Ski alpin
Vom Hobbyfotografen bis zur «Wildsau»: Schweizer Riesenslalom-Team will in Adelboden die Durststrecke beenden

Die Schweizer wollen in Adelboden für den ersten Podestplatz im Riesenslalom seit 13 Jahren sorgen. Nebst Leader Marco Odermatt stehen drei weitere Fahrer im Einsatz, die Podestplätze vorweisen können.

Claudio Zanini
Drucken
Teilen
Marco Odermatt am Freitagabend beim Schweizer Teamhotel in Adelboden.

Marco Odermatt am Freitagabend beim Schweizer Teamhotel in Adelboden.

Jean-Christophe Bott/Keystone

Marco Odermatt: Der Leader

Marco Odermatt am Freitagabend beim Schweizer Teamhotel in Adelboden.

Marco Odermatt am Freitagabend beim Schweizer Teamhotel in Adelboden.

Jean-Christophe Bott/Keystone

Marco Odermatt überlegt nur kurz. Dann sagt er, die Ausgangslage würde sich nicht ändern. Am Chuenisbärgli gehe es nach wie vor darum, so schnell wie möglich von oben nach unten zu kommen. Egal ob mit oder ohne Publikum im Zielraum.

Adelboden ist ein Klassiker im Weltcup-Kalender, das Drumherum ist gewöhnlich ein Volksfest. Car-Ladungen von Fans aus allen Landesteilen fahren ein. Beim Riesenslalom sind meist über 20 000 Zuschauer da, allein auf die Tribüne passen 4900 Menschen. Im Pandemie-Winter reicht es immerhin noch zu einem Geisterrennen. Das Zielgelände und die Rennstrecke sind von Freitag bis Sonntag grossflächig abgesperrt.

Dass sich eben doch einiges verändert hat, zeigt sich am Vorabend des Rennens. Im Teamhotel der Schweizer herrscht keine Hektik wie üblich. Anstelle von Dutzenden Medienleuten, die Athleten belagern, setzt sich ein Athlet nach dem anderen vor einen Laptop in der Hotellobby und gibt via Videokonferenz den daheimgebliebenen Journalisten Auskunft. Kurz vor Ende der Konferenz hat Marc Berthod eine Frage an Marco Odermatt. Berthod ist Co-Kommentator beim Schweizer Fernsehen. Er war 2008 der letzte Schweizer, der am Chuenisbärgli im Riesenslalom gewinnen konnte. Seither stand kein Schweizer mehr in dieser Disziplin am Heimrennen auf dem Podest. Die Durststrecke war in der Lobby in den letzten Jahren ein Dauerthema. In diesem Jahr weniger. Berthod will nun wissen: «Bist du einer, der viel überlegt während der Fahrt?»

Der Trainer kommt ins Schwärmen

Marco Odermatt, im vergangenen Oktober 23 geworden, hat sich bis anhin nie mehr Gedanken als nötig gemacht. Auf die Frage von Berthod sagt er: «Meistens überlege ich mir gar nichts während der Fahrt. Ab und zu passiert es. Im Normalfall gehe ich aber aus dem Starthaus und lasse es einfach fahren.» Teamkollege Gino Caviezel sagt: «Marco ist der Unbekümmerte von uns. Von den Resultaten her ist er unser Leader.» Odermatt ist jünger als Caviezel, als Meillard und als Murisier.

Wenn es sein muss, denkt Odermatt aber sehr wohl ein paar Schritte weiter. Sein Trainer Helmut Krug, der nach sämtlichen Athleten auch noch in der Konferenz erscheint, gerät ohne Umwege ins Schwärmen. «Wenn ich mit Marco Dinge diskutiere im Training, hat er drei Wochen später schon andere Ansichten und ist schon wieder weiter. Er reift fast jeden Tag.» Krug zeichnet in wenigen Sätzen das Bild eines Supertalents. Er sagt: «Seine Entwicklung ist unglaublich.»

In dieser Saison muss sich im Riesenslalom die ganze Weltelite an Marco Odermatt orientieren. In der Disziplinenwertung führt er vor dem Franzosen Alexis Pinturault. Vier Rennen wurden diesen Winter ausgetragen. Odermatt landete nur in Alta Badia neben dem Podest, wegen winzigen vier Hundertstelsekunden.

Angesichts seiner Klasse, die Odermatt bereits zuverlässig abruft, gerät in Vergessenheit, wie jung seine Laufbahn doch eigentlich ist. Insgesamt stand er erst dreimal am Chuenisbärgli im Einsatz. Nur ein einziges Mal schaffte er es in den zweiten Lauf, das war 2019.

Auf einmal sieht man die Häuser im Ziel

Im letzten Jahr fiel Odermatt verletzt aus und musste von der Tribüne aus zusehen, wie das gelobte Team ohne ihn keine Berge versetzen konnte. Im Riesenslalom war Meillard damals als Siebzehnter der beste Schweizer. Stattdessen feierten die Slalomfahrer einen Tag später ein Fest, als Daniel Yule das Rennen gewann. Auch im Slalom wurde eine längere Durststrecke beendet, sie dauerte zwölf Jahre.

In den vergangenen Jahren hätte es manchmal im Riesenslalom ein Wunder für einen Schweizer Podestplatz gebraucht. Jetzt reicht ein guter Tag. «Wir haben drei, vier Fahrer, die den Speed fürs Podium haben», sagt Helmut Krug. Sein Team hat zwei Chancen, denn in diesem Jahr finden zwei Riesenslaloms statt, einer heute, einer am Samstag. Marco Odermatt sagt: «Wir werden nach dem Rennen sagen können, ob der Druck kleiner ist, wenn keine Zuschauer da sind.» Krug sagt zu diesem Thema: «Der Faktor Zuschauer kann Druck erzeugen. Wenn der Druck dir gar nichts mehr ausmacht, dann hast du’s geschafft.»

