Handball
Umbruch im Schweizer Handballsport: Wie Michael Suter die Nati an die Weltspitze heranführen will

Einst gehörte die Schweiz zu den besten Handball-Nationen Europas. Doch dann entschieden sich viele talentierte Spieler bei der Wahl zwischen Spitzenhandball und Karriere für Letzteres. Michael Suter will die Schweiz in die erweiterte Weltspitze zurückführen. Aber wie?

François Schmid-Bechtel
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Wenn es um Handball geht, duldet der neue Nati-Trainer Michael Suter keine halben Sachen. Keystone

Wenn es um Handball geht, duldet der neue Nati-Trainer Michael Suter keine halben Sachen. Keystone

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David Parolo war einmal ein Versprechen. Mit 1,86 m für einen Rückraumspieler zwar eher klein. Aber geschmeidig, trickreich, spielintelligent und mit einem sagenhaften Ballgefühl gesegnet. Der frühere Nationalspieler ist zwar erst 30, also im besten Alter. Der Aargauer spielt aber nur noch in der 3. Liga. Karriere und Kohle macht er stattdessen als Consultant bei Deloitte.

Parolo ist so etwas wie ein Synonym für mindestens eine Schweizer Handballer-Generation. Gewiss talentiert. Und intelligent. Doch irgendwann nach der Matura verschieben sich die Prioritäten. Karriere wird im Berufsleben, nicht im Sport angestrebt. Weil sicherer und lukrativer. Handball dient dann noch als Finanzspritze, um das Studentenleben zu finanzieren. «Wer bitte schön würde das nicht auch so machen, wenn ihm diese Chance geboten wird?», fragt Nicolas Raemy.

Raemy gehört einer neuen, aufstrebenden Generation der Schweizer Handballer an. Einer Generation, die mit den Junioren-Nationalmannschaften erstaunliche Resultate erzielt hat. Einer Generation auch, von der mehr Engagement im Sport erwartet wird. Der Absender dieser Erwartungen ist Michael Suter. Der 40-jährige Primarlehrer ist der Hoffnungsträger des Schweizer Handballs und seit Juni Trainer der A-Nationalmannschaft. Einer Nationalmannschaft, die sich seit 10 Jahren für keine Endrunde qualifiziert hat und beinahe so bedeutungslos geworden ist wie ein umgefallener Sack Reis in China.

Basisarbeit im Nachwuchs

Während der langen Dürreperiode hat der frühere Nationalspieler Suter indes herausragende Basisarbeit geleistet. Als Trainer der Nachwuchs-Nationalteams hat er zu Beginn seiner Tätigkeit eine Brachlandschaft angetroffen. Doch während die A-Nati im Off-Modus verharrte, nahm Suter mit seinen Jungs an je vier Europa- und Weltmeisterschaften teil und etablierte den Handball-Nachwuchs in den Top Ten Europas.

Trotzdem: Die Resultate der U-Teams konnten nicht in die A-Nationalmannschaft transferiert werden. «Einerseits ist unsere Liga zu wenig stark», sagt Raemy. «Andererseits spielen zu wenige Schweizer im Ausland.» Warum? «Weil der Weg ins Ausland beschwerlich ist. In der Schweiz kann man gut verdienen und gleichzeitig studieren. Im Ausland ist der Aufwand für den gleichen Lohn viel grösser.» Und warum spielen Sie immer noch in der Schweiz? «Weil ich erst meinen Bachelor in Sport und Biologie machen will», sagt Raemy.

Trotzdem unterscheidet sich der Thuner Linkshänder von der Parolo-Generation. Denn Raemy will im Handball vorwärtskommen. Hat deshalb sein Pensum an der Uni reduziert. Eine andere Wahl bleibt ihm nicht, wenn er beim neuen Nationaltrainer ein Thema bleiben will. Suter erwartet, dass seine Spieler «alles dem Sport unterordnen. Denn nur so können wir Fortschritte erzielen. Ich bin aber überzeugt, dass mir in den nächsten Jahren 20 Spieler zur Verfügung stehen, die kompromisslos den einzig gangbaren Weg mitgehen und so den Schweizer Handball voranbringen.»

Wenn es um Handball geht, duldet Suter keine halben Sachen. «Er ist sehr ehrgeizig, will immer gewinnen, egal wie der Gegner heisst. Er hat uns mit seinem Ehrgeiz angesteckt», sagt Raemy. Suter beschreibt es so: «Die Jungen haben gelernt, erfolgreich zu sein. Sie wissen, wie man bessere Gegner schlägt.»

Raemy führte die Schweizer Junioren zur Bronze-Medaille.

Raemy führte die Schweizer Junioren zur Bronze-Medaille.

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Für die A-Nati gibt es in der aktuellen EM-Qualifikation eigentlich nur bessere Gegner. In Slowenien setzte es zum Auftakt eine 27:32-Niederlage ab. Heute gastiert Europameister Deutschland. Und dann ist da auch noch Portugal. Gewiss kein Schwergewicht. Aber in den letzten Jahren doch erfolgreicher als die Schweiz. Nur: Wie schlägt man bessere Gegner? Suter sagt: «Mit einem klaren Konzept, klaren Strukturen, viel Willen und einer guten Defensive. Irgendwann wird es uns auch mit der A-Nationalmannschaft gelingen, bessere Gegner zu bezwingen.»

Die Schweiz ist im Um- und dank Suter im Aufbruch. Nur: Während in vielen europäischen Ländern schon seit Jahren professionell gearbeitet wird, Spieler bisweilen schon mit 17 oder 18 Professionals werden, verschlief man hierzulande die Handball-Evolution. Suter meint, der Schweiz würden eine bis zwei Spielergenerationen fehlen. Weshalb er vornehmlich auf junge Spieler, seine Spieler, setzt.

Diese Spieler bringen neben einer grossen Portion Ehrgeiz auch ziemlich viel Wasserverdrängung mit. Was zeitgemäss ist und mit Suters Spielphilosophie prima korreliert. Aber diese Spieler sind noch keine «fertigen Spieler». Während andere Nationaltrainer ihren Fokus auf Taktik und Teamgefüge richten können, ist Suter auch als Ausbildner gefordert. Deshalb steht am Montagmorgen für die junge Handball-Elite jeweils ein Stützpunkttraining auf dem Programm. «Wir müssen aufholen, die Lücke schliessen, den Anschluss finden. Das geht nur über Arbeit.»

Handball ist wieder angesagt

Einen ersten Lohn für diese Arbeit erhält die jüngste Handball-Nati aller Zeiten heute mit dem Heimspiel gegen Deutschland. Denn erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit ist Handball in der Schweiz wieder en vogue. 8700 Tickets wurden für die Partie im Hallenstadion bis gestern verkauft. SRF 2 überträgt live.

Doch man fragt sich: Ist das junge Team dieser Belastungsprobe gewachsen? «Natürlich sind wir krasser Aussenseiter», sagt Suter. «Aber es geht darum, möglichst viele positive Akzente zu setzen. Die Leute sollen sehen, dass aus dieser jungen, willigen Mannschaft etwas Positives entstehen kann.» Schliesslich soll die Handball-Nationalmannschaft wieder mehr bewegen als ein Rad, das in China zu Boden geht.