Schon bevor die US Open losgegangen waren, hatte Lucas Pouille Rafael Nadal gegenüber gestanden. Auf Court No. 17 in Flushing Meadows trainierten sie, besser gesagt, Nadal verpasste dem jungen Franzosen eine saftige Lehrstunde.

Er demontierte ihn so gnadenlos in den zwei Sätzen, dass sich Pouille hinterher von seinem Trainer Emmanuel Planque für seine desolate Leistung anbrüllen lassen musste. «Ich bin nicht wirklich zuversichtlich ins Match gegangen», meinte Pouille am Sonntagabend und grinste. Denn jetzt erzählte sich diese Anekdote natürlich umso schöner, nachdem er Nadal in einem packenden Fünfsatz-Krimi aus dem Achtelfinale befördert hatte.

Enttäuschter Abgang des zweifachen US-Open-Siegers

Enttäuschter Abgang des zweifachen US-Open-Siegers

«Am Ende war die Abreibung im Training ja doch für etwas gut», stellte Pouille nach seinem 6:1, 2:6, 6:4, 3:6 und 7:6-Triumph fest, «ich habe die gleichen Fehler jedenfalls nicht nochmal gemacht.»

Wie rasant dieser 22-Jährige aus Grande-Synthe in Norden Frankreichs lernt, bekam Nadal auf schmerzliche Weise vorgeführt. Vier Stunden lang beharkten sie sich verbissen und Pouille wurde einfach nicht müde. Dabei spielte er bereits sein drittes Match in Folge über die volle Distanz. In der ersten Runde hatte Pouille gegen Marco Chiudinelli sogar einen 0:2-Rückstand noch gedreht, als der Schweizer schon zum Sieg servierte.

Tiebreak im Fünften

Mehrmals stand Pouille bei den US Open vor dem Aus, auch gegen Nadal, der im fünften Satz mit dem Break mit 4:3 und 30:0 führte. Doch der 30-jährige Mallorquiner wackelte. «Ich hätte ruhiger spielen müssen», ärgerte sich Nadal später. Im Tiebreak beim Stand von 6:6 schob er dann einen Flugball ins Netz, den der Weltranglistenfünfte sonst mit verbundenen Augen versenkt.

Nadal konnte es nicht fassen und schlug verzweifelt die Hände vors Gesicht: «Das war ein Riesenfehler von mir.» Pouille nutzte dagegen seine Chance und knallte schliesslich eine Vorhand unerreichbar für Nadal die Linie entlang. Die Sensation war perfekt, und der Franzose liess sich ausgiebig von den 24 000 Fans feiern.

Nadal nahm die Niederlage sichtlich schwer. Nach zweieinhalb Monaten Verletzungspause hatte sich der Spanier nach seinen überzeugenden Auftritten bei den Olympischen Spielen in Rio Hoffnungen auf den dritten Titel bei den US Open gemacht. Und nur darum geht es Nadal noch: seine 14 Grand-Slam-Trophäen aufzustocken. «Ich habe wieder eine Chance verloren», bedauerte er.

Break vor im Fünften und dennoch verloren: Nadal kann es nicht fassen.

Break vor im Fünften und dennoch verloren: Nadal kann es nicht fassen.

Neun Major-Turniere hatte Nadal bereits verletzungsbedingt verpasst. Und er weiss, dass die Zeit gegen ihn arbeitet. Umso mehr, wenn er junge Talente wie Pouille aufstreben sieht. «Lucas hat alle Schläge, ist jung», erklärte Nadal, «er hat das Potenzial, in die Top Ten zu kommen.» Allzuweit ist Pouille davon nicht mehr entfernt, nachdem er vor anderthalb Jahren noch die Nummer 133 der Welt war.

Schon auf Rasen gut

Aber schon in Wimbledon sorgte er mit seinem Viertelfinaleinzug für Furore, und so beschert ihm der nächste Coup in New York einen Platz unter den Top 20. «Ich bin körperlich und mental viel stärker geworden», sagte Pouille, «ich kann viele Matches spielen, dreimal über fünf Sätze, das macht mir nichts. Ich habe sehr hart gearbeitet.»

Und das macht Pouille abseits des Trainingszentrums in Paris lieber in Dubai, wo er vor zwei Jahren hinzog. Das starre französische Fördersystem sei nichts für ihn und neben den Egos der grossen Stars wie Jo-Wilfried Tsonga und Gael Monfils bliebe da nicht viel Raum für junge Spieler. Pouille ist klug, macht jeden Schritt wohlüberlegt.

Zum Verrücktwerden so ein Krimi

Zum Verrücktwerden so ein Krimi

Jahrelang hatte er Yannick Noah als Berater an seiner Seite. Noch heute holt sich sein Trainer regelmässig telefonisch Rat von Noah, der bei Pouilles Coup über Nadal auf der Tribüne sass. «Lucas ist das beste Beispiel. Wenn man hart arbeitet, wird man irgendwann belohnt», sagt Noah: «Es gibt kein Limit für sein Potenzial.» Daran glaubt auch Pouille selbst, obwohl er abseits des Platzes eher schüchtern ist. Nummer 20 zu sein, das reicht ihm nicht. Er will ganz nach oben.