Wir treffen Steffi Buchli in einem Café am Zürcher Hauptbahnhof mit direktem Blick auf die Geleise. Die Züge fahren ein und wieder aus. Es ist ein Ort, den Buchli sehr gerne mag – nicht nur weil auch ihre Reise als Moderatorin weitergeht. Ein letztes Wochenende arbeitet die Powerfrau noch fürs Schweizer Fernsehen. Danach wechselt sie zu «MySports», wo sie nicht mehr nur moderiert, sondern als Programmleiterin für die Inhalte zuständig ist.

Steffi Buchli, am Sonntag moderieren Sie mit dem Eishockey-WMFinal zum letzten Mal auf SRF. Wird es Tränen geben?

Steffi Buchli: Nach der Sendung bestimmt ein paar. Es wäre zwar keine Katastrophe, wenn ich noch während der Sendung wässrige Augen bekäme, aber ich muss die Zuschauer nicht mitleiden lassen deswegen. Für die Leute geht das Leben weiter. Und auch meines geht weiter.

Nehmen Sie sich noch eine kurze Auszeit vor dem Job-Antritt bei «MySports»?

Nein, es ist nun nicht die Zeit, um Ferien zu machen. Ich bin voller Tatendrang und Energie. Die Freude aufs Neue ist gross, ich hätte grosse Mühe, nun auf einer Insel zu liegen im Wissen, dass es noch so viel zu tun gibt.

Wir sitzen an einem Bahnhof, die Geleise führen ins Ungewisse. Spüren Sie auch, dass Sie ein Wagnis eingehen?

Eigentlich schon. So gerne ich hier am Gleiskopf sitze, so gerne fahre ich los ins Ungewisse. Ich war ja nie ein Mensch, der von einem Zug in den nächsten gehopst ist. Ich war 14 Jahre bei SRF – in den letzten Jahren hat sich ein wenig angedeutet, dass mich die stetige Wiederholung langweilen könnte.

Man kann es auch anders sehen. In den 14 Jahren haben Sie sich in einer TV-Welt voller «Drängler» einen enormen Status aufgebaut. Den geben Sie nun ohne Not auf.

Ich gebe zu, ich geniesse diese Aufmerksamkeit. Aber ich habe Lust auf etwas Neues. Und ich würde nicht wechseln, wenn ich nicht an unser Produkt glauben würde. «MySports» ist kein reiner Pay-TV-Sender, also werde ich auch da meine Aufmerksamkeit kriegen. Ich habe keine Lust auf die Mottenkiste und werde weiterhin sichtbar bleiben. Vielleicht würde sich ein anderer Charakter weiter im Licht sonnen. Aber ich habe Lust, weiterzugehen. Ich arbeite noch mehr als 25 Jahre und Trägheit liegt mir nicht. Zudem sehe ich auch, dass Moderatoren eine gewisse Halbwertszeit haben. Irgendwann langweilt man die Leute.

Drei Fragen an Steffi Buchli zu ihrem Abschied vom SRF

Drei Fragen an Steffi Buchli zu ihrem Abschied vom SRF (17. Mai 2017)

Nach 14 Jahren hat Steffi Buchli am Sonntag mit dem Eishockey-WM-Final ihren letzten Einsatz für das SRF.

Hatten Sie manchmal das Gefühl, Sie langweilen?

Nein, nein, auf keinen Fall. Wenn man das merkt, ist es schon zu spät. Dann hat man den Abgang verpasst. Nochmals: Ich gehe nicht in Pension – für alle, die sich schon darauf gefreut haben (lacht).

Sie werden Programmleiterin, können also einiges selber gestalten. Hat Ihnen das bei SRF gefehlt?

Ich habe gemerkt, dass ich in der Umsetzung der Themen mehr Spielraum und Freiraum wünsche. SRF ist ein so grosser Laden, dass dieser Spielraum eher beschränkt ist.

Ist das SRF ein starrer Apparat geworden?

