Champions League
Vor dem Arsenal-Spiel: Ist der FCB so gut wie noch nie?

Ehemalige Basler Grössen beurteilen den grossen Dominator der Meisterschaft.

Sébastian Lavoyer
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Waren sie ein Teil des besten FC Basel der Geschichte? Marco Streller und Alex Frei bejubeln den 2:1-Sieg gegen Manchester United im Dezember 2011.keystone

Waren sie ein Teil des besten FC Basel der Geschichte? Marco Streller und Alex Frei bejubeln den 2:1-Sieg gegen Manchester United im Dezember 2011.keystone

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Christian Gross (62) zieht die Augenbrauen hoch, legt die Stirn in Falten und spricht vom Aderlass, den der FC Basel hinter sich habe. «Und zwar von Spieler-Persönlichkeiten», präzisiert er. Er habe auf Pascal Zuberbühler zählen können, die Yakin-Brüder. Später seien mit Beni Huggel, Marco Streller und Alex Frei Charakter-Köpfe aus dem Ausland zurückgekehrt. Im heutigen Team jedoch vermisst der ehemalige FCB-Erfolgstrainer (1999 bis 2009) «ein bisschen FCB». Es fehlt ihm das Basler Element, es fehlt ihm ein wirklicher Leader.

Die Aussagen, die Gross im «Sportpanorama» machte, lassen aufhorchen. Denn selten ist der FC Basel in den letzten Jahren so erfolgreich in eine Saison gestartet wie dieses Jahr. 9 Spiele, 9 Siege, 13 Punkte Vorsprung auf Lausanne, den ersten Verfolger – die Rot-Blauen sind der Konkurrenz längst entrückt. Auch wenn sie selten überragend gespielt haben, haben sie doch immer gewonnen. Zum Beispiel letzten Mittwoch in Lausanne: Der Aufsteiger dominierte den Meister über weite Strecken, lag 1:0 vorn. Der FCB wankte, doch er fiel nicht. Ein Sieg dank einem Tor Sekunden vor Schluss. Michael Lang meinte danach: «Es klingt vielleicht dumm, aber letztlich macht das eine Spitzenmannschaft aus.»

Keine Diskussion: In der Liga kann niemand mit Basel mithalten – weder sportlich noch finanziell. Man stellt sich schon gar nicht mehr die Frage, wer Meister wird, sondern nur noch wann und wie gross der Vorsprung auf den Zweiten wohl wird. Und so misst sich der FCB in erster Linie mit sich selbst. Deshalb die Frage: Wie gut ist diese Mannschaft wirklich? Wie schneidet die Ausgabe 2016/17 im Langzeitvergleich ab? Besteht das Team bei der Gegenüberstellung mit den legendären Mannschaften der Jahre 2002/03, als die Basler unter Christian Gross in die Zwischenrunde der Champions League vorstiessen, oder 2011/12, als sie erst im Achtelfinal der Königsklasse an Bayern München scheiterten? Oder fehlt es doch an Charakter, an individueller Klasse wie Gross vermutet?

Wir haben nachgefragt bei zwei FCB-Grössen, welche in den genannten Teams tragende Rollen innehatten: Hakan Yakin (39) und Benjamin Huggel (39). Natürlich, historische Vergleiche sind immer schwierig. «Unsere Erfolge liegen mehr als zehn Jahre zurück. Der Fussball hat sich in dieser Zeitspanne extrem gewandelt, ist schneller geworden, physischer, taktisch variabler», sagt etwa Yakin.

Hakan Yakin engagiert sich neu im Ausbildungsbereich des FC St. Gallen «Diese Mannschaft lebt vom Kollektiv.» Hakan Yakin, Ex-FCB-Spieler.

Hakan Yakin engagiert sich neu im Ausbildungsbereich des FC St. Gallen «Diese Mannschaft lebt vom Kollektiv.» Hakan Yakin, Ex-FCB-Spieler.