Es wird ein ungewöhnlicher Klassiker am Chuenisbärgli. Auch wenn es immer noch darum geht, so schnell wie möglich ins Ziel zu kommen. Die Situation für die Fahrer ist ungewohnt, das zeigt die Aussage von Gino Caviezel. Der Bündner sagt: «Ich habe gar nicht gewusst, dass es dort unten im Ziel so viele Häuser hat.»

Loïc Meillard: Der Kreative

Loïc Meillard ist ein ambitionierter Hobbyfotograph.

Loïc Meillard ist ein ambitionierter Hobbyfotograph.

Johann Groder/Freshfocus

Wer nach dem Rennen mit Loïc Meillard redet und die Rangliste nicht kennt, errät kaum sofort, ob es ihm gut oder schlecht lief. Der 24-jährige Romand fokussiert sich auf das Positive, das Glas ist durchgehend halb voll. Nach der letzten Saison bilanzierte er in den sozialen Medien, dass er nicht alle seine Ziele hätte erreichen können. Im selben Satz kam er aber zum Schluss, dass er «definitiv sehr viel gelernt» hätte. Meillard ist ausgesprochen empathisch. Einmal sagte er, er hätte grösseren Stress, wenn seine Schwester Mélanie am Start stehe, als wenn er selbst fahre. Dass sich nicht alles um seine Person dreht, ist regelmässig in seinem eigenen Podcast zu hören, in dem er Gäste aus der Skiwelt interviewt. Ausserdem ist er ein ambitionierter Hobbyfotograf und bespielt mit Naturbildern einen zweiten Insta­gram-Kanal.

Ob Meillard den nötigen Killerinstinkt hat, um sein ungeheures Talent in Grosserfolge umzumünzen, wird sich zeigen. Als Marc Berthod 2008 als letzter Schweizer den Riesenslalom am Chuenisbärgli gewann, stand Meillard zum ersten Mal als Zuschauer an einem Weltcup-Rennen. An Motivation wird es ihm nicht fehlen.

Justin Murisier: Der Kämpfer

Mit dieser Maske zeigt sich Justin Murisier öfters in dieser Saison.

Mit dieser Maske zeigt sich Justin Murisier öfters in dieser Saison.

Erich Spiess/Freshfocus

Justin Murisier ist ein Kämpfer, unerschrocken und emotional, wie in einer historischen Netflix-Serie. Als Loïc Meillard einmal das Riesenslalom-Team mit meiner Fussballmannschaft verglich, sagte er, Murisier würde wohl als erster eine rote Karte abholen. Sein Trainer sagt über ihn: «Er ist eine Wildsau». Der Unterwalliser, der am Freitag 29 Jahre alt wird, hatte in seiner Karriere weniger Glück als andere. Seine Verletzungsgeschichte ist aussergewöhnlich. In sieben Jahren riss dreimal sein Kreuzband. Darum konnte er die Erwartungen gar nie erfüllen, die ihn seit seinem Debüt 2010 begleiten. Vor elf Jahren fuhr er in Adelboden sein erstes Rennen auf höchster Stufe. Der Kroate Ivica Kostelic stand damals auf dem Podest, Carlo Janka war amtierender Riesenslalom-Weltmeister. Es ist eine Ewigkeit her. Vor knapp drei Wochen kam sein grosser Moment. Justin Murisier stand auf dem Podium, zum allerersten Mal. Er wurde Dritter auf der Gran Risa von Alta Badia. Sie gilt nebst dem Chuenisbärgli als schwierigste Riesenslalom-Piste. Murisier sagt, er sei im Training weit weg von Odermatt und Meillard. Aber von der Sogwirkung in diesem starken Team profitiert er.

Gino Caviezel: Der Spätzünder

Die Erlösung: Gino Caviezel (links) wird im Riesenslalom von Sölden Dritter. Marco Odermatt Zweiter.

Die Erlösung: Gino Caviezel (links) wird im Riesenslalom von Sölden Dritter. Marco Odermatt Zweiter.

Marco Trovati / AP

Als das Schweizer Team in der Saison 2018/2019 die einstige Sorgendisziplin Riesenslalom zur Lieblingsdisziplin umwandelte, blieb Gino Caviezel (Bild) im Schatten seiner Teamkollegen. Thomas Tumler, der aktuell verletzt ist, brach den Bann nach sieben Jahren ohne Schweizer Podestplatz. Marco Odermatt und Loïc Meillard legten nach und sorgten für weitere Podestplätze. Gino Caviezel war zu diesem Zeitpunkt vor allem ein Trainingsweltmeister. Derjenige mit dem riesigen Potenzial, der nimmermüde Arbeiter, der sein Ziel nie aus den Augen verliert, dem es aber nicht für die Top 3 reichte. Irgendwie standen ihm alle vor der Sonne. Auch sein fünf Jahre älterer Bruder Mauro, den er als grosses Vorbild bezeichnet. Mittlerweile hat Mauro Caviezel ein Dutzend Podestplätze im Speedbereich vorzuweisen. Im letzten Oktober geschah dann die Erlösung. Gino Caviezel gelang der erste Podestplatz überhaupt, im Alter von 28 Jahren. Er wurde Dritter beim Saisonstart in Sölden, nach dem ersten Lauf hatte er sogar noch geführt. In den Rennen nach Sölden fiel er teilweise aber weit zurück. Adelboden ist sein Lieblingsrennen.