Die Bühne heisst wieder Basel. Endlich. Weil Basel im Schweizer Fussball immer für grosse Spiele steht. So auch diesmal für die Nationalmannschaft.

Wobei: Ist das nicht doch eine zu gewagte Aussage? Schliesslich spielt die Schweiz gegen Slowenien, Nummer 45 der Fifa-Weltrangliste, kein Gast, der die ganz grosse Aufregung garantiert.

Und doch ist es für Vladimir Petkovic ein bedeutendes Rendez-vous. Einerseits müssen sich Petkovic und die Schweiz rehabilitieren für das 0:1 im letzten Oktober, das so etwas wie eine 5-Tages-Krise auslöste. Andererseits – und das ist gerade bedeutender – lässt sich das Wesen von Petkovic nirgends besser erklären als rund um dieses Spiel in Slowenien.

Kürzlich hat er in einem Interview mit dem «SonntagsBlick» jene Niederlage als schönsten Moment seiner Karriere als Nationaltrainer bezeichnet. Eine Niederlage? Das würde nicht mancher Trainer tun. Aber Petkovic tut es. Weil er damals ahnte, dass die Spieler beginnen, seine Ideen des Fussballs zu verstehen. Auch wenn sich dies resultatmässig noch nicht auszahlte.

Es war ja nicht so, dass Petkovic einen durchweg reibungslosen Start erwartet hatte. Irgendwie ahnte er, dass durchaus stürmische Zeiten auf ihn zukommen könnten. «Vielleicht muss ich durchs Fegefeuer», sagte er vor dem Spiel gegen England. Nach dem 0:2 und noch vor der Pleite in Maribor sagte er: «Ich könnte auch eine Niederlage in Slowenien überstehen.»

Tatsächlich ist die aktuelle EM-Qualifikation wahrscheinlich der bestmögliche Zeitpunkt, eine Mannschaft weiterzuentwickeln. Erstmals qualifizieren sich der Gruppenerste und -zweite direkt für die EM. Ein unerwarteter Rückschlag ist also zu verkraften. Und tatsächlich war alsbald nicht zu übersehen: Selten hat die Schweiz gegen Aussenseiter wie San Marino, Estland oder Litauen so stilsicher agiert wie unter Petkovic. Mit kleinen Abstrichen im Juni gegen Litauen. Wobei: Es hat Zeiten gegeben, da hätte die Schweiz dieses Spiel nicht gewonnen.

Dass es noch zu diesem späten 2:1-Sieg kam, hat viel mit dem Mut von Petkovic zu tun. Nach einer Stunde wechselte er Gökhan Inler aus. Völlig zu Recht. Aber Inler ist eben auch Captain. Und darum war es eine aufsehenerregende Massnahme. Petkovic wurde dafür belohnt. Eine kleinere Palast-Revolution ist gleichwohl (noch) nicht zu erwarten. Petkovic betont, dass Inler weiterhin wichtig ist. Granit Xhakas Ambitionen, endlich zum Chef auf dem Platz aufzusteigen, begegnet er entspannt. Und vermittelt das Gefühl: Alles zu seiner Zeit!

Der sportliche Weg dieser Schweiz unter Petkovic gefällt. Auch dem Volk, das sich zuvor ziemlich lange ziemlich schwergetan hat mit dem sicherheitsbedachten Hitzfeld-Fussball. Etwas anders fällt die Meinung über den Menschen Vladimir Petkovic aus. Der 52-jährige bosnische Kroate bewegt die Massen kaum. Er wirkt häufig kühl, manchmal auch distanziert. Das mag einerseits daran liegen, dass er die Welt des Glamours nicht sucht. Es gibt keine Home-storys in der «Schweizer Illustrierten» von Petkovic.

Das liegt andererseits aber auch an der Schweizer Trainer-Historie. Petkovic strahlt nicht die Wärme eines Köbi Kuhn aus, der landauf, landab für seine Herzlichkeit geliebt wurde. Und Petkovic hat nicht die Aura eines Ottmar Hitzfeld, der alleine schon wegen seines Palmarès etwas Magisches ausstrahlte, das für Schweizer Verhältnisse irgendwie einmalig schien.

Wie souverän Petkovic mit seiner Wirkung nach aussen umgeht, spricht für ihn. Er konzentriert sich auf den Fussball, er besucht so viele Spiele wie wohl noch kein Nationaltrainer vor ihm. Und strahlt zu jeder Zeit eine wohltuende Gelassenheit aus.

Dass im Frühjahr eine intensive Diskussion über die verschiedenen Wurzeln der Schweizer Spieler entstand, liegt auch an Petkovic. Er hat sich bewusst dafür ausgesprochen, dass Stephan Lichtsteiners Aussagen über «echte und andere Schweizer», die er in einem Gruppeninterview geäussert hatte, so erscheinen sollen. Weil er in seinen Spielern mündige Menschen sieht, die sagen sollen, was sie denken. Und weil er es für richtig und wichtig erachtet, solche Themen, die im Volk latent schwelen, zu diskutieren. Im Rückblick erkennen wir: Die Debatte hat niemandem geschadet. Im Gegenteil.

Und wie beurteilt Petkovic selbst sein erstes Jahr als Nationaltrainer? Er sitzt in Basel auf seiner Bühne und sagt: «Das Spiel gegen Slowenien taugt ganz gut als Gradmesser. Da werden wir sehen, wo wir stehen.» Bis heute Abend, müssen wir uns also noch gedulden. Die Prognose? Die Geduld lohnt sich.