Gschobe #2

Und dann küssen Sie fremd

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 48, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

François: Kommt Flavio?

Pius: Nein.

Tobias: Warum nicht? Hat er es immer noch im Rücken?

Pius: Nein, ist besser geworden, sagt er. Ich soll euch ausrichten, dass er streikt.

David: Versteh ich jetzt nicht.

Pius: Er streikt. Ist das so schwer zu verstehen?

David: Nein, aber weshalb und wofür?

Tobias: Auf den Boden sitzen und trotzen. Ziemlich infantil.

Pius: Er demonstriert nicht, er streikt. Nicht im Geschäft. Er streikt heute Abend.

François: Was ist der Grund?

Pius: Er stellt Forderungen und kommt erst wieder, wenn wir diese erfüllen.

David: Hat er nicht mehr alle Tassen im Schrank? Was für Forderungen?

Pius: Die besten Boule-Kugeln, den Mitspieler seiner Wahl, Bier und Kuchen und sollte er verlieren, ist er nicht bereit zu bezahlen.

Tobias: Was für eine Diva.

David: Wir ändern seinetwegen nicht die Regeln.

François: Kommt nicht infrage. Und weshalb kreuzt er nicht selber hier auf? Weshalb schiebt er dich vor? Hält er sich für einen Fussballstar, der seinen Manager die Drecksarbeit erledigen lässt?

Ousmane Dembélé darf endlich im Trikot seines Lieblingsverein auflaufen

Ousmane Dembélé darf endlich im Trikot seines Lieblingsverein auflaufen

Tobias: Flavio – der Ousmane Dembélé des armen Mannes.

François: Das hat etwas.

David: Ist das der, der in Dortmund das Training bestreikte?

François: Ja, er wollte damit seinen Wechsel zu Barcelona erzwingen.

Pius: Üble Sache.

François: Schon, aber Dembélés Plan ist aufgegangen.

Pius: Ja, und bei der Präsentation in Barcelona blamiert er sich, weil er jongliert, als sei er besoffen. Geschieht ihm recht.

David: Find ich auch. Sowieso der Fussball und seine Transfersummen. 222 Millionen für Neymar. Das ist doch kein Fussballer wert. Die spinnen doch alle.

Tobias: Nein, nein. Die holen das wieder rein:
Mit Merchandising, TV-Vermarktung, Sponsorenverträgen.

François: Da bin ich mir nicht so sicher.

David: Es geht doch nicht nur um Return on Investment. Fussballklubs haben eine soziale Verantwortung. Jedenfalls betonen sie das, wenn es um Nachwuchsarbeit und Integration geht. Es geht doch auch um die Signalwirkung: Die europäischen Klubs signalisieren, dass hier das Geld quasi auf der Strasse liegt. Und dann wundern
wir uns über die Flüchtlingsströme?

Tobias: Die kämen auch sonst.

David: Wahrscheinlich. Trotzdem.

Pius: Als Präsident hätte ich einen wie Dembélé nie ziehen lassen. Ich hätte ihn auf der Bank schmoren lassen. Bis er auf allen vieren um Verzeihung gebettelt hätte.

Tobias: Und auf über 100 Millionen aus Barcelona verzichtet? Da hätten einige Aktionäre keine Freude daran.

Pius: Mag sein. Aber mir kommt die Galle hoch, wenn ich sehe, wie Spieler nach jedem Tor das Wappen küssen. Und am nächsten Tag wechseln sie, weil sie beim neuen Klub mehr verdienen.

François: Schon klar. Aber gibt es nicht auch ganz normale Männer, die am Morgen ihre Frau und am Abend eine andere küssen?

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