Ultra-Trail-Läuferin

Unfassbar: Diese Frau rannte schon 250 Kilometer durch Wüsten und jetzt auf die höchsten Vulkane der Welt

Anne-Marie Flammersfeld rannte vor acht Jahren 250 Kilometer durch die heisseste Wüste der Welt, die Sahara in Ägypten.

Anne-Marie Flammersfeld rannte vor acht Jahren 250 Kilometer durch die heisseste Wüste der Welt, die Sahara in Ägypten.

Die 42-jährige Anne-Marie Flammersfeld wagte sich vor acht Jahren über ihre Komfortzone hinaus und wurde Ultra-Trail-Läuferin. Sie rannte im Jahr 2012 durch vier Wüsten und läuft jetzt auf den höchsten Vulkan jedes Kontinents.

Zuoberst auf dem Gipfel des Pico del Teide auf 3715 Metern über Meer. Dort wollte Anne-Marie Flammersfeld jetzt eigentlich stehen. Zuoberst auf dem höchsten Berg Spaniens auf Teneriffa, dem dritthöchsten Inselvulkan der Welt. Aber aus Angst vor einer Quarantäne blieb die 42-jährige Deutsche daheim.

Zehn Tage isoliert zu sein, wäre ein schwieriges Unterfangen für einen energiegeladenen Menschen wie sie. Für einen Menschen, der beim Spazieren unterfordert ist und eine körperliche Unterzuckerung kriegt. Denn Bewegung ist ihre Komfortzone und darüber hinaus zu gehen ihre Leidenschaft.

Anne-Marie Flammersfeld ist Ultra-Trail-Läuferin. Ultra bedeutet: Man läuft weiter als die Marathondistanz von 42,195 Kilometer. Und Trail heisst: auf unbefestigtem Boden. Als Flammersfeld im Jahr 2011 zum ersten Mal mit diesem Extremsport in Kontakt kam, war sie bereits 33-jährig. Während eines Ponyritts auf den Feuerland-Inseln traf sie den Norweger Gunnar. Er erzählte ihr von Racing The Planet, von vier Wüstenrennen à 250 Kilometern.

Durch die trockenste (Atacama in Chile), die windigste (Gobi in China), die heisseste (Sahara in Ägypten) und die kälteste (Antarktis). Die Abenteuerlust packte sie. Bis dato hatte Flammersfeld erst zwei Marathons absolviert. «Ich war eine Hobbyläuferin», sagt sie. Sie sei nicht vom Laufvirus infiziert gewesen. Trotzdem begann sie zu trainieren. Weil die Neugierde nach dem Unbekannten und Unfassbaren sie kitzelte.

Flammersfeld auf ihrem Weg durch die Antarktis.

Flammersfeld auf ihrem Weg durch die Antarktis.

Geht nicht, gibt’s bei ihr nicht

«Manchmal muss man etwas Neues ausprobieren, die eigenen Grenzen überwinden, ohne zu wissen, wie es ausgeht», sagt Flammersfeld. Die Grenzen überwunden hatte sie bereits, als sie 2006 in die Schweiz nach St. Moritz zog. Sie stammt aus einem Vorort bei Duisburg und hatte nach ihrem Abitur Sportwissenschaften in Köln studiert.

Sportlich sei sie schon immer gewesen. In jungen Jahren spielte sie Handball, später entdeckte sie das Bergsteigen und Skifahren. In St. Moritz arbeitet Flammersfeld als Personal-Trainerin, ist Herztherapeutin und referiert zu den Themen Motivation und Begeisterung. Nebenbei absolviert sie ein Bachelorstudium in Psychologie. Die Neugierde hat sie auch mit 42 Jahren noch nicht verloren. «Ich finde es wahnsinnig spannend, was in unseren Köpfen alles abgeht», sagt sie.

Im Kopf scheint sie besonders stark. Sie liebt es, sich selbst herauszufordern. Wie sonst übersteht man ein Rennen über 250 Kilometer quer durch brütend heisse Wüsten? «Geht nicht, gibt’s bei mir nicht», sagt sie schmunzelnd.

Sie dachte damals: «Wenn ich nicht mehr rennen kann, dann wandere ich. Wenn das auch nicht mehr geht, verlangsame ich weiter. Irgendwie komme ich schon ins Ziel.» Und sie kam ins Ziel. Bei allen vier Wüstenrennen als erste Frau. In Rekordzeit.

