Tour de France
Vor dem Start der Tour: Gelingt Quintana die Wachablösung?

Der Kolumbianer Nairo Quintana fordert bei der Tour de France den Titelverteidiger Chris Froome heraus – doch zunächst muss er die Gefahren der ersten Rennwoche hinter sich lassen

Simon Steiner
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Diesmal will der Kolumbianer Nairo Quintana (links) Titelverteidiger Christopher Froome (R) in den Bergen auf Augenhöhe herausfordern.

Diesmal will der Kolumbianer Nairo Quintana (links) Titelverteidiger Christopher Froome (R) in den Bergen auf Augenhöhe herausfordern.

KEYSTONE

Die Tour de France kennt kein Erbarmen. Wer im falschen Moment an der falschen Position fährt, für den geht das Abenteuer schneller zu Ende, als der Bremsweg lang ist. Unvergessen bleibt das Sturzfestival vor zwei Jahren: Chris Froome und Alberto Contador gingen als Topfavoriten an den Start, Mathias Frank als Schweizer Hoffnung für das Gesamtklassement. Eine Woche später war keiner der drei mehr im Rennen. Ob Handgelenk, Schienbein oder Oberschenkelhals – zumindest einen Knochen hatte jeder gebrochen.

Gut möglich also, dass das schönste Drehbuch auch diesmal schon bald wieder Makulatur ist. So wenig man dies den Protagonisten wünschen würde. Und so bedauerlich es wäre angesichts der Ausgangslage vor der 103. Auflage der Frankreich-Rundfahrt, die heute in der Normandie beginnt. Erneut wird ein grosses Duell um den Gesamtsieg erwartet. Designierte Hauptdarsteller: Chris Froome und Nairo Quintana. Entscheidende Frage: Kann der 31-jährige Brite Froome, der zweifache Gesamtsieger und Titelverteidiger, seinen fünf Jahre jüngeren Herausforderer, diesen begnadeten Kletterer aus den kolumbianischen Anden, bei der Tour noch ein weiteres Mal auf Distanz halten?

Nairo Quintana hofft zum ersten Mal bei der Tour de France oben auf dem Treppchen zu stehen.

Nairo Quintana hofft zum ersten Mal bei der Tour de France oben auf dem Treppchen zu stehen.

KEYSTONE/EPA EFE/QUIQUE GARCIA

2015 gelang dies Froome gerade noch, obwohl er bereits damals einen schmerzhaften Vorgeschmack auf das erhielt, was ihm nun blühen könnte. Als es am zweitletzten Tag zum Showdown in den 21 berühmtesten Haarnadel-Kurven der Radsportgeschichte kam, hoch auf die Alpe d’Huez, sah der Brite im Maillot jaune von seinem Gegenspieler bald nur noch das Hinterrad. Und dann überhaupt nichts mehr, bis er über eine Minute nach Quintana im Ziel ankam – und seine Gesamtführung damit gerade noch verteidigen konnte. «Ich bin in dieser Steigung tausend Tode gestorben», gab Froome später zu.

Die Berge sprechen für Quintana

An Gelegenheiten, seinen Kontrahenten am Berg in Verlegenheit zu bringen, wird es Quintana in den kommenden drei Wochen nicht fehlen. Nach einem Abstecher in die Pyrenäen steht am 14. Juli zur Feier des französischen Nationalfeiertags mit dem Mont Ventoux der erste Höhepunkt auf dem Programm. Nach der Etappenankunft und dem Ruhetag in Bern markiert dann das Teilstück zum Stausee von Finhaut-Emosson im Wallis den Auftakt zu den letzten schweren Alpenetappen.

Froome seinerseits kann sich auf das stärkste Team im Feld verlassen, obwohl die Sky-Armada diesen Frühling nicht ganz den gleich dominanten Eindruck hinterliess wie in anderen Jahren. Zudem wird der 1,85 m grosse Brite versuchen, in den beiden Zeitfahren eine Differenz zu schaffen. Allerdings hat der klein gewachsene Kolumbianer zuletzt in diesem Bereich weitere Fortschritte unter Beweis gestellt, zudem handelt es sich bei der zweiten Prüfung gegen die Uhr in der letzten Woche nach Megève um ein Bergzeitfahren.

Titelverteidiger: Chris Froome

Titelverteidiger: Chris Froome

KEYSTONE/AP/CHRISTOPHE ENA

«Das wird die grösste Herausforderung meiner Karriere», sagte Froome angesichts des steigungsreichen Parcours. Der in Kenia geborene Brite gewann zuletzt die Dauphiné-Rundfahrt – in Abwesenheit von Quintana, der unter anderem bei der Tour de Romandie triumphiert hatte und sich nun in die Siegerliste der «Grande Boucle» eintragen möchte, als erster Kolumbianer.

Die Gefahren der ersten Woche

Alle Anwärter aufs Gesamtklassement müssen aber zunächst die erste Tourwoche heil überstehen. Bereits am Auftaktwochenende in der Normandie könnten Wind und Wetter für tückische Verhältnisse sorgen. Unter ähnlichen Umständen hatte Quintana vor einem Jahr bei der zweiten Etappe in den Niederlanden 1:28 Minuten auf Froome eingebüsst, weil sich das Feld geteilt hatte. Am Ende fehlten ihm 1:12 zum Sieg. «Diesen Fehler werde ich sicher nicht mehr machen», sagte der Movistar-Profi.

Allerdings werden Quintana und seine Helfer nicht die Einzigen sein, die einen Platz an der Spitze des Feldes suchen werden. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre wird in den ersten Etappen ein Grossteil der Fahrer versuchen, sich in den vordersten Positionen einzureihen, um Stürzen und Zeitverlusten möglichst aus dem Weg zu gehen – und mit diesen Positionskämpfen die allgemeine Hektik und das Sturzrisiko erst recht erhöhen. So abgedroschen es klingen mag: In der ersten Woche kann man die Tour de France nicht gewinnen. Aber man kann sie bereits verlieren.

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