Das sagen Sie jetzt so. Ich sage: Grösse bringt einfach weniger Flexibilität mit sich. Will man bei SRF etwas verändern, sind einfach per se verschiedene Stellen involviert und alles dauert länger als in einem Kleinbetrieb.

Was würden Sie anders machen?

Mir fehlt noch die Distanz. Erst einmal überlege ich jetzt, wie ich «MySports» gestalten kann.

Was schwebt Ihnen vor?

Im Detail weiss ich das noch nicht. Aber natürlich liegt mir das Eishockey am Herzen. Ich möchte vertiefte Einblicke hinter die Kulissen bieten. Der Sport hat so viele Helden. Diese Helden möchte ich feiern. Ich möchte ein frisches und mutiges Programm. Es reizt mich auch die Aufbauarbeit, einen Fernsehkanal aus der Taufe heben zu können.

Dürfen wir Ihren Wechsel analog zu einem Leihgeschäft im Fussball betrachten: Sie wechseln jetzt vom FC Basel auf Leihbasis nach Thun. Und kehren dann in tragenderer Rolle zum Krösus zurück.

Das war nie meine Absicht! Das wäre ganz schlecht, wenn man so berechnend wäre. Jetzt raus, dann wieder rein und locker-lässig der Mega-Boss werden (lacht laut), nein, das liegt mir sehr fern, so zu denken.

Was zeichnet für Sie guten Sportjournalismus aus?

Die Kunst ist, so viel Nähe wie möglich zu erzeugen und trotzdem distanziert zu bleiben. Wir Sportjournalisten sind Zaungäste – und nicht Teil der Show. Das ist ein Kunststück. Aber in anderen Bereichen wie Politik oder Wirtschaft ist es gar nicht so sehr anders.

Im Gespräch mit den Grössen des Schweizer Sports. Steffi Buchli interviewt Roger Federer bei seinem «Match for Africa» im Dezember 2010.

Im Gespräch mit den Grössen des Schweizer Sports. Steffi Buchli interviewt Roger Federer bei seinem «Match for Africa» im Dezember 2010.

Sie möchten die «Helden feiern» – wie viel Nähe darf denn sein?

Wenn ein Spieler betrunken Auto fährt und einen Unfall baut oder wenn er Wetten auf eigene Niederlagen abschliesst – dann muss ich hingehen können und die ganz kritischen Fragen stellen. Wenn ein Journalist sagen muss: ‹Oh, da muss ich in den Ausstand treten›, das geht nicht. Am Schluss haben wir mit den Protagonisten eine Geschäftsbeziehung. In all den Jahren habe ich nie einen «Freund» gefunden im Sportlerumfeld.

Sie sind eine Frohnatur – haben Sie auch eine andere Seite?

Definitiv. Ich bin manchmal sehr nachdenklich. Zum Beispiel, wenn ich zu viel Nachrichten konsumiere. Ich bin allgemein sehr emotional, seit meine Tochter da ist, merke ich auch, dass ich Ängste habe. Wenn das «kleine Würmchen» das erste Mal krank ist, dann ist das ein wirklich ungutes Gefühl. Gleichzeitig merke ich, wie viel Liebe da ist. Und natürlich habe ich auch Tage, an denen ich einfach schlecht gelaunt bin. Nur finde ich, es wäre eine Beleidigung, wenn ich diese Laune in die TV-Stuben transportieren würde. So viel Professionalität muss sein. Wer mich gut kennt, merkt aber schon einen Unterschied.

Vor etwas mehr als einem Jahr sind Sie Mutter geworden. Wie hat Sie Ihre Tochter Karlie verändert?

(überlegt lange) In meinem ganzen Handeln bin ich immer noch die Gleiche. Aber egal, was ich mache, meine Tochter spielt dabei eine grosse Rolle – und das wird für immer so bleiben. Ihr Wohl ist zentral. Vor drei Jahren hätte ich eine Entscheidung wie einen Jobwechsel noch viel unabhängiger fällen können. Das zu merken, ist schon sehr eindrücklich.

