Felipe Nasr schien eine Vorahnung gehabt zu haben. Der Brasilianer hatte sich in der Mittagspause aus Spass zum Essen ein Glas Rotwein bestellt - als wollte er schon im Voraus auf einen gelungenen Auftritt im Qualifying anstossen. Nasr bevorzugte selbstverständlich Mineralwasser, doch verdient hätten sich er und Teamkollege Ericsson den edlen Traubensaft auf jeden Fall gehabt.

Dass beide Protagonisten der Zürcher Equipe im Finale mit den besten zehn mittun konnten, war keine Selbstverständlichkeit, zumal im Vorfeld des Qualifyings nicht alles rund gelaufen war. An beiden Autos hatten sich Bremsprobleme bemerkbar gemacht und bei Fahrern und Technikern zu einer gewissen Verunsicherung geführt. An dem von Ericsson gesteuerten Wagen waren die fehlerhaften Kompositionen am Freitag ausgetauscht worden, am Samstag nach dem dritten freien Training hatten die Mechaniker die selbe Arbeit am Gefährt von Nasr vornehmen müssen.

Erstes "Double" seit November 2013

Nasr und Ericsson liessen sich durch die Ungereimtheiten nicht beirren und realisierten mit den Startplätzen 9 beziehungsweise 10 etwas, worauf die Mitglieder des Teams Sauber seit Mitte November 2013 hatten warten müssen. Damals waren im Rahmen des Grand Prix der USA in Austin, Texas, der Deutsche Nico Hülkenberg und der Mexikaner Esteban Gutierrez für die bislang letzte Doppelbesetzung eines Fahrer-Duos der Hinwiler Equipe im dritten Abschnitt eines Qualifyings besorgt gewesen. Der nunmehr für Force India tätige Hülkenberg war Vierter, Gutierrez Zehnter geworden. Der jetzt als Ersatzfahrer bei Ferrari im Sold stehende Mittelamerikaner blieb für seine gelungene Darbietung allerdings unbelohnt; das Rennen musste er aus Position 20 in Angriff nehmen. Die Kommissäre hatten eine Behinderung des in jener Saison noch in Diensten von Williams stehenden Venezolaners Pastor Maldonado geahndet und Gutierrez mit der nachträglichen Rückversetzung um zehn Startplätze bestraft.

Nunmehr haben beide Akteure die Chance, wie beim Saisonauftakt in Melbourne WM-Punkte zu sammeln. Nasr und Ericsson können ihrer Aufgabe mit Zuversicht entgegenblicken, denn der C34 hat sich auf dem Shanghai International Circuit nicht nur über eine einzelne Runde, sondern auch über längere Distanzen als konkurrenzfähig erwiesen.

42 Tausendstel entschieden

Mit der Monopolisierung der Frontreihe untermauerten Hamilton und Rosberg die Vormachtstellung von Mercedes auf beeindruckende und für die Konkurrenz betrübliche Weise. Im teaminternen Duell entschied die Winzigkeit von 42 Tausendsteln für den Engländer, der damit seine Ungeschlagenheit in diesem Jahr in den Qualifyings wahrte. Hamilton hatte schon die Grands Prix von Australien und von Malaysia vom besten Startplatz aus unter die Räder genommen. Ebenfalls zum dritten Mal in Folge - und zum fünften Mal insgesamt - fährt er in Schanghai von ganz vorne los.

Die hauchdünne Entscheidung zu seinen Ungunsten kam für Rosberg einem weiteren Nadelstich gleich. Für einen wie ihn, der sich seit Mitte der vergangenen Saison weitestgehend im Schatten Hamiltons bewegt, ist das Verdikt besonders bitter. "Vier Hundertstel. Das ist nichts. Natürlich bin ich enttäuscht", sagte Rosberg, um aber gleich wieder Optimismus zu verbreiten. "Trotzdem glaube ich, für das Rennen gut aufgestellt zu sein, zumal die Abstimmung am Auto klar auf den Sonntag ausgerichtet war."

Derweil sich Hamilton und Rosberg auf Augenhöhe begegneten, tat sich hinter ihnen zeitmässig eine grosse Lücke auf. Sebastian Vettel wies im einen Ferrari als Drittschnellster schon einen Rückstand von neun Zehnteln auf. Der Deutsche sieht die leistungsmässige Differenz im Hinblick aufs Rennen nicht in derart krassem Ausmass. Gleichwohl ist nicht damit zu rechnen, dass der viermalige Weltmeister nach seinem Sieg in Malaysia bereits den nächsten Coup wird landen können. Zu stark hat sich das Mercedes-Duo und im Besonderen Hamilton in diesen Tagen in Schanghai bisher präsentiert.