Mallorca statt Baden. Andy Schmid schwänzte die Schweizer Handball-Gala. Kurz flogen die Rhein-Neckar Löwen in den Süden, feierten dort ihren zweiten Titel als Deutscher Meister.

Die Auszeichnung als bester Schweizer Spieler nahm seine Mutter entgegen und verriet: «Mit zehn Jahren hat Andy gesagt, er will mal in die Bundesliga.» Und dort gehört er inzwischen zu den Superstars.

Seit Mittwoch sind die Löwen wieder Meister, vor allem dank zwei herausragenden Vorstellungen von Schmid. Zunächst trumpfte er in der «Hölle Nord» auf, beim letzten Konkurrenten im Meisterschaftsrennen, der SG Flensburg-Handewitt.

Andy Schmid sichert den Löwen den Sieg im Spitzenkampf bei Flensburg

Bald zum vierten Mal MVP?

Vier Tage später riss er Stefan Kretzschmar, den ehemaligen Weltklasseflügel und heutigen TV-Experten, zu Begeisterungsstürmen hin: «Handballgott», nannte Kretzschmar den Schweizer nach dessen Auftritt gegen den THW Kiel, mit dem die Badener ihren zweiten Titel einfuhren.

«Das macht mich stolz», sagte Schmid, «aber es wird zu viel von mir gesprochen, der Teamerfolg steht über allem. Wahnsinn», sagte er. «Ich habe nicht mal Kleider für eine Party dabei, ich muss mir was einfallen lassen.»

Schmid weiss sich auch in der Bundesliga durchzusetzen.

Schmid weiss sich auch in der Bundesliga durchzusetzen.

Kurz nach der Pause legte er den Grundstein zum Triumph mit vier Toren. Der 33-Jährige gehört zur Kategorie der besonderen Sportler, weltweit. Andy Schmid ist durchaus der Roger Federer des Handballs.

Schon vor sieben Jahren schwärmte der deutsche Bundestrainer Heiner Brand: «Mit Handkuss würde ich den nehmen.» Und seither ist Schmid noch besser geworden. Dreimal in Folge war er der wertvollste Spieler der Bundesliga, nichts spricht dagegen, dass er demnächst zum vierten Mal diese Auszeichnung erhält.

Wie Federer ist Schmid mit Talent gesegnet, das er dank harter Arbeit voll ausschöpft. 90 Kilogramm bringt er bei einer Grösse von 1,90 Meter auf die Waage. Für einen Handballer wirkt er fast schmächtig, neben den Riesen, die oft klar über 100 Kilogramm Kampfgewicht auf den Platz bringen.

Hat ein gutes Auge: Der Spielmacher setzt seinen Mitspieler in Szene.

Hat ein gutes Auge: Der Spielmacher setzt seinen Mitspieler in Szene.

Schmid macht das mit Technik, Schnelligkeit und stupender Übersicht wett. Kein anderer Spielmacher setzt seinen Kreisläufer so in Szene. Immer wieder findet Schmid eine Lücke, um den Ball zum Kollegen zu bringen. Schmid gilt inzwischen als der beste Mittelmann der Welt.

Dabei ist er wie Federer auf dem Boden geblieben, hoch anständig, ohne jegliche Allüren. «Er hat nur einen Fehler, er ist noch zu lieb», sagt der ehemalige Schweizer Nationaltrainer Arno Ehret.

2003 betreute Ehret in Brasilien bei der WM auch die Schweizer U21. Mit Schmid als Ersatzspieler. «Noch bist du eine Katze, aber wenn du so weitermachst, kannst du ein Tiger werden», gab Ehret dem Talent mit auf den Weg. Er hatte recht.

Oft nur im Angriff eingesetzt

Die Löwen-Fans haben den Schweizer längst in ihr Herz geschlossen. Er löste Löwen-Ikone Uwe Gensheimer als Captain ab, als dieser vor einem Jahr zu Paris St-Germain wechselte.
Schmid ist längst mehr als nur der geniale Spielmacher.

Trainer Nicolaj Jacobsen setzt Schmid meist nur im Angriff ein. Oft nutzen die beiden dann die Zeit, um kurz die Partie zu analysieren. Mit Sportchef Oliver Roggisch teilt Schmid das Zimmer auf Reisen. Die zwei verstehen sich ausgezeichnet, obwohl sie als Handballer kaum unterschiedlicher sein könnten.

Mit Trainer Nicolaj Jacobsen tauscht er sich auch während dem Spiel oft aus.

Mit Trainer Nicolaj Jacobsen tauscht er sich auch während dem Spiel oft aus.

Der Mann mit dem goldenen Händchen, zuständig für die Finessen seines Sports, und dort der kantige Abwehrchef, der mit Deutschland 2007 Weltmeister wurde. «Genial», findet Roggisch den Schweizer, aber das «Abwehrspiel lernt er nie mehr», behauptete Roggisch vor einem Jahr. So kann man sich täuschen.

Vom Fehleinkauf zum Captain

Gegen Kiel griff Trainer Jacobsen in die Taktikkiste, liess Schmid in der Deckung auf dem Feld. Der Schachzug ging auf. Die Löwen konterten noch schneller und Schmid schoss den entscheidenden Vorsprung heraus. «Andy Schmid hat das super gemacht», geizte Jacobsen denn auch nicht mit Lob. Nach der Pause habe er aufgedreht, wie es sich für einen Captain gehöre.

34 Jahre wird Schmid am 30. August, sein Vertrag mit den Löwen läuft noch drei Jahre. Geht alles normal weiter, hat er dann zehn Jahre bei den Löwen auf dem Buckel. Dabei galt er zu Beginn als Fehleinkauf.

Doch es passt zum Charakter von Schmid, dass er nicht aufgab, sondern sich durchbiss. Und nun steht er voll in der Blüte seiner Handballkarriere, ans Aufhören denkt Schmid noch lange nicht. Wie Federer, und der ist noch zwei Jahre älter.