Einst sagte man ihm nach, jene Attribute mitzubringen, um als nächster David Beckham den Fussball-Olymp erklimmen zu können. Das Talent, die Position am rechten Flügel, ja selbst sein Erscheinungsbild mit diesem wehenden, blonden Haar mahnte an Manchester Uniteds Klublegende. Der Weg von Markus Neumayr schien vorgezeichnet.

Wer Neumayrs Anekdoten lauscht, spürt die tiefe Zufriedenheit. Er ist dankbar, für das, was er neben seiner Familie hat: einen Stammplatz und eine Leaderfunktion beim FC Vaduz. «In einer tollen Liga», schiebt Neumayr im gleichen Atemzug nach. Während er für die Qualität der Super League plädiert, könnte man meinen, er müsse sich den Istzustand schönreden. Vor allem dann, wenn man weiss, woher er kommt. Doch mit dieser Annahme verkennt man den Menschen unter dieser schrillen Frisur. Neumayr ist ein Realist – das war aber nicht immer so.

Die Freundschaft mit dem Barça-Star

Im zarten Alter von 16 Jahren verlässt der Deutsche seine Heimat. Für die United, seinen Lieblingsklub. Was sich der 16-jährige Neumayr als Abenteuer ausmalt, sollte der Ursprung einer Odyssee im knallharten Fussball-Geschäft sein. Eine Verletzung erschwert ihm die Akklimatisierung auf der Insel. Dann trainiert das Talent endlich. Seine Kollegen heissen Wayne Rooney, Cristiano Ronaldo und Gerard Piqué. Mit Letzterem teilt sich der Spassvogel die britischen Gasteltern. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die noch heute besteht. Barça-Abwehrass Piqué, für viele eine Ikone, für Neumayr der Götti seiner sechsjährigen Tochter. Piqué ist es auch, der ihn an eine Abschlussfeier einer Model-Agentur mitnimmt. Dort trifft Neumayr seine Liebe.

Das Talent zählt bald zur Reservemannschaft der Red Devils. Das Ziel, einmal im «Theater der Träume» (Übername des
Stadions von Manchester United) aufzulaufen, verliert er nie aus den Augen. Neumayr wird Captain der erfolgreichen Reserve. Der Durchbruch scheint nah. Doch die Konkurrenz bei den «Grossen» ist zu gross. Sir Alex Ferguson legt dem damals 20-Jährigen einen Wechsel nahe. Spielpraxis soll er sammeln. In Duisburg.

Aus dem Theater der Träume in die ungeschminkte Realität des Ruhrpotts. Die Fans erwarten den nächsten Beckham. Den Erwartungen, jedes Spiel im Alleingang zu entscheiden, wird der damals 20-Jährige nicht gerecht. Erstmals wird das Beckham-Etikett zur Last. Doch für den heute 29-Jährigen fusst nicht die Erwartungshaltung von aussen auf den Entfaltungshemmungen. «Vielmehr macht man sich selbst einen zu grossen Druck, vor allem im mentalen Bereich.» Ebendiese psychische Resistenz wird einer argen Belastungsprobe unterzogen. Nicht nur in Duisburg, wo das Talent in die Reservemannschaft verfrachtet wird.
4. Liga, die Ernüchterung ist gross. Neumayr forciert schnell einen Wechsel. «Mein grösstes Laster war stets die Ungeduld. Ich habe immer das erstbeste Angebot angenommen.» Nach einem missratenen Abstecher nach Belgien findet sich Neumayr bald erneut in Deutschlands vierthöchster Spielklasse wieder. Bei Rot-Weiss Essen.

Raus aus der Belanglosigkeit

Mittlerweile ist Neumayr 23. Seine Tochter kommt zur Welt. Gleichzeitig laboriert er an einer Knochenhautentzündung. Die Zweifel sind stärker denn je. «Die meisten Jungs von damals, die es bei ManU auch nicht schafften, entschieden sich zum Rücktritt.» Das war auch bei Neumayr ein Thema. «Man will seiner Familie schliesslich Stabilität bieten können.» Seine Frau überzeugt ihn, nicht aufzugeben. Es kommt zum Transfer zu Burghausen. «Auch wenn kitschig tönt: Ich wollte einfach nur noch Fussball spielen.» Wo und in welcher Liga ist ihm gleichgültig. Bald wird der grosse Mario Basler zum Wacker-Trainer. «Menschlich stimmte es zwischen Mario und mir nicht», so Neumayr. Wieder folgt der Umzug. Diesmal nach Thun, dann nach Bellinzona. Im besten Fussballeralter hat Neumayr alles erlebt: ein 29-tägiges Trainerengagement, Verletzungspech und drei Klubinsolvenzen. Letztere im Sommer 2013 im Tessin. Schocken kann ihn aber schon lange nichts mehr.

Der FC Vaduz nimmt den Gestrandeten auf, gibt ihm Zeit und Ruhe. Also genau das, was ihm bis dato immer fehlte, um zu gedeihen. Das Beckham-Etikett blendete die Liechtensteiner nicht, dafür ist er ihnen unendlich dankbar. Mittlerweile ist der Deutsche zur Führungspersönlichkeit gereift. Er ist stolz, den Turnaround in der Karriere geschafft zu haben. Die Freude versprüht der Extrovertierte in jedem Training. «Markus ist immer am lautesten», konstatiert Teamkollege Kukuruzovic. «So bin ich einfach», entgegnet Neumayr. Für den 29-Jährigen haben sich die unüberlegten Schachzüge und Strapazen endlich ausgezahlt. «Luftschlösser baue ich keine mehr.»

Auch nicht vor dem Kräftemessen mit Ligakrösus Basel. «Meine Frau kommt aus Basel, ihre Eltern sind FCB-Dauerkartenbesitzer. Insofern werde ich es niemandem recht machen», sagt er mit einer Prise Humor. Viele meinen, seine Trikotnummer 23 sei das letzte Überbleibsel des nächsten Beckhams. Dabei erinnert sie ihn an jenes Jahr, als er im Alter von 23 der sportlichen Belanglosigkeit den Kampf ansagte. Das Träumen hat der Nonkonformist auch darum nie verlernt: «Die Leute sollen dereinst sagen, dieser Neumayr war ein geiler Kicker.» Dieser Traum scheint realistisch.