Top-Ligen

Unterhaltung ohne Drehbuch in der englischen Premier League

Jamie Vardy und Leiscester überraschen ganz Fussball-Europa.

Jamie Vardy und Leiscester überraschen ganz Fussball-Europa.

Saisonhälfte in den europäischen Top-Ligen. Die Bilanz aus der Premier League: Leicester verblüfft alle, Chelsea-Fans sind erbost und Arsenal ist voller Hoffnung.

Premier-League-Chef Richard Scudamore verkauft sein Hochglanz-Produkt gerne als «unscripted entertainment», Unterhaltung ohne Drehbuch. So überzeugend wie in der laufenden Saison klang dieses Werbeargument jedoch selten. Pünktlich zu Beginn des Weihnachtsprogramms übertrifft sich die englische Liga selbst mit überraschenden Wendungen, irrwitzigen Szenen auf den Rängen und einer völlig auf den Kopf gestellten Tabelle. Leicester City, im Dezember 2014 abgeschlagen auf Platz 20, führt nach dem 3:2-Sieg beim FC Everton am Samstag weiter sensationell das Klassement an.

Meister Chelsea machte zwar mit einem klaren 3:1-Erfolg über Sunderland Boden auf die Abstiegsplätze gut. Doch die Zuschauer an der Stamford Bridge buhten ihr Team trotzdem gnadenlos aus. Die Fans der Blauen machten die Mannschaft für den desaströsen Leistungsabfall in der ersten Saisonhälfte verantwortlich und kreideten insbesondere einigen Stars den Rausschmiss von Trainer José Mourinho am Donnerstag an. Die aggressive Stimmung an der Fulham Road hatte eine bizarre Note. Mit jedem Tor und jeder schönen Aktion der unter Interimstrainer Steve Holland sichtlich befreit wirkenden Hausherren wuchs auf den Rängen der Unmut. 

Der Unmut der Fans

Warum hatte Chelsea nicht schon vorher so überzeugend gespielt? Eden Hazard, Cesc Fabregas und Diego Costa wurden auf einem Banner als «drei Ratten» verunglimpft; «Wo wart ihr, als wir scheisse waren?», hallte es den Stars zornig entgegen. «Die Fans haben ein Recht, Ihre Meinung kundzutun», sagte Holland nachsichtig, gab aber zu, dass das Verhalten der Zuschauer dem Team «Schwierigkeiten» gemacht habe. Diese Woche wird Guus Hiddink zum zweiten Mal als Übergangslösung das Amt bei den Blauen übernehmen.

Im Sommer soll dann Diego Simeone (Atlético Madrid) Trainer beim Klub von Roman Abramowitsch werden. Ob Louis van Gaal bis dahin noch bei Manchester United im Amt ist, muss nach der abermals katastrophalen 1:2-Heimniederlage gegen Norwich City allerdings stark bezweifelt werden. Mit Pep Guardiola und Mourinho sind gerade zwei Spitzentrainer frei geworden; sogar der sonst nicht gerade von Selbstzweifeln zerfressene van Gaal gab zu, dass er sich akut Sorgen um seinen Arbeitsplatz mache. Unübersehbar sind nicht mehr nur die spielerischen Probleme des Teams: United ist mittlerweile auf Platz fünf abgerutscht.

Von den Spitzenmannschaften liegen in dieser verrückten Saison allein Arsenal (Platz zwei) und Manchester City (Platz drei) im Soll. Am Montag kommt es im Etihad zum direkten Duell der Verfolger, von denen jedoch keiner Leicester vor dem traditionellen Kick am zweiten Weihnachtstag von der Spitze vertreiben kann. Für die Londoner und das Team von Manuel Pellegrini – der nach Saisonende höchstwahrscheinlich von Guardiola abgelöst wird – geht es auch um ein psychologisches Moment. Ein Sieg im wichtigsten Spiel vor Jahreswechsel würde die eigenen Titelambitionen unterstreichen.

Arsenal will Zweifler belehren

«Wenn uns jetzt, so nahe an Platz eins, der Glaube fehlen sollte, werden wir ihn wohl nie mehr haben», sagte Gunners-Coach Arsène Wenger. Nach einer Auftaktniederlage gegen West Ham (0:2) und einem Fehlstart in der Champions League (Niederlagen gegen Olympiakos und Zagreb) hat Wengers Technikertruppe zum schönen, erfolgreichen Spiel zurückgefunden. Das Team bestreitet, vom grandiosen Spielmacher Mesut Özil (13 Torvorlagen) angeführt, die beste Saison seit langer Zeit. Ob am Ende die erste Meisterschaft seit 2004 stehen wird, hängt aber auch von Man City ab.

Das Kader des Klubs hat mehr Tiefe, mit Sergio Agüero hat sich für das Duell mit Arsenal der wichtigste Spieler wieder fit gemeldet. Seine Abwesenheit hat City geschadet, dazu kommen Probleme in der Defensive. Ohne den derzeit verletzten Captain Kompany fehlt den Hellblauen Autorität und Präsenz in der Defensive. City ist bei weitem kein perfektes Team, aber immer noch der Favorit für die englischen Buchmacher. Nun will Arsenal all jene Zweifler belehren, die die ewige Zerbrechlichkeit unter Wenger bemängeln. Scudamore wird sich das Spiel mit Wonne anschauen – für beste Unterhaltung ist auch in den nächsten Wochen gesorgt.

Meistgesehen

Artboard 1