KEYSTONE/STEFFEN SCHMIDT

Er war Dreh- und Angelpunkt als der FC Basel 2002 Liverpool in der Königklasse zweimal ein Unentschieden abtrotzte. Was ihm beim aktuellen Team auffällt, ist die Grösse des Kaders (27 Spieler) und dessen Ausgeglichenheit. Yakin: «Der Konkurrenzkampf ist gewaltig. Davon profitiert das Team natürlich.» Doch wie sein einstiger Trainer Gross vermisst auch er einen Spieler, der den Unterschied erzwingen kann, sagt: «Diese Mannschaft lebt vom Kollektiv.»

Benjamin Huggel bildete mit Granit Xhaka das defensive Mittelfeld, als Basel 2011 in der Champions League gegen Manchester United brillierte, die Red Devils im Old Trafford an den Rand einer Niederlage brachte und im Rückspiel im Joggeli gar bezwang. Er sagt: «Es hat sicherlich sehr viele, sehr talentierte Spieler im Team von Urs Fischer. Aber ein absoluter Star, ein Spieler, der laufend Spiele entscheidet, den hat man noch nicht gesehen.» Das war anders damals. Mit Alex Frei und Marco Streller hatte man gleich zwei Fussballer dieser Güteklasse. Mit Doumbia, Janko, Delgado sieht Huggel dieses Potenzial auch im aktuellen Team. Doch insbesondere bei Doumbia sieht er noch Luft nach oben.

«Der FC Basel wird an seinen internationalen Erfolgen gemessen.» Benjamin Huggel, Ex-FCB-Spieler.

«Der FC Basel wird an seinen internationalen Erfolgen gemessen.» Benjamin Huggel, Ex-FCB-Spieler.

KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS

Ist das heutige Team also besser oder schlechter als die Ausnahmegeneration von 2011/12, als mit Huggel, Streller, Frei, Shaqiri und Xhaka gleich fünf tragende Figuren aus der unmittelbaren Umgebung des Joggeli stammten? Huggel: «Schwer zu sagen. Der FC Basel wird durch die Entwicklung der letzten Jahre an seinen internationalen Erfolgen gemessen. Diese werden ausschlaggebend sein für eine abschliessende Beurteilung.»

Da spielt der tolle Start in die Liga keine Rolle. Nebensache Super League. Es zählt vor allem der Erfolg in der Königsklasse. Und genau da hat Basel die eigenen Erwartungen nicht erfüllt, spielte gegen Ludogorets, den klar schwächsten Gegner, nur 1:1. «Man darf von zwei verlorenen Punkten sprechen», sagt Yakin. Denn mit den beiden weiteren Gegnern, Paris St. Germain und Arsenal, trifft der FC Basel auf zwei europäische Fussball-Schwergewichte.

Die Warnung von Heitz

In zwei Tagen in London wird sich zeigen, wozu der FCB Ausgabe 2016/17 im Stande ist, ob der Schweizer David den englischen Goliath zu ärgern vermag, ob das Team Legenden-Status erreichen kann. Sportchef Georg Heitz warnt jedoch vor zu grossen Erwartungen, sagt: «So wie die Schere in den letzten Jahren auf nationaler Ebene auseinandergegangen ist, so wird auch der finanzielle Abstand der Klubs aus den grossen Ligen uns gegenüber immer grösser.» So liegt Basel auf der Fussball-Weltkarte je länger je mehr im Niemandsland: Der heimischen Konkurrenz enteilt – den ganz Grossen hinterherhechelnd.

Doch so schwer es sein mag, in London auch nur einen Punkt zu holen, genau an diesen Auftritten messen Fans und Beobachter den FC Basel. Und einen Vorteil haben die Basler am Mittwoch: «Sie können befreit aufspielen», so Christian Gross. Und das müssen sie auch, wenn sie in die Klubhistorie eingehen wollen. Wer weiss, vielleicht sogar als beste FCB-Mannschaft aller Zeiten.

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