Härteste Frau der Schweiz
Vierfache Ironman-Siegerin Daniela Ryf: «Ich fühle mich nicht so stark, wie ich wirke»

Die Solothurner Triathletin Daniela Ryf erklärt, warum Extremsport auch Meditation ist, was sie vom Geschlechterkampf hält – und wie sie trotz Quallenbiss einen neuen Rekord aufstellte.

Etienne Wuillemin
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Triathletin Daniela Ryf: «Ich bin im Sport zielstrebig und ehrgeizig – das wirkt sich wohl auch aufs Privatleben aus.»

Triathletin Daniela Ryf: «Ich bin im Sport zielstrebig und ehrgeizig – das wirkt sich wohl auch aufs Privatleben aus.»

Alex Spichale

Mit dem Lift geht es hoch in den siebten Stock. Das Hotel, das Daniela Ryf fürs Gespräch gewählt hat, liegt direkt an der Aare. Die 31-Jährige spricht und posiert gerne, die Altstadt ihrer Heimat Solothurn direkt im Hintergrund. Es passt bestens ins Bild, dass auch die Sonne lacht. Ryf erlebt aufwühlende Tage. Vor acht Tagen wurde sie zum zweiten Mal als Schweizer Sportlerin des Jahres ausgezeichnet.

Frau Ryf, warum haben die Menschen in der Schweiz eine derart grosse Faszination für Sie?

Daniela Ryf: Das weiss ich selber nicht (lacht). Ich rede eigentlich nicht so gerne über mich. Das finde ich schwierig.

Mögen Sie es trotzdem versuchen?

Ich denke, dass der Triathlon an sich eine faszinierende Sportart ist. Und Ironman noch einmal im Speziellen. Ich weiss noch, wie ich vor fünf Jahren dachte: «Fast neun Stunden Höchstleistung – wie kann man das nur machen?» Und: «Nein, das schaffe ich nie im Leben». Erst später merkte ich, wozu der Körper eigentlich fähig ist. Und vielleicht ist das ja tatsächlich ein Lebensziel einiger Leute, einmal so etwas Verrücktes zu machen.

Die härteste Frau der Schweiz

Daniela Ryf gewinnt im Oktober 2018 zum vierten Mal in Serie den Ironman von Hawaii und kürt sich damit zur Weltmeisterin. Obwohl sie kurz vor dem Start von einer Qualle gebissen wird, gelingt ihr in 8:26:18 Stunden ein neuer Streckenrekord. Die 31-Jährige ist am vorletzten Wochenende zur Sportlerin des Jahres gewählt worden. Ryf lebt in Solothurn und bezeichnet ihre Heimat als schönstes Ferienparadies. Neben ihrer Karriere als Profisportlerin hat sie Lebensmitteltechnologie studiert.

Hawaii gilt als Ferienparadies. Man verbindet es mit Stränden, Meer und Entspannung. Für Sie hingegen ist Hawaii der Ort des wichtigsten und härtesten Rennens – also vor allem Qual.

Ich versuche, das aktiv zu ignorieren. Die körperliche Belastung ist hoch, klar. Ein wenig regeln kann man sie trotzdem. Entscheidend ist aber die mentale Komponente. Du kannst noch so fit sein, du wirst den Ironman nie gewinnen, wenn du im Kopf nicht bereit bist. Zudem gehe ich im Training viel mehr an die Grenzen und in die Schmerzen. Das Rennen selbst kommt mir vor wie ein Vortrag. Wenn der dank guter Vorbereitung sitzt, dann lieferst du auch ab.

