Turnverband
Nach Turnskandal soll kein Stein auf dem anderen bleiben: Der neue Chef Spitzensport kündigt Veränderungen an

David Huser, der neue Chef Spitzensport, kündigt grosse Veränderungen beim Turnverband an. Kurzfristig passiert jedoch fast nichts.

Raphael Gutzwiller
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David Huser ist der neue Chef Leistungssport des Schweizerischen Turnverbandes.

David Huser ist der neue Chef Leistungssport des Schweizerischen Turnverbandes.

Christian Iglesias / zvg

Beim Turnverband steht nach den negativen Schlagzeilen im letzten Jahr einiges an Veränderungen an. Im Sommer 2020 wurde publik, wie die Zustände im nationalen Leistungszentrum in Magglingen jahrelang waren. Im Januar wurden die schrecklichen Taten durch eine vom Turnverband angeordnete Untersuchung bestätigt. Darin gab ein Viertel aller Kaderathletinnen in der Rhythmischen Gymnastik an, dass ihnen Schmerzen zugeführt wurden.

Schon damals waren die zuständigen Personen längst weg. Felix Stingelin, Chef Spitzensport, wurde im Sommer suspendiert und Geschäftsführer Ruedi Hediger trat im November zurück. Béatrice Wertli ist seit Anfang Jahr neue Geschäftsführerin des Verbandes. Und mit David Huser tritt am 1. Juli der neue Chef Spitzensport seine Aufgabe an. Die grosse Aufgabe des Duos ist es, das ungesunde System umzukrempeln.

Doch wie geht das? In einem virtuellen Mediengespräch präsentiert David Huser Änderungen, die er beim Turnverband angehen möchte. «Die Athletinnen und Athleten sollen im Zentrum stehen. Sie sollen ihren Traum leben können. Dafür möchten wir die Rahmenbedingungen schaffen», sagt er. In erster Linie im Vordergrund solle nicht der sportliche Erfolg stehen, sondern die Gesundheit. «Zudem ist es auch so: Krank oder verletzt können keine Topleistungen erbracht werden.»

Olympiaziele in der Rhythmische Gymnastik gibt es nicht mehr

Eine Sportart, die so schön sein kann, aber in Magglingen so viel Schmerz verursachte: Rhythmische Gymnastik.

Eine Sportart, die so schön sein kann, aber in Magglingen so viel Schmerz verursachte: Rhythmische Gymnastik.

Urs Lindt / Freshfocus

Für die Rhythmische Gymnastik, das grosse Sorgenkind des Verbandes, präsentierte der STV zwei Varianten, wie eine mögliche Zukunftslösung aussehen könnte: Entweder soll ein eigenständiger Fachverband installiert werden oder es werde innerhalb der bestehenden Strukturen primär auf eine nachhaltige Nachwuchsförderung gesetzt. Wichtig hierbei: Olympiaziele hegt der Schweizer Verband in der Rhythmischen Gymnastik vorerst keine mehr. «Die jetzige Situation gibt die Möglichkeit, alles zu hinterfragen. Kein Stein bleibt auf dem anderen», erklärt Huser. «Der Bericht hat mich selber sehr erschüttert. Ich möchte verstehen, wie dies passieren konnte und Veränderungen herbei führen.»

Hintergrundcheck bei neuen Trainerinnen und Trainer

Kurzfristig ändert sich dennoch wenig. Immerhin wird bei der Neueinstellung von Trainerinnen und Trainer neu ein Hintergrundcheck unter anderem durch die neue Ethikkommission des Verbandes durchgeführt. Für die Athletinnen und Athleten bleibt vorderhand aber vieles beim alten. «Wir sind uns bewusst, dass man rasche Änderungen fordert. Diese Änderungen möchten wir auch. Aber wir müssen uns die Zeit nehmen, um ein gutes Konzept auszuarbeiten, das auch langfristig funktioniert.» In welche Richtung es gehen könne, kann der neue Chef Spitzensport noch nicht sagen: «Wir gehen ergebnisoffen in die Diskussionen.»

Müssen Turnerinnen künftig mindestens 18 sein?

Die Schweiz steht mit ihrem Problem in den Turnsportarten nicht alleine da. Deshalb wird immer wieder diskutiert, ob das Alter bei internationalen Wettkämpfen von derzeit 16 auf 18 Jahre erhöht werden muss. Huser sagt aber, es sei entscheidend, dass man in der Schweiz jene Lösungen finden müsse, die hierzulande stimmen würden. «Es ist vorstellbar, dass wir entscheiden, dass wir nur Athletinnen ab 18 an internationale Wettkämpfe schicken möchten. Doch so etwas muss man genau prüfen. Wenn wir beispielsweise Athletinnen nur noch ab 18 Jahren zulassen, sie aber mit 20 schon wieder über dem Zenit sind, dann verwehren wir ihnen Chancen. Darum ist es wichtig, dass wie gesamthaft das Alter anheben können.»

Hartes Training gibt Durst bei den Rhythmischen Gymnastikerinnen.

Hartes Training gibt Durst bei den Rhythmischen Gymnastikerinnen.

Bild: Urs Lindt

Ebenfalls möglich ist, dass die Athletinnen, die jetzt bereits früh ins nationale Leistungszentrum nach Magglingen wechseln, in Regionalzentren gefördert werden.

Beim Turnverband ist also viel auf Veränderung aus. Doch ruhig ist es beim STV noch nicht. Wie nervös man noch immer ist, zeigt diese unübliche Vorgehensweise: Die Zitate des öffentlichen virtuellen Mediengesprächs müssen vom Verband abgesegnet werden. Angst vor negativen Schlagzeilen hat man noch immer beim Turnverband.