Usain Bolt. Was gibt es da noch zu erzählen? Es gibt die Stars, über die ist alles schon gesagt. Oder sie haben zumindest schon alles über sich selbst gesagt. In der dritten Person. Wie Zlatan Ibrahimovic, wenn er meint, seine Ehefrau brauche kein Geburtstagsgeschenk: «Sie hat bereits Zlatan.» Auch Manchester United hat seit diesem Sommer Zlatan. Und Usain Bolt liebt Manchester United. Das ergibt irgendwie Sinn, oder? Und wenn du Usain Bolt bist, hinterfragt auch keiner, wenn du als nächstes Ziel «Schauspieler in Actionfilmen werden» angibst. «Wie Jason Statham, den mag ich.»

Passt ebenfalls, auch Statham war zuvor Sportler, Wasserspringer, und sagt jetzt in seinen Filmen coole Dinge wie «Zum Pinkeln brauchst du deinen Mund nicht». Eigentlich müsste Bolt aber höher zielen: Als Athlet will er ja, wenn er einmal abgetreten ist, einer sein, um den sich Legenden und Mythen ranken. So wie Chuck Norris also. Der hat von seinen 500 Kämpfen 600 gewonnen.

Neue Weltrekorde als Ziel
Über seinen Rücktritt spricht Bolt bereits offen. Er läuft zwar weiter. Aber 2016 sind seine letzten Olympischen Spiele. Er möchte nicht mehr Teil dieses vier Jahre langen Zyklus’ sein, in dem sich alles nur um eines dreht. Er werde älter. Und fauler. «Darum war ich nicht an der Eröffnungsfeier. Ich war zu faul.» Usain Bolt schaute sich das Spektakel am TV an. Am Fernseher, den er in Rio selbst gekauft hat, besser: kaufen liess. In seiner Wohnung im Athletendorf fehlte das TV-Gerät: «Also kaufte ich eines. Ansonsten ist alles okay.»

Seine verbleibenden Ziele? Darüber sprach Bolt diese Woche in einem Interview mit dem «Stern». «Ich will für die Leichtathletik das sein, was Muhammad Ali für das Boxen ist. Der Grösste.» Die Menschen sollen nach seiner Karriere in Ehrfurcht über ihn reden.
Wenn er seine primären Ziele in Rio erreicht, ist Bolt dem einen grossen Schritt näher. Er will erneut alle drei Wettkämpfe gewinnen: 100 Meter, 200 Meter und die Staffel mit Jamaika. Gelingt es, wäre er an Olympischen Spielen drei Mal dreifach unbesiegt. Seit Peking 2008 hat er alles gewonnen. Und eigentlich zweifelt niemand daran, dass es in Rio so weiter geht. Bolt besiegen? Höchstens dann, wenn einer seiner Mitstreiter in der Staffel den Stab fallen lässt. «Ich werde die Leute unterhalten und gewinnen», sagt Bolt. Diese Lockerheit, und sei sie nur gespielt, darum beneiden ihn wohl die meisten Athleten.

Doch Usain Bolt spricht über mehr als nur das Gewinnen. Siege alleine definieren ihn schon lange nicht mehr. Er träumt, auch wenn sein bisheriges Wettkampfjahr für einen Ausserirdischen wie ihn «bescheiden» verlaufen ist, von neuen Rekorden über 100 und 200 Meter. Die Jahresweltbestzeiten gehören anderen, Usain Bolt kämpfte mit Verletzungen, doch das tat er bereits vor anderen seiner Grosstaten.

Den Einwand, dass beide von Bolt aufgestellten Weltrekorde, 9,58 Sekunden über 100 Meter und 19,19 Sekunden über 200 Meter, bereits sieben Jahre alt sind, wischt er weg. Über die 200 Meter, die er einerseits noch mehr liebt als die Königsdisziplin, die ihn andererseits aber bis heute nervös machen, will er gar unter 19 Sekunden bleiben. Die Grenzen verschieben in seinem Sport, wie er es sagt. In London lief er kürzlich 19,89, und sein Trainer Glen Mills hätte ihn für eines seiner schlechtesten Rennen aller Zeiten zusammengestaucht. Wie tönt das in den Ohren irdischer Läufer?

Ein Theater für Bolt
Usain Bolt ist längst mehr als bloss ein Superstar. Mit diesem Wort wird man dem bald 30-Jährigen nicht gerecht. Andere machen in Rio Medienkonferenzen vor ihren ersten Einsätzen. Bolt ist anders. Er lässt das grösste Theater Brasiliens mieten und bietet Sambatänzerinnen mit Silikonbusen, Karikaturen gleich, auf, die ihn zum Tanz bitten. Die Journalisten, vor allem jene aus seiner Heimat, jubeln und tragen Fanutensilien. Ein norwegischer Journalist (oder ist alles klug inszeniert?) rappt ein Liebeslied. Die Japaner stellen keine Fragen, sondern zeigen ihre Verehrung.

Ein «normaler» Sportler wäre längst schon verdächtig. Jamaika wird oft in die Nähe der «Dopingachse des Bösen», die von Russland nach Kenia verlaufen soll, platziert. Usain Bolt selbst äussert sich zu Doping. Diese Geschichten kümmerten ihn nur wenig, er sei Athlet, kein Funktionär. «Aber wir gehen in die richtige Richtung. Wir sortieren die Faulen aus. In ein paar Jahren wird der Sport sauber sein. Darauf freue ich mich.»
Dann will er bereits der nächste Filmstar sein. Wen er spielt? Am liebsten wohl sich selbst.

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Grafik: Elia Diehl

Cartodb: Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro

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