Einige Stationen der Karriere von Triathletin Daniela Ryf Daniela Ryf wird 1987 in Feldbrunnen geboren. Seit 1998 ist Triathlon ihre Leidenschaft.
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Daniela Ryf siegt 2005 am VW Circuit Junioren. Allerdings wird sie disqualifiziert, weil sie eine Sicherheitslinie überfahren hatte.
Es reiht sich Sieg an Sieg...
Seit 2007 kann die Feldbrunnerin vom Triathlon leben.
Für die beste Vorbereitung auf ihre Rennen ist sie fast das ganze Jahr unterwegs.
Samuel Schmid gratuliert Daniela Ryf zum 8. Platz an der Juniorinnen-WM 2006 in Lausanne.
Im Mai 2008 holt sie die Bronze-Medaille an der Triathlon-WM in Madrid
Als 21-Jährige gewinnt sie in Vancouver im Juni 2008 den WM-Titel in der U23-Kategorie und holt das erste Schweizer Gold seit 2001, als sich Nicola Spirig in Edmonton (CAN) zur Junioren-Weltmeisterin küren liess.
Mit dem Sieg qualifiziert sie sich für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking
Daniela Ryf am 18.August 2008 an den Olympischen Sommerspielen. Sie wird siebte.
Daniela Ryf gewinnt 2009 zusammen mit Ruedi Wild, Magali di Marco und Lukas Salvisberg die Weltmeisterschaft im Mixed Relay (Teamwertung) in West Des Moines (USA).
Nicola Spirig und Daniela Ryf liefern sich im August 2009 in Nyon ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Spirig gewinnt hauchdünn.
Im WM-Rennen in Seoul im Mai 2010 hat dann Daniela Ryf die Nase vorn. Sie gewinnt mit 2:00:59 Stunden ihr erstes Rennen dieser Stufe.
21.August 2010: Daniela Ryf gewinnt Bronze an den Sprint-Weltmeisterschaften in Lausanne.
Im Juni 2011 nimmt sie am WM-Serie-Rennen in Madrid teil. Es ist für längere Zeit das letzte Rennen, welches sie beenden kann.
Eine schwere Virusinfektion im Magen-Darm-Trakt und die folgende Behandlung mit Antibiotika werfen die zweifache Junioren-Europameisterin, U23-Weltmeisterin, Team-Weltmeisterin, WM-Serie-Vierte und Olympia-Siebte arg aus der Spur.
Beim Auftaktrennen der Weltcupsaison 2012 im Mooloolaba (AUS) kehrt Ryf zurück. Sie holt sich den sechsten Rang. Sie spricht von einem «über weite Strecken starken Rennen mit einer genialen letzten Laufrunde».
Daniela Ryf an den Olympischen Sommerspielen 2012 in London. Sie wird nur 40. Nicola Spirig geht als Siegerin des Triathlons hervor.
Fünf Jahre hintereinander hat Daniela Ryf den Winter in Australien verbracht, die Wintersaison 2012/2013 trainiert sie wieder mit Schnee und Kälte zuhause in Solothurn.
Ryf gewinnt im August 2013 in Wiesbaden die EM über die halbe Ironman-Distanz. Ihr grösster Triumph bisher.
«Gesundheitlich geht es mir wieder gut, seit ich in die Schweiz zurückgekehrt bin», sagt Ryf.
Ryf beginnt mit dem australischen Erfolgscoach Brett Sutton zusammenzuarbeiten.
Daniela Ryf im Juni 2014 am Zürich Triathlon
Ryf gehört zusammen mit Ruedi Wild zu den Sieger dieses "5150"-Triathlons Ryf verteidigt damit erfolgreich ihren Titel über die olympische Distanz in knapp zwei Stunden gegen namhafte Konkurrenz.
Dieser Sieg war nicht der einzige an diesem Wochenende. Einen Tag später gibt sie am Ironman Switzerland in Zürich ihren Einstand auf der Ironman-Distanz (Langdistanz-Triathlon über 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,195 km Laufen) – sie siegt souverän, trotz Problemen auf der Strecke. «Dieses Wochenende damals war eines der unglaublichsten, die ich je erleben durfte», wird sie später sagen.
2014 verteidigt sie auch ihren 70,3-Europameistertitel über die Halbironman-Distanz in Wiesbaden (D) (Archiv)
11. Oktober 2014: Daniela Ryf gibt ihr Debüt am Ironman Hawaii. Sie läuft in 9:02:57 als Zweite im Ziel ein. Die Solothurnerin muss sich nur um zwei Minuten von der Vorjahressiegerin Mirinda Carfrae (Au) geschlagen geben.
Eine weitere Medaille für die Sammlerin: Hier strahlt die Gewinnerin des Ironman 70.3 vom 7.Juni 2015 in Rapperswil
Als erste über die Ziellinie: Im Juli 2015 am Ironman in Frankfurt erneut Tatsache.
Extreme Leistung: Daniela Ryf am 10. Oktober 2015 beim Ironman auf Hawaii.
Im Vorjahr noch zweite, gewinnt Ryf 2015 die Ironman-WM auf Hawaii – als erste Schweizerin seit 2005.
Ryf schreibt Triathlon-Geschichte Weil die Solothurner Triathletin 2015 die halbe Ironman-Distanz in Dubai (Challenge), die 70.3-WM in Zell am See (Ö) sowie auch den Ironman von Bahrain gewinnt, knackt sie den Millionen-Dollar-Jackpot für die Triple Crown.
2015 darf sich die Solothurnerin «Sportlerin des Jahres» nennen
In Dubai erkämpft sie sich im Januar 2016 bereits den zehnten Sieg in Folge über die halbe Ironman-Distanz.
Ironman Zürich 2016: Daniela Ryf auf dem Weg zur Wechselzone.
Auch dieses Rennen beendet die Solothurnerin als Siegerin
Daniela Ryf unterwegs an der Ironman-WM auf Hawaii 2016. Sie ist erneut eine Klasse für sich und verteidigt den Titel aus dem Vorjahr erfolgreich.
Die beiden Triathletinnen Daniela Ryf (l.) und Natascha Badmann 2017 Anfang 2017 hat Ryf mit Rückenproblemen zu kämpfen. Während drei Monaten muss sie deshalb etwas zurückstecken.
Im Juni 2017 ist alles ok: Die Langdistanz-Triathletin gewinnt zum zweiten Mal in ihrer Karriere nach 2016 den Ironman im deutschen Roth.
Daniela Ryf gewinnt im Juni 2017 erneut den Ironman 70.3 von Rapperswil.
Daniela Ryf beim Zieleinlauf an der 70.3-Ironman-WM 2017 in den USA
Oktober 2017: Erleichterung bei Daniela Ryf an der Ironman-WM auf Hawaii.
Bei der Siegerehrung gehen die Emotionen hoch.