Ein Filmteam begleitete Flammersfeld beim Rennen durch die Sahara

Ihr Erfolg war schon erstaunlich, denn Flammersfeld hatte nie die Absicht, die Rennen zu gewinnen. Sie wollte einfach Teil des Abenteuers sein. Heute gibt ihr das Erreichte Selbstvertrauen geben. Wenn beispielsweise ein Vortrag vor vielen Leuten ansteht, denke sie: «Ich bin durch Wüsten gerannt. Also schaffe ich auch das locker.» Stolz sei sie seither vor allem darauf, ihre Leichtigkeit nicht verloren zu haben: «Ich esse alles und trinke auch mal ein Glas Wein oder Bier.» Es hatte sich gelohnt, über den eigenen Schatten zu springen.

Fortan plante die Deutsche verschiedenste Ultra-Trail-Projekte. Ihr aktuellstes hatte sie zusammen mit zwei italienischen Freunden kreiert. Bottom-Up-Climb nennen sie es und bedeutet: aus eigener Muskelkraft, sei es zu Fuss, mit dem Fahrrad oder mit Skiern, vom tiefsten auf den höchsten Punkt eines Landes zu gelangen.

Angefangen hat das Projekt 2013 in der Schweiz, von Ascona (196m) auf die Dufourspitze (4634m), 220 Kilometer und 9500 Höhenmeter binnen fünf Tagen. Alles zu Fuss, meistens im Laufschritt. Die Tour hatte der Gruppe so gut gefallen, dass sie ein Jahr später die nächste planten. Auf den höchsten Vulkan Asiens, den Mount Damavand (5671m) im Iran. Daraus entstand die Idee, die höchsten Vulkane der sieben Kontinente zu besteigen, die Volcanic Seven Summits. Und zwar immer vom tiefsten Punkt des Landes aus.

Auf ihren Bottom-Up-Climbs ist Flammersfeld immer mit zwei italienischen Freunden unterwegs.

Auf ihren Bottom-Up-Climbs ist Flammersfeld immer mit zwei italienischen Freunden unterwegs.

Da funktionierte ihr Hochleistungskörper nicht mehr

Im Iran musste die Sportlerin Kopftuch und Hautbedeckung tragen. «Beim Reisen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder passe ich mich an oder ich fahr da nicht hin», sagt sie schulterzuckend. Sie hat sich angepasst. Allerdings nur ungern. Als die Gruppe mit dem Fahrrad in Richtung Vulkan unterwegs war und es immer heisser wurde, hielt sie es nicht mehr aus. Das Kopftuch musste weg. Prompt fuhren sie an Polizisten vorbei. «Jetzt komme ich ins Gefängnis», dachte sie in diesem Moment. Doch sie hatte Glück und die Polizisten liessen sie passieren.

Zwei Jahre später stand der dritte Vulkan, der Pico de Orizaba (5636m) in Mexiko, auf dem Programm. Während des Aufstiegs funktionierte ihr Hochleistungskörper plötzlich nicht mehr. «Das hat gezeigt, dass man nie weiss, wie der Körper in der Höhe reagieren wird. Egal wie viel man trainiert hat.» Kopfschmerzen, Übelkeit und Herzrasen befielen Flammersfeld. Jeder Schritt wurde zur Qual. Doch sie erholte sich und erreichte den Gipfel. «So was will ich nie mehr erleben», sagt sie. Deshalb kommen für Flammersfeld die höchsten Berge der Welt nicht in Frage.

Den höchsten Vulkan der Welt, den Ojos del Salado (6893m) in Chile, hat sie vor zwei Jahren dennoch gemeistert. Es warten nur noch weniger hohe, aber nicht weniger anspruchsvolle. Für den Mount Giluwe in Papua-Neuguinea muss sie durch den Dschungel und für den Mount Sidley durch die Antarktis.

Vor den beiden steht jedoch ein anderer Vulkan in der Warteschlange. Wann wisse sie noch nicht. Dafür wo: Vom Schwarzen Meer bis auf den Mount Elbrus (5642m) in Russland. Den höchsten Berg Europas, wo das nächste unfassbare Abenteuer wartet. Ausserhalb ihrer Komfortzone.

Die Karte zeigt die gemeisterten und ausstehenden Vulkane von Anne-Marie Flammersfeld:

© CH Media

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