Das Klischee besagt: Millionen auf dem Konto, Luxuskarosse in der Garage, goldene Uhr am Handgelenk, Model im Arm, Ferien auf den Malediven. Kurz: Fussballer haben ein Traumleben.
Wirklich?

Nun, der Begriff «Traumleben» ist per se Definitionssache. Nicht jeder strebt nach teuren Autos und einem Schrank voll mit Markenklamotten. Doch die, die es tun, überlegen es sich vielleicht zweimal, ob sie wirklich mit einem Fussballprofi tauschen wollen.

Dies, nachdem ihnen bewusst wird, was einem Fussballer im Gegenzug zu all den Vorzügen seines Berufs so alles untersagt ist. Und wie zahlreich die Fettnäpfchen sind, in die sie treten können.

Verbotene Aktivitäten im Vertrag

Ein Skitag mit Freunden – was gibt es hierzulande Schöneres im Winter? Das denken auch viele Fussballer. Doch sie dürfen nicht. Wegen der hohen Verletzungsgefahr ist ihnen der Temporausch auf der Piste verboten.

Spieler, die mit Skifahren aufgewachsen sind, schmerzt dies besonders. «Fussballer haben viele Privilegien. Aber das Skifahren habe ich jeden Winter sehr vermisst», sagt der Schweizer Rekordtorschütze Alex Frei.

Im Standard-Arbeitsvertrag der Swiss Football League (SFL), den jeder hierzulande aktive Fussballprofi unterschreiben muss, sind weitere verbotene Aktivitäten gelistet: Reiten, Bobfahren, Deltafliegen, Fallschirmspringen und Canyoning. Auch die Teilnahme mit Kollegen am Fussball-Grümpelturnier (Renato Steffen hat es als Thun-Spieler trotzdem getan) oder ein Eishockeyplausch liegen nicht drin.

Renato Steffen missachtete die Vertragsregeln.

Renato Steffen missachtete die Vertragsregeln.

Zu hoch die Verletzungsgefahr – und der Körper ist nun mal das Kapital des Spielers und seines Arbeitgebers, der damit Geld verdient. Ebenfalls verboten ist es, sich während der Saison tätowieren zu lassen – Infektionsgefahr!

Weg von der Skisprungschanze

Darüber hinaus werden individuelle Regelungen getroffen. Basierend auf der Vergangenheit des Spielers oder spezieller Traditionen seines Vereins. In der Schweiz findet man solche weniger. Es scheint: Umso grösser die Liga, umso mehr Geld im Spiel, umso grösser die Kreativität.

Das wohl spektakulärste Verbot betraf den Schweden Stefan Schwarz. Bei dessen Transfer 1999 zu Sunderland erfuhren die Klub-Verantwortlichen, dass Schwarz damit liebäugle, ins Weltall zu fliegen. Sunderland hatte etwas dagegen und schrieb in den Vertrag, dass Schwarz auf den Traum vom Weltall verzichte.

Genauso witzig der Fall von Stig Inge Bjornebye: Der Norweger war ein begnadeter Verteidiger, daneben hatte er eine grosse Passion für das Skispringen, die er auch auslebte. Jedenfalls, bis er zum FC Liverpool wechselte: Dieser untersagte es ihm, sich einer Skisprung-Schanze weniger als 150 Meter zu nähern.

Nicht so clever: Mario Balotelli wurde mit 40 km/h zu viel erwischt.

Nicht so clever: Mario Balotelli wurde mit 40 km/h zu viel erwischt.

Oder Mario Balotelli, der in Nizza den Neustart der Karriere versucht. Der Italiener ist eine wahre Skandalnudel, nichts hat er ausgelassen. Einst warf er Dartpfeile auf Nachwuchsspieler. Um Balotelli zu zähmen, hat die AC Milan ihm 2013 einen Verhaltenskodex aufgezwungen, inspiriert von der italienischen Luftwaffe: Kein Twitter, angemessene Frisur, Pünktlichkeit, Disco-Verbot. Kurz darauf wurde Balotelli mit 90 km/h in der 50er-Zone erwischt …

Strenger Kleidungskodex

Andere Spieler mussten bei Transfers auch ihre Fussballschuhe wechseln, weil die Farben der bisherigen den Vereinsfarben des Erzrivalen zu ähnlich sind. Apropos Ausrüstung: Ein Fussballer kann nicht einfach aus dem Kleiderschrank nehmen, was er will.

