Schwimmen
Unheimliche Rekordflut: Für Ex-Schwimmstar Flori Lang sind die zahlreichen Rekorde nicht unrealistisch

Wieder einmal sorgt die Vielzahl an Rekorden in den Olympischen Schwimmwettbewerben für Schlagzeilen. Der Dopingvorwurf im Schwimmzirkus ist omnipräsent. Doch es gibt auch andere Erklärungen für die permanente Leistungssteigerung der Schwimmstars.

Henrik Furrer
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Martina van Berkel ist in Rio bereits drei Mal Schweizer Rekord geschwommen (Archivbild)

Martina van Berkel ist in Rio bereits drei Mal Schweizer Rekord geschwommen (Archivbild)

KEYSTONE/PATRICK B. KRAEMER

Schon wieder ein neuer Schweizer Rekord im Schwimmen: Martina van Berkel überbietet ihre im Vorlauf aufgestellte Bestmarke im Halbfinal über 200 Meter Delfin nochmals um einen Zehntel. Dennoch scheidet die 27-jährige Zürcherin als Zwölfte aus. Zum Vorstoss in den Olympia-Final der Top 8 fehlten ihr 68 Hundertstelsekunden.

Die jüngste Bestmarke von van Berkel ist bereits ihr dritter Schweizer Rekord an diesen Spielen. Insgesammt ist es der sechste Schweizer Rekord in Rio. Dass an den Olympischen Schwimmwetbewerben die Rekordmarken nur so purzeln, daran hat man sich längst gewöhnt. Fünf neue Weltrekorde gab es allein an den ersten beiden Schwimmtagen in Rio. Das ist brillant, ohne Frage. Aber die unheimliche Rekordflut wirft auch Fragen auf.

Fragt man die Athleten selbst nach den Gründen für die vielen Rekorde, haben diese oftmals sehr simple Erklärungen parat: «Weil es die Olympischen Spiele sind. Jeder will sein Bestes zu geben», sagte beispielsweise die Amerikanerin Katie Ledecky, nachdem sie im Final über 400 Meter Freistil ihren eigenen Weltrekord um fast zwei Sekunden unterboten, nein, pulverisiert hatte.

Ähnlich wie Ledecky äusserte sich auch Adam Peaty, der über 100 Meter Brust erst im Vorlauf und dann im Finale nochmals Weltrekord schwamm: «Wir versuchen, mit unserer Leistung voranzukommen», sagte der Brite, «und dann fallen die Weltrekorde.»

Latenter Doping-Verdacht

Doch lässt sich die unheimliche Rekordflut an Olympischen Spielen allein durch die spezielle Wettkampfatmosphäre erklären? Das wär wohl zu einfach. Denn gerade das Schwimmen gehört zu jenen Sportarten, bei denen jede Höchstleistung nicht nur Begeisterung, sondern automatisch auch Misstrauen hervorruft. Seit jeher sieht der Schwimmsport sich mit latentem Doping-Verdacht konfrontiert. Und immer wieder werden Athleten überführt.

Daher erstaunt es umso mehr, dass die Dopingsünder vom IOC nicht härter bestraft werden. So sind beispielsweise die Russin Julia Jefimowa und der Chinese Sun Yang, beides überführte Dopingsünder, in Rio am Start. Von gnadenlosen Pfiffen und Buhrufen begleitet vollbringen sie im Schwimmstadion von Rio weiterhin Höchstleistungen. Jefimowa gewann über 100 Meter Brust Silber, Sun Yang sicherte sich gar die Goldmedaille über 200 Meter Freistil.

Überführte Betrüger, die an den Olympischen Spielen Medaillen abräumen. Das ist weder der Konkurrenz, noch den Zuschauern gegenüber fair. Doch nicht nur die Leistungen der verurteilten Dopingsünder werfen Fragen auf. Auch die Fabel-Weltrekorde anderer Schwimmstars rücken dadurch in ein schiefes Licht. «Manche Dinge kann man erklären, andere bleiben erst mal unerklärlich», sagte der Chefcoach des Deutschen Schwimm-Verbandes, Henning Lambertz. Vor allem die enormen Leistungssprünge der amerikanischen Fünffach-Weltmeisterin Katie Ledecky und der ungarischen "Iron Lady" Katinka Hosszu findet Lambertz «erstaunlich».

«Diese Rekorde sind nicht unrealistisch.»

Für den ehemaligen Schweizer Spitzenschwimmer Flori Lang ist die Vielzahl an Rekorden an der Olympiade hingegen weniger erstaunlich. Der 33-jährige Zürcher hat drei Medaillen an Europameisterschaften gewonnen, nahm 2008 an den Olympischen Spielen in Peking teil und hält noch immer zahlreiche Schweizer Rekorde.

«Einerseits trainiert man gezielt auf die olympischen Spiele hin, um dort seine Top-Leistung abrufen zu können», sagt Lang. Andererseits gebe es im Schwimmsport laufend neue Stile, Trainingsmethoden und technische Errungenschaften, die immer schnellere Zeiten ermöglichen. «Ich denke da zum Beispiel an die neue Vorrichtung für den Rückenstart oder die verbesserte Wende-Technik. Auch das Wissen über Trainingsmethoden verbessert sich laufend. Das habe ich während meiner aktiven Schwimmer-Laufbahn selbst miterlebt.»

Fortschritte gebe es leider auch bei der Entwicklung von Doping-Mitteln. «Zwar wird die Doping-Fahndung immer professioneller, dennoch sind die Entwickler von Doping-Mitteln den Fahndern stets einen Schritt voraus», so Lang. Obwohl der Schwimmsport zweifellos nicht sauber sei, könne man Doping nicht für die Rekordflut im Schwimmsport verantwortlich machen, ist sich Lang sicher. «Diese Rekorde sind nicht unrealistisch.»

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