Völlig gegensätzliche Welten! Es gibt auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten zwischen Rio de Janeiro und Estavayer-le-Lac. Zwischen dem Sand der Copacabana und dem Sägemehl auf dem Militärflugplatz zu Payerne. Zwischen Samba und Alphornblasen. Zwischen Bikinis und Schwingerhosen. Und vor allem: keinerlei Gemeinsamkeiten zwischen dem globalen olympischen Milliardenspektakel und dem vaterländischen Hosenlupf.

So dachte ich. Inzwischen bin ich aus Rio zurückgekehrt und nach einem Tag in der Gluthitze des Broye-Tales muss ich sagen: Rio ist nicht fern. Das Eidgenössische und Rio 2016 sind ähnlicher als die Gralshüter des Schwingens und die IOC-Bonzen denken.

Allein die Geschichte ist verblüffend. Die Olympischen Spiele und das Eidgenössische sind fast zeitgleich entstanden. Beide hatten ihre Sieger und ihre Könige bei sagenumwobenen Kämpfen schon vor Jahrhunderten erkoren. Aber in der heutigen Form entstanden sie am Ende des vorletzten Jahrhunderts. Die Geschichte des Eidgenössischen, wie wir es heute kennen, beginnt mit dem ersten Eidgenössischen 1895 in Biel. Ein Jahr später finden in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit statt.

Kampf gegen den Kommerz

Die Schwinger und das IOC haben fast hundert Jahre lang versucht, Geld, Profitum und Kommerz fernzuhalten, um die Reinheit des Sportes zu wahren. Beide haben grosse Männer, die für diesen Kampf stehen. IOC-Obmann Brundage Avery verbannte 1972 sogar den Titanen Schranz Karl wegen Verstosses gegen die Werbebestimmungen von den Spielen in Sapporo. Marti Ernst, der Obmann der Schwinger, führte den Kampf gegen den Werbe-Belzebuben Hunsperger Rudolf.

Auch er wollte ihn von den Spielen verbannen. 1977 in Basel. Er verweigerte dem König im Ruhestand die Akkreditierung als Radio-Reporter. Vergeblich. «Rüedu» schritt einfach in die Arena und nahm seinen Platz ein. Niemand wagte es, ihn daran zu hindern.

Heute klagen die Herren im IOC und die Schwingerfreunde über den Gigantismus der Spiele bzw. des Eidgenössischen und fragen sich besorgt: Wohin soll das noch führen? Im Lauf der 1990er-Jahre ist der olympische Bann für Profis aufgehoben worden. Seither sind die Spiele ein globales Milliarden-Business.

Im Lauf der 1990er-Jahre ist im Schwingen das absolute Werbeverbot aufgeweicht worden und soeben erleben wird nach 2010 (Frauenfeld) und 2013 (Burgdorf) das dritte kommerzialisierte Eidgenössische, und der nationale Hosenlupf ist mit Abstand das wirkungsmächtigste Sportfest im Lande geworden. Mit einem Umsatz von fast 30 Millionen.

Olympische Sieger und Schwingerkönige gehören zu einem exklusiven Klub. Wer Olympiasieger oder König der Schwinger geworden ist, braucht niemandem mehr etwas zu beweisen. Keine Eitelkeiten. Eine stillschweigende Allianz des ewigen Ruhmes verbindet sie. Es gibt keine Ex-Olympiasieger und keine Ex-Könige. Wer einmal siegte, bleibt immer ein Olympiasieger und ein König. Auch wenn sie später im Wettstreit unterliegen.

Nun mögen wir denken: Rio 2016 und Estavayer 2016 haben doch nur theoretische Gemeinsamkeiten. Aber so ist es nicht. Ich habe mich gestern in Estavayer nicht nur wegen des Wetters ein bisschen gefühlt wie in Rio. Es ist diese ganz besondere Stimmung. Die Menschen waren in Rio im olympischen Park fröhlich und heiter gestimmt.

Dabeisein ist alles

Viele kamen nur, um die Atmosphäre zu geniessen, und besuchten nicht einmal einen der Wettkämpfe. So ist es auch hier. Viele kommen und geniessen dieses Fest, ohne je die Schwinger-Arena zu betreten. Bei den Olympischen Spielen kommen die Menschen aus aller Welt zusammen und für ein paar Tage lebt die Illusion einer friedlichen Welt ohne Probleme. Die Versuche der Politik, die Spiele zu vereinnahmen, sind auch in Rio gescheitert.

Diese heitere Stimmung ist auch typisch für das Eidgenössische im Welschland. Die Menschen aus der ganzen Schweiz, aus den Städten und Dörfern, von den Bergen herab und aus den Ebenen, feiern ein Fest und vielleicht ist dieses Gefühl einer einigen, starken Schweiz mehr als eine Illusion. Jene Politikerinnen und Politiker, die rund um Estavayer vom «Röstigraben» schwadronieren, liegen falsch.

Und da ist noch etwas, das mich an Rio 2016 erinnert. Erstens die freiwilligen Helferinnen und Helfer. In Rio waren es rund 50 000, in Estavayer sind es rund 4000. In Rio hiessen sie «Voluntarios». In Estavayer-le-Lac «Bosseur» («Chrampfer»), auch die Frauen. Sie sind genauso freundlich, heiter gestimmt und hilfsbereit wie in Rio.

Glücklich, einfach dabei zu sein. Zweitens die Organisation. Rio 2016 hat funktioniert. Aber halt nicht ganz so, wie wir es aus der Ersten Welt 2012 in London gewohnt waren. Estavayer 2016 funktioniert auch. Nicht ganz so, wie wir es aus der Deutschschweiz 2013 in Burgdorf gewohnt waren. Aber die Unzulänglichkeiten betreffen vor allem einmal die Bequemlichkeiten der Chronistinnen und Chronisten. Die Klagen, die ich gestern vernommen habe, waren die gleichen wie zuvor in Rio: Ungenügender Verpflegungsservice und ein bisschen streng riechende Toiletten in schmucken Plastikhäuschen. Rio 2016 war trotzdem grossartig. Estavayer 2016 ist es auch.