Jederzeit lauert die Gefahr, mit den eigenen Markenklamotten die Vorschriften des Klubausrüsters zu verletzen. Fehlverhalten führen beim ersten Mal zu einem Donnerwetter, danach zu hohen Geldstrafen. Viele Spieler haben individuelle Ausrüster-Verträge, sie dürfen gemäss individueller Regelung mit dem Arbeitgeber ihre eigenen Schuhe und Kleider tragen.

Trotzdem kommt es auch auf dem Level, wo Millionenbeträge umhergeschoben werden und man meinen könnte, alles werde dreimal überprüft, zu Fauxpas: Mario Götze trug 2013 bei der Präsentations-Pressekonferenz als neuer Bayern-Spieler einen Nike-Pullover – Ausrüster und Aktionär der Münchner ist Adidas, und dort war man über Götzes Alleingang alles andere als erfreut.

Fauxpass: Mario Götze im Nike-Pulli bei der Vorstellung als neuer Bayern-Spieler.

Fauxpass: Mario Götze im Nike-Pulli bei der Vorstellung als neuer Bayern-Spieler.

Alex Frei sagt: «Ich hatte in Dortmund mit Puma und dem BVB die Abmachung, dass ich grundsätzlich immer Puma-Sachen tragen darf. Aus Rücksicht zum BVB-Ausrüster habe ich es aber so dezent wie möglich gehandhabt.»

Früher war der Beruf einfacher

Fredy Bickel ist seit über 20 Jahren als Sportchef tätig, in der Schweiz bei YB und beim FC Zürich, seit Anfang Jahr erstmals im Ausland bei Rapid Wien. In dieser Zeit hat er unzählige Verträge ausgehandelt und Fussballer aller Altersklassen und Kulturen gesehen. Er sagt: «Fussballprofis leben im goldenen Käfig. Sie verdienen gut, aber ein freies Leben haben sie definitiv nicht.»

Das hat viel mit moderner Technik zu tun. In den letzten Jahren landeten viele Spieler, die sich bei Dunkelheit auf der Gasse oder in einem Restaurant aufhielten, als Handyfoto-Anhang in Bickels E-Mail-Posteingang.

Rapid Wien im Ausgang

Unterlegt mit einer Salve des erbosten Absenders darüber, ob Bickel eigentlich wisse, wie ihm seine Spieler auf der Nase herumtanzen. Das aktuellste Beispiel stammt aus dem Januar: Eine Woche vor dem Rückrundenstart lud Rapids Brasilianer Joelinton die Mannschaft nach einem Testspiel in die Stadt ein, um dort die Geburt seines Kindes zu feiern.

Als eine Gruppe Rapid-Fans die Gruppe Rapid-Profis nachts um 2 Uhr in der Wiener Innenstadt antraf, hatte das Dutzende Mails zur Folge. «Da darf man nur denken, nicht zurückschreiben. Sonst wäre die Reaktion noch heftiger.» Bickel und Alex Frei sagen unisono: «Früher war es einfacher, Fussballer zu sein. Die Disziplin der Spieler ist in den vergangenen 15 Jahren viel grösser geworden. Ob das nur gut ist?»

Alex Frei: «Früher war es einfacher, Fussballer zu sein.»

Alex Frei: «Früher war es einfacher, Fussballer zu sein.»

Verhaltensregeln für die «Vorbilder»

Fussballer sind junge Männer. Das viele Geld vernebelt die Sinne. Aber auch ohne prall gefülltes Konto neigen junge Menschen zu Grenzerfahrungen, zum Ausprobieren, zu unseriösem Lebensstil.

Hier lauern für einen Fussballer die Fettnäpfchen – sie stilsicher zu umkurven, ist nicht einfach. Es ist eine immer wieder diskutierte Frage, welche Verhaltensregeln für Fussballer gelten sollen – Vorbildfunktion und so.

Zuletzt nach dem Fall «Kevin Grosskreutz»: Der Profi des VfB Stuttgart war unter der Woche mit Minderjährigen im Ausgang – gemäss Zeugen erst im Bordell und später an einer Oberstufen-Schülerparty. Auf dem Heimweg wurde Grosskreutz spitalreif zusammengeschlagen, weshalb der Ausflug ins Nachtleben erst aufflog.

Der VfB feuerte Grosskreutz, was in Deutschland zur Debatte über die Scheinheiligkeit im und um den Fussball führte: Einerseits wünschen sich Medien, Fans und auch die Klubs Typen mit Ecken und Kanten. Doch kaum schlägt mal einer der Millionäre über die Stränge, so wie es viele «Normalos» Woche für Woche tun, wird er wegen der Verletzung der Vorbildpflicht gegeisselt.

