French Open

Türkische French-Open-Teilnehmerin Cagla Buyukakcay trotzt den politischen Unruhen

Cagla Buyukakcay konnte 2016 als erste Türkin ein WTA-Turnier gewinnen.

Cagla Buyukakcay konnte 2016 als erste Türkin ein WTA-Turnier gewinnen.

Cagla Buyukakcay will ein Vorbild sein für die Türkei, das Land im Würgegriff politischer Unruhen. Sie ist die einzige Türkin, die alle vier Grand-Slam-Turniere gespielt hat und trainiert mehrere Wochen des Jahres in Biel.

Istanbul, Freitag, der 15. Juli 2016, am frühen Abend. Panzer und Soldaten blockieren zwei Bosporusbrücken. Es fallen Schüsse, auch in der Hauptstadt Ankara. Über Istanbul fliegen Militärjets und Helikopter, das Militär ruft das Kriegsrecht aus. 18 Stunden dauert der mutmassliche Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan, bei dem mindestens 290 Menschen sterben.

Seither herrscht in der Türkei der Ausnahmezustand. Europa verfolgt besorgt, wie Erdogan das Land nach seinen Vorstellungen umbaut und wie er Journalisten, Politiker, Lehrer und Intellektuelle, die sich ihm in den Weg stellen, inhaftieren lässt.

An diesem Abend zerbricht auch für die türkische Tennisspielerin Cagla Buyukakcay eine kleine Welt. Sie sagt es nicht, aber es ist spürbar, dass sie die Lage in ihrer Heimat bewegt. Obwohl, oder gerade weil sie die Hälfte des Jahres nicht dort lebt. Mehrere Wochen des Jahres ist sie auch in Biel, trainiert dort mit Beni Lindner, dem Fitnesstrainer von Swiss Tennis.

Dort hat sie auch Trainingspartnerinnen, Timea Bacsinszky zum Beispiel, die von der Türkin schwärmt: «Sie ist bezaubernd, ein unglaublich netter Mensch und was sie für das türkische Tennis tut, ist grossartig.» Für Buyukakcay sind die Abstecher in die Schweiz wichtig. «Für den Kopf», sagt die 27-Jährige, «ist es gut, weg zu sein, in einem anderen Land, um sich auf das Tennis konzentrieren zu können.» Es sind Sätze, die erahnen lassen, was in ihr vorgeht.

Schäbige Hotels und Einsamkeit

Istanbul ist drei Monate vor dem Putschversuch Schauplatz ihres ganz persönlichen Tennismärchens. Acht Mal hat sie zuvor bei ihrem Heimturnier in der Startrunde verloren, beim neunten Anlauf gewinnt sie – als erste Türkin überhaupt. «Ein Traum, der wahr wurde. Für mich, aber auch für das türkische Tennis», sagt sie nach ihrer Zweitrundenniederlage bei den French Open.

Buyukakcay am Qatar Total Open.

Buyukakcay am Qatar Total Open.

Sie ist das Vorbild in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern, aber nur 5000 Tennisspielern. Sie beginnt erst im Alter von acht Jahren, spielt keine Juniorenturniere. Erst im Alter von 17 Jahren zieht sie mit ihrer Mutter von Adana in der Südtürkei nach Istanbul. Bald hat sie keine Gegnerinnen mehr. Meist trainiert sie mit 15- bis 16-jährigen Buben, die Frauen in ihrem Alter sind nicht gut genug.

Sie geniesst das Leben im Tennis-Zirkus. «Wir sind in den besten Städten der Welt.» Aber es gebe auch Schattenseiten. «Manchmal bist du in einem schäbigen Hotel, oder du findest kein gutes Essen. Ich vermisse Freunde und Familie. Zwar gewöhne ich mich daran. aber es fehlt mir trotzdem. Und für mich ist es sehr wichtig, so oft wie nur möglich bei meiner Familie zu sein, in Istanbul, in meiner Lieblingsstadt.»

Sie hat bereits jetzt alles erreicht, wovon sie geträumt hat, als sie sich mit 17 Jahren entschieden hat, Profi-Spielerin zu werden. Als erste Türkin hat sie bei allen vier Grand-Slam-Turnieren gespielt. Zwar ist sie derzeit nur die Nummer 155 der Weltrangliste, vor einem Jahr stand sie für kurze Zeit immerhin auf Rang 60. Dorthin, sagt Buyukakcay, will sie zurück. Nicht nur für sich, sondern auch für ihr Land. Sie will ein Vorbild sein für die nächste Generation. Sie soll es einfacher haben als sie, die niemanden hatte, zu dem sie hätte aufschauen können.

«Wenn ich Erfolg habe, hilft das nicht nur mir, sondern auch dem türkischen Tennis.»

Auf Platz 14, auf dem sie gestern spielt, hängt eine türkische Flagge, der Mondstern. Ein Zuschauer trägt das Trikot des Fussballvereins Galatasaray Istanbul, Buyukakcays Lieblingsverein. «Ich sage immer: Wir brauchen türkische Helden», sagt sie. Ihr persönlicher Held ist Fussballer Arda Turan, der heute bei Barcelona unter Vertrag steht und seine Karriere einst bei Galatasaray lanciert hat.

Vor einer Woche hat der Verein sein Stadion umbenannt, von Türk Telekom Arena in Türk Telekom Stadion, auf Druck von Staatschef Erdogan, dem das Wort Arena missfallen war, weil im alten Rom in Arenen Menschen «zerfleischt» worden seien. In Zeiten wie diesen braucht es Vorbilder und Helden vielleicht mehr denn je. Solche wie Buyukakcay.

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