U21-Europameisterschaft
Ein Ballzauberer wie Neymar: Dan Ndoye, die Schweizer Sturmhoffnung für die Zukunft

Der dribbelstarke Dan Ndoye ist der Beste am Ball in der Offensive des Schweizer U21-Nationalteams. An der Europameisterschaft will er sich einem grösseren Publikum präsentieren.

Raphael Gutzwiller
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Dan Ndoye ist eine Schweizer Waffe in der Offensive.

Dan Ndoye ist eine Schweizer Waffe in der Offensive.

Bild: Keystone

«Endlich geht es los, meine Vorfreude ist riesig», sagt Dan Ndoye. Selbst durch das Telefon ist ihm die Begeisterung anzumerken. Heute um 15 Uhr startet das Schweizer U21-Nationalteam gegen England in die erste EM-Endrunde seit zehn Jahren. «Unser Fokus ist ganz auf diesem ersten Spiel. England hat eine sehr talentierte Mannschaft, aber wir können gewinnen.»

Dass die Schweiz an der zweigeteilten EM dabei ist, hat sie auch dem erst 20-jährigen Flügelspieler zu verdanken. In acht Qualifikationsspielen hat Ndoye vier Treffer selber erzielt und gleich viele vorbereitet. Unvergessen ist sein spätes 2:1 in der 92. Spielminute in der Slowakei. «Ich fühle mich einfach sehr wohl in dieser Mannschaft, wir verstehen uns alle sehr gut», sagt Ndoye. Probleme zwischen den Romands und den Deutschschweizern? Gibt es nicht. «Manchmal haben wir zwar Schwierigkeiten wegen der Sprache», sagt er. «Aber die Stimmung ist super.»

Keiner der lauten, dafür der Beste am Ball

Klopft keine grossen Sprüche während des Trainings, aber fällt dafür am Ball auf: Dan Ndoye.

Klopft keine grossen Sprüche während des Trainings, aber fällt dafür am Ball auf: Dan Ndoye.

Bild: Andy Mueller / Freshfocus (Niederhasli, 22. März 2021)

Ndoye ist nicht der Laute bei den Romands. Wer ein Training beobachtet, hört eher die Stimme von Andi Zeqiri oder Jérémy Guillemenot. Ndoye fällt dafür dann auf, wenn er den am Ball am Fuss hat. Alle sind sie technisch stark im Junioren-Nationalteam, so gut am Ball wie Ndoye ist aber keiner. Es überrascht nicht, dass sein Vorbild Paris-Star Neymar ist – der Zauberer unter den Fussballern.

Im U21-Team ist er einer der Jüngsten, die Routiniers im Team sind fast drei Jahre älter. Dennoch ist es der Romand, der oft für das Unerwartete im Schweizer Offensivspiel sorgt. Er ist schnell, dribbelstark, gut im Abschluss. Seine Spielweise erinnert noch mehr an einen anderen Pariser als Neymar, an Weltmeister Kylian Mbappé. Es sind jene Fähigkeiten, die im modernen Fussball gefragt sind.

Dan Ndoye hat den Ball unter Kontrolle, hier im Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein.

Dan Ndoye hat den Ball unter Kontrolle, hier im Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein.

Bild: Keystone

Dan Ndoye wächst in einer sportlichen Familie auf: Die Schwester Eva betreibt Leichtathletik und Bruder Issa spielt Fussball, heute beim FC Saint-Prex in der 2. Liga interregional. Mit fünf beginnt Dan bei La Côte Sport mit dem Fussball. Dass er talentierter als andere ist, merkt er früh. Nach wenigen Jahren ist er kaum vom Ball zu trennen. Er wechselt zu Saint-Prex, dann ins Team Vaud. Dort spielt er zunächst in Gland, später in Nyon und seit der U15 bei Lausanne. Jede Stufe übersteht er mit der Leichtfüssigkeit, die ihn auf dem Platz auszeichnet. Schon als 18-Jähriger debütiert Ndoye bei den Profis von Lausanne-Sport.

Und jetzt präsentiert er sich an der EM der Fussballwelt. Die Mutter ist Schweizerin, der Vater Senegalese. Ob es für ihn klar war, für die Schweiz zu spielen? «Ich habe zwei Eltern und zwei Nationalitäten. Ich konzentriere mich ganz auf die Schweiz und bin froh, hier zu sein. Momentan denke ich nicht an die Zukunft.»

Wechsel innerhalb der Ineos-Gruppe

Wie viele andere grosse Talente wechselt auch Ndoye früh ins Ausland. Er steht wie kein anderer für die Zusammenarbeit von Lausanne und Nizza. Beide Vereine gehören dem Konzern Ineos. Der 20-Jährige ist das erste Eigengewächs der Waadtländer, das zum grösseren Bruder wechselt. Auch wenn U21-Trainer Mauro Lustrinelli seinen Spielern rät, zunächst in der Super League Leistungsträger zu werden, unterschreibt Ndoye schon im Januar 2020 einen Vertrag bei Nizza, wird aber noch eine halbe Saison an Lausanne ausgeliehen, wo er entscheidenden Anteil am Aufstieg hat. «Der Entscheid zum Transfer war richtig», findet Ndoye.

Dan Ndoye strahlt und jubelt mit Lausanne.

Dan Ndoye strahlt und jubelt mit Lausanne.

Bild: Cyril Zingaro/Keystone (Lausanne, 14. September 2019)

Im letzten Sommer folgt dann der Umzug in die Ligue 1, direkt aus der Challenge League. «Alles ist schneller und vor allem physischer», sagt Ndoye. Mit nach Nizza zügelten auch die Mutter und die Schwester. «Das ist für mich sehr wichtig, ich kann mich ganz auf den Fussball konzentrieren.» Vielleicht auch darum macht Dan Ndoye sogleich auf sich aufmerksam. Er kommt viel zum Spielen, macht seine Sache gut. Zuletzt aber spielt er nur noch selten. Warum das so ist? Darauf will der Flügelflitzer keine Antwort geben. Aber es scheint offensichtlich: Nachdem Trainer Patrick Viera entlassen wurde, hat er beim Nachfolger Adrian Ursea einen schweren Stand. Und so ist Ndoye selber noch nicht ganz zufrieden mit seiner Bilanz von drei Toren in 28 Spielen: «Das ist immerhin etwas, aber ich erwarte mehr.»

Die U21-Europameisterschaft wird nun für alle Spieler auch zu einem Schaufenster. «Natürlich, das ist eine grosse Chance», findet Dan Ndoye. Diese möchte er nutzen, am liebsten schon gegen England.

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