Eishockey

Vergoldete Spieler beim HC Lugano sind nicht Gold wert

Roland Habisreutingers Erfolgsquote tendiert gar gegen null.

Roland Habisreutingers Erfolgsquote tendiert gar gegen null.

Bei den Tessinern läuft es momentan alles andere als rund. Daher erstaunt es kaum, dass in Lugano die Frage aufkommt, ob Trainer Doug Shedden durch Bengt-Åke Gustafsson ersetzt werden wird. Ein Wort wird dazu auch Sportchef Roland Habisreutinger mitreden.

Schon wieder zieht am Horizont der Eishockey-Schweiz eine Trainerentlassung herauf. Das «König Midas»-Syndrom macht Lugano zu schaffen. König Midas wünschte sich einst, dass alles, was er berühre, zu Gold würde. Der Wunsch wurde ihm gewährt. Doch da ihm nun auch Essen und Trinken zu Gold wurden, drohte ihm der Tod durch Hunger oder Durst. Das passt zu Lugano. Alles, was Sportchef Roland Habisreutinger (43) berührt, wird zu Gold.

Keiner zahlt zwischen Ärmelkanal und Ural so hohe Löhne wie er. Ein Spieler, der mit Lugano in Berührung kommt, wird «vergoldet» – und ein «vergoldeter» Spieler ist nicht mehr erfolgstauglich.

Seit 2009 wirkt der ehemalige Spieleragent als Sportchef in Lugano und «vergoldet» die Hockeywelt. Die teuersten Schweizer, die teuersten Ausländer und manchmal auch die teuersten Trainer. Ein erfahrener Spieleragent hat es kürzlich auf den Punkt gebracht. «Wenn ich mit Lugano verhandle, dann muss ich darauf achten, mindestens 30 Prozent mehr zu verlangen als von jedem anderen Klub. Sonst glauben die, mein Spieler sei nicht gut genug.» Ein Spieler hat es einmal launig so gesagt: «Ich habe bei meinem letzten Klub bei weitem nicht so viel verdient, wie immer behauptet worden ist. Aber niemand kann sich vorstellen, wie viel ich in Lugano verdiene.»

Erfolgsquote tendiert gegen null

Ob wahr oder nur gut erfunden ist eigentlich unerheblich. Wir sind wohl keine Schelme, wenn wir vermuten, dass Lugano seine Spieler häufig zu gut bezahlt. Die vergoldete Leistungskultur ist ein wichtiger Grund, warum Lugano seit 2006 nie mehr Meister geworden ist. Roland Habisreutingers Erfolgsquote tendiert gar gegen null: In sieben Jahren zwei Playoff-Serien gewonnen und einmal gar die Playoffs verpasst. Nun droht schon wieder das Scheitern eines Trainers. Erst die höchste Cup-Niederlage aller Zeiten eines NLA-Klubs gegen einen Unterklassigen (1:5 in Langenthal), anschliessend ein 2:5 zu Hause gegen den HC Davos und gestern in Genf ein 0:5 gegen Servette.

Der Irrtum ist das Menschenrecht eines Sportchefs. Auch grosse Sportchefs wie Chris McSorley, Sven Leuenberger, Martin Steinegger oder Edgar Salis haben sich schon geirrt. Aber keiner hat sich in den vergangenen sieben Jahren so oft geirrt wie Roland Habisreutinger. Um herauszufinden, dass schwedische Spieler auf Dauer nicht zum impulsiven kanadischen Feuerkopf Doug Shedden (55) passen, muss man nicht Ethnologie studiert haben. Aber im Sommer hat Luganos Sportchef auch noch Daniel Sondell aus einem laufenden Vertrag heraus (!) von Zug geholt. Und bevor die ersten Blätter von den Kastanienbäumen fielen, versuchte er schon wieder, den Schweden loszuwerden.

In der Kabine droht inzwischen die skandinavische Rebellion der vier Schweden gegen einen Trainer, der poltern kann wie Donald Trump. Doug Shedden arbeitet erst seit dem 27. Oktober 2015 in Lugano – aber es ist nicht sicher, dass er die Mannschaft am Spengler- Cup noch coachen wird. Der wunderbare Finalfrühling von 2016 war wahrscheinlich nur eine kurze, föhnige Aufhellung. Bereits wird der 58-jährige Bengt-Åke Gustafsson als neuer Bandengeneral ins Spiel gebracht. Der Schwede, als Nationaltrainer Olympiasieger und Weltmeister, hat ja mit den – allerdings aus anderen Gründen – «uncoachbaren» Langnauern 2015 den Aufstieg in die NLA geschafft.

Der nackte Kaiser und Lugano

Die Liste der Fehleinschätzungen in Lugano ist inzwischen so lang, dass Roland Habisreutingers Versagen Kultcharakter hat. Im Vergleich ist der ehemalige YB-Kultsportchef Fredy Bickel ein lohndrückender Erfolgsschmied. Wie kann es dann sein, dass der Sportchef sich in Lugano trotzdem eines hohen Ansehens erfreut? Es gibt zwei Vermutungen. Die erste: Er ist für die Fehlentscheidungen gar nicht verantwortlich. Vielmehr führt er, sozusagen wie ein Sportsekretär, nur aus, was ihm aus der Chefetage aufgetragen wird. Die zweite: Roland Habisreutinger kann seiner Präsidentin seine Fehlgriffe als wohldurchdachte, weise Handlungen verkaufen.

Wir kennen dieses Vorgehen aus der Geschichte über die neuen Kleider des Kaisers. Ein kluger Schneider, sozusagen ein Habisreutinger mit Nadel, Faden und Fingerhut, kleidet den Kaiser neu ein. Aber er macht ihm gar keine neuen Kleider. Er tut nur so, als fertige er wunderbare Gewänder an. Weil niemand den Kaiser verärgern will, rühmen alle die neuen Kleider. Bis ein Kind ausruft: «Aber der Kaiser ist ja nackt!».

In Lugano ist der Kaiser seit Jahren nackt. Echte, teure goldene Gewänder tragen nur der Sportchef, die Trainer und die Spieler. Das muss sich ein Hockeyunternehmen erst einmal leisten können. Auch deshalb ist der HC Lugano einer der faszinierendsten Klubs ausserhalb der NHL und der KHL.

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