Pascal Erlachner sitzt in einem kleinen Propellerflugzeug. Die Landung naht. Sein Blick schweift über die Erde. Seine Worte sind ein bisschen nachdenklich. «Der erste Flug alleine, du weisst, er kommt irgendwann. Und du freust dich drauf. Es sind stille Momente in der Luft, ganz für sich alleine. Zum Geniessen. Die Welt ist so klein. Die Probleme dort unten ebenfalls.»

Die Worte könnten nicht passender sein für Erlachner in diesen Tagen der Befreiung. Der 37-jährige Schiedsrichter hat sein Outing hinter sich. Als erster Schweizer Mann aus dem Fussball-Business steht er zu seiner Homosexualität. Ist es ein Flug ins Ungewisse?

Vor zwölf Tagen erfuhr die breite Öffentlichkeit davon. Im «Sonntagsblick» sprach Erlachner über sich als Tabu-Brecher. «Ich habe lange mit mir gekämpft», hat er als Titel ausgewählt. «Dazu ein Bild, wo ich geerdet bin, mit beiden Füssen auf dem Boden stehe, lächelnd.» Gestern Abend nun zeigte das Schweizer Fernsehen den Dokumentarfilm, in dem es Erlachner ein halbes Jahr begleitet bis zum öffentlichen Outing.

«Ich, der Schiedsrichter und Tabubrecher» – SRF-Dok vom 21.12.2017

Erlachner im Auto, in der Kabine, in der Küche der Eltern, im Lehrerzimmer und zu Hause mit seinem Partner – er öffnet viele Türen seines Lebens und gibt tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt. Natürlich ist einiges inszeniert und natürlich dringt auch durch, dass es Erlachner durchaus nicht stört, im medialen Fokus zu stehen. Das ändert aber nichts daran, dass den beiden SRF-Autoren Dani Heusser und Olivier Borer ein berührender Film gelungen ist mit vielen starken Szenen. Zum Beispiel eben im Flugzeug.

Nicht nur Erlachner selbst erzählt offen und detailliert. Auch Vater, Mutter, Bruder, Partner oder sein Schiedsrichter-Coach tragen dazu bei, dass am Ende eine spannende Geschichte steht. Die Zuschauer fühlen mit, wenn sie sehen, wie sehr Erlachner jahrelang mit sich gerungen und gezweifelt hat. Beklemmend, wenn er sagt: «Ich fühlte mich als Versager, weil ich nie eine Frau nach Hause brachte.» Heute bezeichnet er diese Gedanken als «blöde Erinnerung». Denn egal, wem Erlachner von seiner Homosexualität erzählt, er erntet immer die gleiche Reaktion: Freude und Stolz, dass er zu sich selbst stehen kann. Und Schock, dass er so lange ein Doppelleben führen musste, mit zwei Handys beispielsweise.

Doch es ging lange, bis Erlachner diesen Mut fand. Vielleicht eben auch, weil der Fussball noch immer ein rauer Ort ist. Ein Ort, wo viele Gegner lauern und schon die geringsten Anzeichen von Schwäche gnadenlos ausnutzen. Mit 30 erzählt er seinen Eltern davon. «Danach dachte ich, die ganze Welt hat mich gern.» Die Welt fühlt sich leicht an. Ohne Probleme. Es ist kein Flug ins Ungewisse. Sondern in die Normalität. Aber gilt das auch schon für die Fussball-Welt?

Am vergangenen Sonntag leitet Erlachner die Partie Lausanne-FCZ. Die erste seit seinem Coming-Out. «Was kommt?», fragt er sich. Und ein bisschen Furcht ist trotzdem dabei. Vielleicht auch, weil ausgerechnet ein Spieler von Lausanne verlauten lässt, es wäre schon ein Problem, einen schwulen Mitspieler zu haben. Doch dann: keine Pfiffe gegen Erlachner, keine blöden Sprüche. Eigentlich ist alles normal. Aber als das Spiel zu Ende ist, übermannen ihn die Emotionen doch. In der Garderobe kommen die Tränen der Erleichterung. Doch es ist mehr als das, mindestens eine Befreiung.

Pascal Erlachner hofft, vielleicht die eine oder andere Diskussion auszulösen. Dass dies weiterhin nötig ist, wird spätestens dann offensichtlich, wenn der Sportlehrer über manche Eltern spricht: «Es gibt immer noch Leute in unserer Gesellschaft, die denken ‹schwul sein› sei das gleiche wie Pädophilie.»