Ihr Mann – er ist Verbandsboss im Schweizer Eishockey – und Sie haben beide zeitintensive Jobs. Wie haben Sie die Betreuung Ihrer Tochter geregelt?

Wir haben eine Nanny. Anders wäre der Alltag nicht zu bewältigen. Der Stress wäre zu gross. Vor allem auch wegen meiner unregelmässigen Arbeitszeiten rund um die Sendungen. Unsere Nanny ist die Basis, damit die Familie funktioniert. Natürlich sind wir sehr planerisch unterwegs, Anfang der Woche bestimmen wir unsere Familienzeit. Für viele Leute mag das ein Horror sein, für mich ist das etwas Wunderschönes, weil wir die begrenzte Familienzeit sehr schätzen und intensiv geniessen. Ich finde das Nanny-System fantastisch, nur ist es in der Schweiz eher unüblich.

Werden Sie viel konfrontiert mit Leuten, die sagen: «Jetzt stellt die Frau ein Kind auf die Welt, um es dann einer Nanny zu geben»?

Von Angesicht zu Angesicht wenig. Aber rund um meinen Baby-Urlaub ist es sehr laut geworden um dieses Thema. Es ist etwas sehr Schweizerisches, dass man sich involviert in die Entscheidungen anderer. Wer mich kennt, der weiss, dass ich nicht glücklich wäre mit einem 20-, 30- oder 40-Prozent-Pensum. Ich habe sehr hart und viel gearbeitet, um die Position zu erreichen, die ich nun habe. Für mich war klar, dass ich auch nach dem Mutterwerden weiter mit einem hohen Pensum arbeiten werde. Und es gibt noch einen weiteren Punkt.

Erzählen Sie!

Ich weiss genau, dass Karlie eine bessere Mutter hat, wenn diese im Job gefordert ist. Genauso ist es für mich klar, dass ich, wenn ich nicht arbeite, voll und ganz für sie da bin. Dann bin ich nicht mit dem Handy beschäftigt und merke nicht mal, dass sie gleich von einem Baum runterfällt. Zum Glück haben mein Mann und ich diese Entscheidung gut durchdacht, sonst hätten mich all die Reaktionen, die teilweise sehr gehässig waren, durcheinandergebracht.

Haben Sie mit solchen Reaktionen gerechnet?

Das schon, aber nicht in dieser Heftigkeit. Es hat mir schon gezeigt, dass wir in unserer Gesellschaft noch nicht so weit sind, wie einige vielleicht denken. Nebst dem vielen Hass, den ich abbekommen habe, erhielt ich auch einige Mails von Frauen, die mir schrieben, sie seien froh, dass wieder einmal eine Frau sagte, dass sie gerne arbeite. Zum Beispiel von einer Staatsanwältin, die sich bedankte für die ‹Arbeit für unsere Gesellschaft›. Da musste ich schon staunen. Genauso erstaunlich finde ich es umgekehrt, wenn ein Mann als ‹Weichei› abgestempelt wird, wenn er wegen eines Kindes weniger arbeiten will. Jeder soll für sich entscheiden können. Diese Engstirnigkeit finde ich unsäglich. Es würde mir auch nie in den Sinn kommen, einer Frau, die Vollzeit zu Hause ist, zu sagen: «Du faule Trucke, du könntest doch auch mal etwas tun!»

Leidet die Beziehung zu Ihrem Mann manchmal wegen des vollen Programms?

Nein, auch diese Zeit nehmen wir uns. Auch das ist Organisationssache. Aber es ist schon so, dass man von Zeit zu Zeit den Finger draufhalten muss, dass die Beziehung nicht vergessen geht.

Steffi Buchlis Stationen beim SRF in Bildern:

Apropos Beziehung: Nach Bekanntwerden Ihres Wechsels zu «MySports» schrieb der «Tages-Anzeiger», dass der Wechsel von Ihrem Mann «orchestriert» war, und gewährte seinen Lesern einen virtuellen Einblick an den Familientisch.