Einige Stationen der Karriere von Triathletin Daniela Ryf Daniela Ryf wird 1987 in Feldbrunnen geboren. Seit 1998 ist Triathlon ihre Leidenschaft.

Hanspeter Bärtschi

Wo liegt Ihr Ferienparadies?

Gute Frage. Im Moment ganz schlicht: zu Hause. Ich bin während der Saison schon auch ab und zu in Solothurn. Aber das ist etwas anderes. Jetzt kann ich Kaffee trinken gehen oder an den Weihnachtsmarkt. Ich bin im Genussmodus. Das ist anders, als wenn ich weiss: Morgen früh um 7 Uhr muss ich ready sein für eine harte Trainingseinheit. Zudem: Meine Familie, meine Leute sind hier. Das ist das Paradies. Und etwas ist mir mit den Jahren schon aufgefallen. . .

... nämlich?

Je mehr ich von der Welt gesehen habe, desto mehr realisiere ich, wie schön wir es hier haben. Als ich 14 oder 15 war, sagte ich stets: Ich will einmal auswandern. Ich mochte unser Wetter an manchen Tagen nicht ausstehen. Dann reiste ich viel, war lange in Australien, hatte immer tolle Strände um mich herum, aber ich merkte zunehmend, wie verwöhnt wir in der Schweiz sind. Und ja, einmal Weihnachten in der Wärme, das ist o.k., aber bitte nie wieder (lacht).

Am Sonntag vor einer Woche wurden Sie als Schweizer Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das?

Ziemlich viel. Es ist eine extreme Ehre, diese Anerkennung zu erhalten. Man merkt: Da haben viele Leute mitbekommen, was ich geleistet habe. Es ist mir schon wichtig, was die Leute in der Schweiz über mich denken.

Die Preisträger 2018: Sportler des Jahres Nino Schurter (l.) und Sportlerin des Jahres Daniela Ryf.

Die Preisträger 2018: Sportler des Jahres Nino Schurter (l.) und Sportlerin des Jahres Daniela Ryf.

KEYSTONE

Viele behaupten genau das Gegenteil: Es sei Ihnen völlig egal, was das Umfeld denke.

Ich würde lügen, wenn ich Ähnliches behauptete. Schliesslich vertrete ich gewissermassen auch die Schweiz im Ausland. Wenn ich nun das Gefühl hätte, die Leute denken, ich mache einen schlechten Job, würde ich mich schon fragen, was ich falsch mache. Aber klar, dieses Gefühl, Anerkennung zu bekommen, hängt nicht alleine von einem Award ab. Es berührt mich auch, Reaktionen zu lesen, wenn Leute die ganze Nacht wach bleiben und mit mir mitfiebern während meines Rennens.

Ihr diesjähriger Triumph auf Hawaii hat Hollywood-Potenzial. Zuerst werden Sie kurz vor dem Start von einer Qualle gebissen, es scheint, als wären Sie geschlagen. Dann die imposante Auferstehung bis zum Sieg in Rekordzeit.

Der Quallenbiss macht alles ein wenig dramatischer. Ich habe ja immer gesagt, ich möchte Rennen zeigen, an die man sich erinnert. Aber so habe ich das schon nicht gemeint.