Politik ist tabu

Ein weiteres «beliebtes» Fettnäpfchen sind politische und religiöse Statements. Die Fifa verbietet es den Spielern, sich in irgendeiner Form zu positionieren. Nicht einmal Geburtstagsgrüsse an die Mutter via Schriftzug auf dem Unterhemd liegen drin.

Bickel: «Mit Blick auf den einzelnen Spieler und seine Persönlichkeitsentwicklung ist es nicht richtig, dass er sich nicht politisch äussern darf. Aber: Er ist Angestellter eines Vereins, und dieser spielt in einem Stadion, das der Stadt gehört, und in dieser Stadt gibt es verschiedene politische Player. In diesem Kontext sind politische Statements einfach zu heikel.»

Ex-YB-Sportchef Fredy Bickel betätigte sich nur einmal politisch.

Ex-YB-Sportchef Fredy Bickel betätigte sich nur einmal politisch.

Er selber, so Bickel, bekomme immer wieder Anfragen für Auftritte an Wahlkampfveranstaltungen – angenommen hat er nur eine in Zürich, als es an einem FDP-Anlass darum ging, für ein neues Stadion zu weibeln.

Keine Zeit, um jung zu sein

Besonders aufpassen müssen ausgerechnet die Nachwuchsspieler, also die in der Pubertät. Zwischen 15 und 18 Jahren trennt sich die Spreu vom Weizen, ein willkommenes Rauswurf-Argument bei hoher Qualitätsdichte ist der Bruch von Verhaltensregeln.

Die Jungprofis, sie sind wahrlich im goldenen Käfig: Tag für Tag Fussball spielen, viel reisen, schon hohe Saläre – doch «jung sein» dürfen sie nicht. Der frühere Junior von RB Leizpig, Friedrich Wolf, sagte in der «Zeit» über die knallharten Regeln für die Stars von morgen: «Du darfst keinen Alkohol trinken als 18-Jähriger. Wenn trainingsfreie Zeit war, mussten wir auch als Volljährige um 22 Uhr zu Hause sein, und wenn Training war, um 20 Uhr. Das hiess nicht nur zu Hause, sondern Bettruhe.»

«Urlaubsspeck» kostet

Auch das Erscheinungsbild und natürlich alle weiteren Rechte werden laut Wolf vom Verein kontrolliert. «Wenn du den Vertrag unterschreibst, verkaufst du deine kompletten Persönlichkeitsrechte. Alles was Werbung und Vermarktung deines Namens angeht, liegt beim Verein. Im Verhaltenskodex stand auch, dass ein Spieler auf sein Aussehen achtet, auf seine Frisur und dass er keine Tattoos hat.»

Immerhin gibt es Urlaub – doch der kann teuer werden. «Ein Kilo darfst du zunehmen. Pro 100 Gramm mehr kostet es dich fünf Euro. Das musst du schon mögen.»

Frau statt Mann

Das wohl härteste Verbot ist keines, das im Vertrag steht. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, leider immer noch: Schwule Spieler dürfen sich während der Karriere nicht outen. Im Frauenfussball gehört Homosexualität schon immer zum Spiel wie der Ball.

Thomas Hitzlsperger (mitte) outete sich nach Karriereende.

Thomas Hitzlsperger (mitte) outete sich nach Karriereende.

Den Männern aber droht der Gang durch die Hölle, ihnen wären übelste Anfeindungen von gegnerischen Fans und dumme Sprüche der anderen Spieler gewiss. Ein schwuler Fussballprofi, der einst in Deutschland ein anonymes Interview gab, sagte über seine absurden Lebensverhältnisse: «Natürlich fühle ich mich beschissen. Auch meine Frau weiss nichts davon.»

Offiziell sei er verheiratet, lebe aber schon seit seiner Jugend in einer festen Beziehung mit einem Schulfreund. «Was soll ich machen? Ein Outing wäre mein Tod.» Ein anderer Spieler sagte, wie leid er es sei, dass ihn eine eingeweihte Freundin zu den Mannschaftsabenden und Weihnachtsfeiern begleitet, um den Eindruck zu erwecken, «normal» zu sein.

Ein Traumleben?

«Die Notlügen und die Heimlichtuerei sind unglaublich belastend.» Der langjährige deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, der sich nach der Karriere outete, sagte unter dem Vorwand, sich mit seiner Freundin auseinandergelebt zu haben, die von langer Hand geplante Hochzeit ab.

Fussballer und ihr Traumleben? Cristiano Ronaldo, der Beste der Welt, sagte einmal: «Als Fussballer fühle ich mich vor allem eines: einsam.»