Der gute Mann konnte einem fast leidtun. Martin Gerber erlebte am Dienstag im Heimspiel des EHC Kloten gegen Davos einen rabenschwarzen Abend. Er kassierte nicht nur sechs Gegentore, sondern wurde von den eigenen Fans sogar noch verhöhnt. «Boltshauser, Boltshauser!» tönte es von den Tribünen.

Sein jüngerer und zuletzt erfolgreicherer Stellvertreter wurde von den Zuschauern lautstark gefordert. Sogar dann noch, als sich die Mannschaft am Ende vor der Fankurve verabschiedete und Gerber längstens in den Katakomben verschwunden war. Eine Schweizer Torhüterlegende wurde öffentlich demontiert. Beschämend, unwürdig – auf jeden Fall ein Zeichen fehlender Wertschätzung.

Natürlich lässt sich vortrefflich darüber streiten, ob ein 42-jähriger Profi vielleicht einfach den rechtzeitigen Abgang von der Bühne verpasst hat. Aber nicht streiten lässt sich darüber, dass es eine Unkultur im hiesigen Eishockey ist, dass man verdiente Spieler, die ihrem Land und ihren Klubs bzw. deren Fans viel gegeben haben, gerne in die Pfanne haut, wenn sie nicht mehr genehm sind.

Martin Gerber hat eine wunderbare Tellerwäscher-Karriere hinter sich. Aus den Niederungen der 2. Liga kämpfte er sich bis in die beste Liga der Welt, die nordamerikanischen NHL. Er hat das geschafft, wovon die meisten Schweizer Eishockeyspieler nur träumen können. Und er hat gezeigt, dass man mit bedingungslosem Einsatz und dem festen Glauben an die eigenen Möglichkeiten das eigentlich Unmögliche schaffen kann. Das nennt man gemeinhin ein Vorbild.

Schade, dass die Unkultur an diesem Dienstagabend in Kloten ihre Hochzeit feierte. In der NHL werden verdiente Spieler bei ihrer Rückkehr mit einem anderen Team zu ihrem Stammklub gewürdigt. Man schätzt die Leistungen, die der Spieler erbracht hat. Leonardo Genoni wurde am Sonntag bei seiner Rückkehr als SCB-Goalie nach Davos mit einer Standing Ovation gefeiert. Es geht also auch anders. Zum Glück.