Haben Sie ans Aufgeben gedacht?

Aufgeben ist keine Option. Das war mir eigentlich klar. Ich spürte zeitweise meine Arme im Wasser gar nicht mehr. Aber ich dachte: Dann habe ich halt 16 Stunden, aber wenigstens habe ich das Rennen geehrt. Schliesslich hat mir Hawaii auch so vieles gegeben. Und trotzdem hängt alles an einem seidenen Faden. Hier kommt das Mentale ins Spiel. Es schossen mir unendlich viele Gedanken durch den Kopf. Ich könnte drei Stunden darüber reden.

Tun Sie es!

Ich wusste: Wenn ich jetzt aufgebe, verkrieche ich mich ins Hotel und bemitleide mich selbst. Also mache ich weiter, so gut es eben geht. Gleichzeitig denke ich plötzlich zurück ans letzte Jahr, als ein Kollege ebenfalls von einer Qualle gebissen wurde, später erbrechen musste und im Spital landete. Ich stelle mir Fragen: Bin ich jetzt in Gefahr? Sind Rettungsschwimmer da? War es das jetzt, so lange trainiert und jetzt schwimmen einfach alle an mir vorbei? Zum Glück konnte mich im Wasser niemand sehen. Ich wollte nicht den Leuten ins Gesicht schauen müssen und ihnen ansehen, wie sie denken: Was läuft mit Ryf falsch? Mitleid ist das Schlimmste.

Wie kämpften Sie sich zurück?

Wichtig war meine Einstellung, dass es nie ein Rennen geben wird ohne Probleme. Und dann konnte ich mich Schritt für Schritt aufrichten. Mit kleinen Zwischenzielen. Indem ich merkte, ich bin ja nur 10 Minuten hinter der Spitze, nicht die erwarteten 20 Minuten, fühlte sich sogar das Schwimmen als kleiner Sieg an. Dann fasste ich neues Vertrauen für die Rad- und Laufstrecke. So ging das immer weiter. Bis am Ende dieser unfassbare Sieg stand, gar mit Rekordzeit. Es ist schon verrückt, wie nahe die Gefühlswelten sein können. Eine extremere emotionale Differenz ist kaum denkbar.

Müssen Sie Ihren Kopf überlisten, um in einer solchen Extremsituation durchzuhalten?

Das Ziel ist, in einen Flow zu kommen. Dass alles läuft. Ohne zu überlegen. Aber nicht zu denken, ist das Schwierigste. Denn man hat sehr viel Zeit mit sich selbst während eines Rennens.

Kann man das mentale Verhalten trainieren?

Zu einem gewissen Teil. Ich würde diese Fähigkeiten aber eher als Charaktersache bezeichnen. Und ich bin überzeugt, dass Erfahrung hilft. Ich weiss nicht, ob ich vor vier Jahren so einen Quallenbiss schon hätte durchstehen können.

Hat ein Ironman auch etwas Meditatives?

Mit Sicherheit! Also vor allem im Training. Wenn ich auf der Rolle oder auf dem Laufband trainieren kann, eine Stunde alleine in einem isolierten Zustand bin, vielleicht noch etwas Musik höre, dann bin ich nach der Einheit entspannter. Weil ich alle Gedanken rausfliessen lassen konnte. Es ist schon eine Art Meditation, vergleichbar mit Yoga, man geht in sich rein, kann loslassen und muss nichts überlegen.

Daniela Ryfs grösste Erfolge
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Daniela Ryf unterbot mit 8 Stunden, 26 Minuten und 16 Sekunden ihren eigenen Streckenrekord beim Ironman Hawaii 2018 um über 18 Minuten.
Ihr Jubel war nach der sensationellen Leistung gross.
Ryf (mitte) feiert ausgelassen mit ihren Mitstreiterinnen Lucy Charles (links) und Anne Haug.
2017 gewann Ryf den Ironman Hawaii zum dritten Mal in Folge. Sie war 8 Stunden, 50 Minuten und 47 Sekunden unterwegs.
Bei der Siegerehrung strahlte Ryf (mitte) den Zuschauern entgegen.
2016 holte sich Ryg auf Hawaii den zweiten Ironman-Sieg in Serie.
Sie war 8 Stunden, 46 Minuten und 46 Sekunden unterwegs.
2015 gewann Ryf in 8 Stunden, 57 Minuten und 57 Sekunden ihren ersten Ironman Hawaii.
Zur Belohnung gönnte Ryf (mitte) sich einen Schluck aus der Sektflasche.
2014 wurde Rfy beim Ironman Hawaii hinter der Australierin Mirinda Cafrae (vorne im Bild) zweite.
Die Gewinnerin gratulierte Ryf zu ihrer guten Leistung.

