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Valon Behrami: «Die Schmerzen sind eigentlich immer da – ich habe mich daran gewöhnt»

Valon Behrami fehlt der Schweizer Nationalmannschaft in den beiden letzten WM-Qualifikationsspielen gegen Ungarn (Samstag) und in Portugal (Dienstag, 10. Oktober). Schmerzen sind für den 32-Jährigen Alltag. Wie denkt er darüber? Im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» von Ende Juni 2017 gab er dazu interessante Einblicke.

Etienne Wuillemin
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Valon Behrami kann kaum mehr schmerzfrei spielen, jetzt fällt er in der entscheidenden Phase der WM-Qualifikation gar verletzt aus.

Valon Behrami kann kaum mehr schmerzfrei spielen, jetzt fällt er in der entscheidenden Phase der WM-Qualifikation gar verletzt aus.

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Wovon träumen Sie?

Valon Behrami: Mein Leben ist ein Traum! Wenn ich sehe, wie mein Leben jetzt aussieht, was alles passiert ist in meiner Kindheit, dann ist das schöner als jeder Traum, den ich hätte haben können. Manchmal vergesse ich das. Und wenn ich alleine bin und ins Nachdenken komme, dann fällt es mir wieder auf. Es sind überwältigende Gefühle.

Müssen Sie sich manchmal kneifen?

Ja, das ist so. Und gleichzeitig ertappe auch ich mich manchmal im Denken: Immer mehr, immer mehr! Es gibt viele Leute auf der Welt, die sind nie zufrieden und realisieren gar nicht, welch Glück wir haben. Gerade denke ich ab und zu daran, wie toll es ist, wenn das eigene Leben nicht mehr vorbestimmt ist.

Wie meinen Sie das?

Als ich an der Schwelle zum Erwachsenwerden stand, habe ich mir Tausende Gedanken gemacht. Ich fragte mich stets, was andere wohl über mich denken. Egal, was ich gemacht habe. Immer stand diese Frage im Raum: Wie kommt das wohl an? Heute mache ich, worauf ich Lust habe. Bin spontan. Und selbstbestimmt.

Ihre Geschichte ist bewegend. Ihre Familie flüchtete 1990 in die Schweiz. Sie mussten aber auch miterleben, wie Familienmitglieder im Kosovo-Krieg umkamen.

Ja, mein Onkel und mein Cousin wurden auf der Flucht ermordet. Ihre Flucht missriet, an der Grenze wurden sie erwischt. Und danach vor den Augen der Frauen erschossen.

Sie haben diese Geschichte auch in einem Video für Amnesty International erzählt. Wie ist es dazu gekommen?

Sie haben mich angefragt, ob ich über meine Geschichte sprechen würde. Ich sagte: kein Problem. Auch wenn ich etwas Angst hatte vor den Reaktionen. Weil ich nicht zu sehr politisch werden wollte.

Und, wie fielen die Reaktionen aus?

Einige lobten mich. Andere kritisierten mich. Sagten: «Du weisst ja gar nicht, wie der Krieg wirklich ist.» Es gab extreme Reaktionen auf beide Seiten – wie immer. Was mich nachdenklich stimmt, sind Aussagen wie: «Du redest ja nur, weil du viel Geld hast!» Das ist heute leider Alltag, vor allem auf Social Media. Selbst wenn ich einen Eintrag mache, in dem ersichtlich wird, dass ich um 6.30 Uhr aufstehe, gibt es Leute, die sagen: «Was willst du überhaupt, ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf!» Der Hass nimmt zu.

Ist das Konzept von Social Media für Sie gescheitert?

Ja, es ist – leider – so. Früher war das super. Dank Social Media kam ich in Kontakt mit Menschen, zu denen ich sonst keinen Zugang gehabt hätte. Heute folgen auf fast jeden Eintrag zehn bis zwanzig böse Kommentare, egal worüber. Wobei ich klarstellen möchte: Ich habe nichts gegen Ratschläge oder Meinungen, solange sie mit Respekt formuliert sind.

Sie haben zwei Töchter. Die ältere, Sofia, soll dafür verantwortlich sein, dass Sie noch nicht aus dem Nationalteam zurückgetreten sind. Stimmt das?

Ja, das ist tatsächlich so. Wir waren nach der EM zu Hause in Lugano zusammen im Auto unterwegs. Wir sprachen über das Spiel (den verlorenen EM-Achtelfinal gegen Polen, d. Red.) und meine Tochter sagte: «Papi, schade habt ihr im Penaltyschiessen verloren!» Ich antwortete: «Ja, ich weiss.» Dann sagt sie: «Warum bist du so traurig? Ist doch kein Problem. Das nächste Mal klappt es!» Und ich gab zurück: «Ja, aber ich weiss nicht, ob es ein nächstes Mal gibt.» Dann meinte sie, etwas aufgeregt: «Warum denn nicht? Ich will dir nochmals zuschauen können!» Da realisierte ich: Nein, das kann es noch nicht gewesen sein.

Haben Sie es ein Jahr nach der EM schon geschafft, das Achtelfinal-Aus gegen Polen zu verdauen?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Wir reden noch immer darüber am Mittagstisch, wenn wir im Nationalteam beisammen sind. Es war eine grosse Chance – und wir haben es nicht geschafft. Ich kann diesen Tag nicht vergessen. Aber nicht nur die Niederlage. Auch die Leidenschaft, die Emotionen, die Fans, es war wirklich unglaublich. Diese Gefühle wollen wir noch einmal haben. Ich bin sicher, diese gesamte Erfahrung hilft uns, noch einmal zu wachsen.

Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Tochter auch Fussballerin wird?

(lacht) Das Wichtigste ist für mich, dass sie überhaupt Sport macht. Der Sport war wichtig für meinen Weg zur Integration, das vergesse ich nie. Wenn es Fussball sein soll für sie – warum nicht? Den einen oder anderen Tipp könnte ich ihr jedenfalls geben.

Wenn man Ihnen beim Spielen zusieht, sieht man Ihnen manchmal richtiggehend den Schmerz an. Können Sie überhaupt noch ohne Schmerzen spielen?

Es gab vielleicht fünf oder sechs Spiele in diesem Jahr, die ich beschwerdefrei bestritt und auf dem Platz nicht denken musste: Oh, wenn ich diese Bewegung mache, habe ich dann sicher Schmerzen. Aber ja, so ist das, die Schmerzen sind eigentlich immer da. Ich habe mich daran gewöhnt.

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