Darüber konnte ich nur noch lachen. Es ist der letzte Beweis, dass der Mensch, der das geschrieben hat, mich nicht kennt. Ich brauche keinen Türöffner, um an einen Job im Hockeybusiness heranzukommen. Dass ich etwa acht Jahre länger im Sportbusiness arbeite als mein Mann, sagt ja alles. Meine Karriere war längst «gemacht», als mein Mann CEO von Swiss Ice Hockey wurde. Auch hier gilt wieder: Stellen Sie sich die umgekehrte Variante vor: Ein Mann bekommt einen Job und alle sagen: Aha, da muss wohl seine Frau die Fäden in den Händen gehabt haben und dahinter stecken. Es ist unvorstellbar, dass so etwas kolportiert würde.

Sie werden bald 40 Jahre alt – fürchten Sie sich eigentlich vor dem Älterwerden?

Nein, nein, überhaupt nicht. Ich würde nie zurückspulen wollen. Keine Minute. Ich bin 38 – und alles ist fein. Aber klar, die «4» vorne dran macht wohl schon etwas mit einem.

Was?

Ich glaube, man sollte dann etwas «erwachsen» sein. Dabei hoffe ich sehnlichst, mir ein wenig Kindlichkeit bewahren zu können.

Fühlen Sie sich manchmal «unerwachsen»?

Ich hoffe, ich werde nie erwachsen! Das Gute ist: Wenn man ein Kind hat, kann man kindisch sein und das dann begründen mit: Das ist halt wegen ihr. Das gibt auch wieder Freiheiten (lacht).

Wie sehr kommen Sie noch dazu, selbst Sport zu treiben?

Leider nicht mehr so häufig wie früher. Einst spielte ich Unihockey, mit Rychenberg Winterthur in der NLA. Aber mit dem Eintritt in den Sportjournalismus musste ich wegen der unregelmässigen Arbeitszeiten mit dem Mannschaftssport schweren Herzens aufhören. Ich versuchte zunächst noch, in einem Plauschteam weiterzuspielen, was ich aber nicht wirklich lustig fand. Mittlerweile habe ich wegen der Arbeitszeiten eher am Morgen Zeit, Sport zu treiben. Dadurch bin ich dann fast ein wenig dazu verdammt, zu joggen oder aufs Rudergerät zu sitzen, obwohl mein Herz weiter für Ballsportarten schlägt. Heute ist Sport für mich eher Mittel zum Zweck.

Was war Ihr Highlight in den 14 Jahren bei SRF?

Wenn ich versuche, die ganze Zeit runterzubrechen, würde ich zwei Erlebnisse nennen: die Olympischen Spiele 2016 in Rio. Wir wohnten in Ipanema, ziemlich nahe bei unserem Studio. Darum waren es die entspanntesten Olympischen Spiele, obwohl wir 14-Stunden-Schichten geschoben haben, aber die ganze Mühseligkeit mit den stundenlangen Transfers rund um die Spiele fiel weg. Rio war unvergesslich! Und das Zweite ist «Champiuns» an den Ski-Weltmeisterschaften in St. Moritz in diesem Jahr. Wenn ich mir eine Sendung bauen dürfte, wäre sie sehr ähnlich. Ein bisschen Rambazamba, gute Gäste, gemütliches Beisammensitzen und spannende Gespräche.

Und Ihr grösster Rohrkrepierer?

Am peinlichsten war, als ich kurz vor einer Sendung die Stimme verloren habe. Im Laufe des Tages wurde meine Stimme immer schlechter. Und am Abend habe ich mich richtig durchs «sportaktuell» gekrächzt, das war mir sehr unangenehm, weil es eine Fehleinschätzung von meinem eigenen Zustand war. Ich hätte die Sendung abgeben sollen.