Daniela Ryfs grösste Erfolge

KEYSTONE/WALTER BIERI

Ist das auch ein Grund für die Popularität von Ausdauersportarten im Volk?

Ich denke schon. Es geht nicht darum, den Körper immer mehr zu quälen und noch verrücktere Dinge zu tun. Sondern darum, Abstand vom Alltag zu gewinnen, einen neuen Weg zu sich selbst zu finden. Man ist so viel mit sich selbst beschäftigt, dass man sehr viel über sich lernt. Wer einem Burnout vorbeugen will oder nach schwierigen Zeiten neue Reize sucht, der ist in unserem Sport sehr gut aufgehoben.

Sie vergleichen den Rausch-Zustand jeweils mit einer gelungenen Partynacht.

Genau. Irgendwann spürst du auf der Tanzfläche nur noch den Moment. Selbst mit sehr hohen, unbequemen Schuhen. Alles rund um einen geht vergessen. Und es könnte einfach ewig weitergehen.

Der Ironman Hawaii ist jedes Jahr Ihr grosses Saisonziel. Wird das irgendwann einmal langweilig?

Bis jetzt nicht (lacht). Ich bin nun fünf Mal gestartet. Und jedes Rennen hat wieder eine völlig andere Geschichte. Ich weiss nie, was kommt. Das ist das Faszinierende.

Sie sind zum vierten Mal in Serie Weltmeisterin, Sie stellen trotz Quallenbiss eine Rekordzeit auf. Dabei wird der Abstand zu den schnellsten Männern immer kleiner. 33 Minuten und 39 Sekunden verloren Sie auf den Sieger im Männer-Rennen in diesem Jahr. Ist es möglich, dass Sie irgendwann sogar geschlechterübergreifend zuoberst auf dem Podest stehen?

Das wäre schon crazy. Aber wieso nicht an das Unmögliche glauben? Doch mein Ziel ist es eigentlich nicht, die besten Männer zu schlagen. Eher, sie zu analysieren und mich zu fragen: Was kann er, was ich nicht kann?

Also halten Sie den Geschlechterkampf nicht für erstrebenswert?

Nein, nicht unbedingt. Es gibt erwiesene Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Darum gibt es auch verschiedene Kategorien. Trotzdem sehe ich es nicht als unmöglich an, dass Frauen so gut sein können wie Männer. Wenn ich jemanden vor mir sehe, dann möchte ich diese Person einfach einholen, egal ob Mann oder Frau.

In einem Porträt über Sie im «Magazin» stand: «Ryf strahlt etwas Unantastbares und Einschüchterndes aus – ein bisschen Lara Croft oder Anführerin einer Streetgang.»

Das sehe ich nicht ganz so (lacht).

Aber wenn Sie das nun hören, wie denken Sie darüber?

Ich bin nicht so stark, wie ich manchmal wirke. Eine Anführerin einer Streetgang also (überlegt). Ich wirke manchmal wegen meines Fokus sicherlich recht hart. Das ist so – im Rennen. Aber sonst bin ich wirklich sehr normal. Ich habe zwei Seiten in mir drin. Wenn ich an einem Rennen starte, bin ich anders, als wenn ich mit Freundinnen ausgehe. Aber Lara Croft finde ich ziemlich cool, diesen Vergleich nehme ich als Kompliment.

Können Sie Ihre zwei Seiten auf Knopfdruck wechseln oder geschieht das automatisch?

Ich bin einfach extrem zielstrebig und ehrgeizig. Und ich bin sehr froh, dass ich das im Sport ausleben kann. Aber ich habe nicht zwei Leben. Wer also im Sport ehrgeizig ist, ist es wohl auch im Privatleben. Aus meiner Sicht ist genau dies der härteste Aspekt eines Spitzensportlers. Man ist es nicht von morgens um 7 Uhr bis abends um 18 Uhr – sondern 24 Stunden am Tag.

Und 350 Tage im Jahr?

Mittlerweile nicht mehr ganz. Ich musste lernen, zu erkennen, dass es auch wichtig ist, einige Wochen nicht daran zu denken, dass ich Spitzensportlerin bin. Und trotzdem: Ein Lewis Hamilton kann seinen Formel-1-Wagen auch mal abstellen. Ich trage meine Rennmaschine immer mit mir.