TV-Kritik
Stimme der Fussball-Schweiz? Eine Replik zu Sascha Ruefer, unserem Nörgler der Nation

Sascha Ruefer sei das sprechende Herz der Schweiz, schrieben wir. Unser Autor ist da ganz anderer Meinung.

Sébastian Lavoyer
Sébastian Lavoyer
Merken
Drucken
Teilen
Sascha Ruefer: Manche mögen ihn, andere gar nicht.

Sascha Ruefer: Manche mögen ihn, andere gar nicht.

Bild: Oscar Alessio / SRF

Ich traue meinen Augen nicht. «Sascha Ruefer ist unser Held», steht da doch tatsächlich auf «unserer» Homepage. Eine Laudatio meines geschätzten Kollegen und Kulturkritikers Christian Berzins auf den Mann, der mir am Montagabend fast die Freude an diesem historischen Fussballabend verdarb.

Er lobt ihn als den Mann, der die Emotionen in die Schweizer Stuben bringt. Das tut er. Bloss nicht jene Emotionen, die ich gerne in meiner Stube hätte. Ruefer lässt kaum eine Gelegenheit aus, Kritik zu üben. Er beisst sich förmlich an Nebenschauplätzen fest: Luxusautos, mit denen die Kicker seit Jahren zu den Zusammenzügen brausen. Ein eingeflogener Figaro und blondierte Haare – ein Steilpass für den Nörgler der Nation.

Allzu selten trifft er zu den Ton. Wie im Fall Ricardo Rodriguez. Ja, er läuft seiner einstigen Form hinterher, aber ohne Zweifel ist er einer der verdientesten Spieler in diesem Team: Weltmeister mit 17 Jahren, deutscher Pokalsieger mit Wolfsburg – und ja, designierter Penaltyschütze.

Auch ich zitterte, als er anlief, wusste um die verschossenen Elfer. Aber dann, 5 Minuten später, nach zwei schnellen Toren der Franzosen, posaunt Ruefer: «Man hätte Rodriguez nie schiessen lassen dürfen. Nie!» Er als Trainer hätte es besser gemacht. Selbst eine Viertelstunde später tönt Ruefer: «Rodriguez hat den dritten Elfmeter hintereinander verschossen. Und so etwas darf man sich in einem Achtelfinal nicht erlauben.»

Die Highlights zum Nachhören und Nachschauen.

Youtube/SRF Sport

Ähnlich bei Granit Xhaka. Der macht eines der besten Spiele, die je ein Fussballer an einer EM auf den Rasen legte, aber Ruefer kommt in diesem Moment nichts Besseres in den Sinn, als auf schlechtere Leistungen zu verweisen. Von Xhaka und dem Rest der Nati. Er würde sie jeweils am liebsten schütteln. Er tut es mit Worten. Und mich schüttelt es, wenn er sagt: «Als bräuchten die immer einen Tritt in den Hintern, um sich dann wirklich mal anzustrengen.» Als wäre es ohne seine billige Kritik niemals so gut geworden.

Selbstgefällig, überheblich, unappetitlich. Bis zum Schluss. Während Granit Xhaka, dieser Mann mit dem unverschämt-unschweizerischen Selbstvertrauen die Grösse aufbrachte, Fehler einzugestehen, hatte man beim SRF bis zum Schluss das Gefühl, dass erst die Kritik ihrer Kommentatoren diesen Viertelfinaleinzug möglich gemacht hat. Fehler eingestehen? Höchstens ansatzweise. Aber nie so direkt und offen wie Xhaka. Im SonntagsBlick bezeichnete er seinen Tattoostudio-Besuch als Fehler, sagte: «Ich war einfach in der Euphorie, zum zweiten Mal Vater geworden zu sein.»

Im Gegensatz zu Kollege Christian Berzins erfreue ich mich nicht am Timbre seiner Stimme, bin aber enttäuscht, wenn Ruefer erst nach dem dritten Wechsel merkt, was die Strategie des Trainers sein könnte. Da kann Ruefer noch so sehr lateinische Überschwänglichkeit mimen, wenn die Schweizer ein Tor schiessen. Ein bisschen weniger Emotion, ein bisschen mehr Kopf - das wünsch ich mir. Das SRF und Ruefer täten gut daran, den Sport wieder mehr ins Zentrum zu rücken, anstatt boulevardesk herumzunörgeln.