prozent Kraft und 70 Prozent Emotionen.

Lugano und die Leidenschaft

Wir haben in Zürich ein grosses, weil leidenschaftliches Lugano gesehen. So lange diese Leidenschaft brennt, kann Lugano die ZSC Lions herausfordern. Diese Leidenschaft wird im Falle einer dritten Niederlage am Montag erlöschen.

Lugano ist nur noch eine Niederlage vom Abgrund entfernt. Die ZSC Lions werden Meister, wenn sie am Montag gewinnen. Und wahrscheinlich auch dann, wenn sie am Montag verlieren. Die Hockey-Götter haben gewürfelt und ihren Gefallen an Roman Wick gefunden. «Alea iacta est.» Die Würfel sind gefallen.