Dreissig Minuten dauerte es, das erste Abenteuer einer Schweizer Delegation auf der grossen Bühne des Welt-Dartverbandes PDC. Dreissig Minuten standen der Krienser Patrick Rey und der Frauenfelder Philipp Ruckstuhl im Debütanten-Duell mit Brasilien im Zentrum der Darts-Welt.

Am World Cup of Darts, einem Einladungsturnier der grossen PDC, warfen erstmals Spieler unter der Schweizer Flagge ihre Pfeile. Und das vor den Augen Tausender Zuschauer im Frankfurter Eispalast und Hunderttausender an den TV-Geräten. Eine historische Chance, den Schweizer Darts-Sport international zu vertreten und ihm so zur Emanzipation zu verhelfen.

Zwischen Nervosität und Genuss

«Man weiss, das ist kein 08/15-Turnier, sondern eines vor TV-Kameras. Man repräsentiert die ganze Schweiz, was eine neue Herausforderung ist», sagt Philipp Ruckstuhl einige Tage nach dem Auftritt. Die Schweiz erlebte in Frankfurt ein unverhofftes Abenteuer. Denn nur, weil ein lettischer Spieler aufgrund seiner Hochzeit verhindert war, rückte man ins Teilnehmerfeld.

Das Spiel zwischen der Schweiz und Brasilien am World Cup of Darts im Video:

Brasilien - Schweiz + Interview World Cup Of Darts 2017 Round 1

So blieben den Pfeilgenossen nur knapp drei Wochen, um sich auf das grösste Spiel ihrer beider Karrieren vorzubereiten. Entsprechend angespannt startete man in die Mission. «Unsere Jungs waren nach der Ankunft zwei Tage lang nervös. Aber das ist normal: Man macht sich Gedanken, was wohl wäre, wenn. Man will keinesfalls versagen», erklärt Nationaltrainer Thomas Gerock.

Panik wegen feuchter Finger

Versagt haben die Schweizer nicht. Im Gegenteil. Denn obwohl man sich in der ersten Runde geschlagen geben musste, hinterliessen Rey und Ruckstuhl einen bleibenden Eindruck. Dafür, dass die beiden ihre Turniere normalerweise vor einer Handvoll Zuschauern austragen, zeigten sie vor grölenden Massen in Frankfurt eine abgebrühte Leistung. «Die Stimmung in der Halle war absolut gewaltig. Wenn man so etwas noch nicht selbst erlebt hat, kann man sich das gar nicht vorstellen», erzählt Gerock. Darts ist ein Präzisionssport, Millimeter entscheiden über Sieg oder Niederlage. Diesen vor tobenden Zuschauern auszuüben, ist
eine mentale Höchstleistung.

Eine Höchstleistung, mit der sich die Schweizer zu Beginn schwertaten. Mit seinen ersten drei Pfeilen traf der 46-jährige Ruckstuhl nur 28 von möglichen 180 Punkten. In der Folge haderte der Ostschweizer mit sich selbst, kam nur schleppend ins Spiel. Der Grund ist kurios: Wegen der massiven Hitze im Scheinwerferlicht schwitzten die Protagonisten stark. «Ich hatte in erster Linie Angst, dass ich mir in den Fuss schiesse, weil die Pfeile so an den Fingern klebten. Das ist eine Situation, die man noch nicht kennt: Schiesse ich mir wirklich vor Kameras in den Fuss, kriegt das hunderttausend Klicks auf Youtube. Solche Gedanken sind nicht förderlich für die Konzentration.

Zum Glück konnte ich diese aber nach den ersten Würfen ablegen», erklärt Ruckstuhl. In der Tat, die Schweizer steigerten sich massiv, kamen trotz Rückstand zurück und retteten sich dank eines High-Finishs vom 48-jährigen Patrick Rey ins Entscheidungs-Leg. 501 Punkte trennten sie noch vom Sieg, von 4000 Pfund Preisgeld pro Person und vor weiteren dreissig Minuten im Schaufenster. Doch dann verpasste Rey, der eine starke Partie machte und, wie es sein Trainer formuliert, «im Tunnel war», sein Ziel dreimal um Millimeter, machte nur sieben Punkte. Brasilien drehte die Partie, gewann nicht unverdient und vergoss Freudentränen.

Den Schweizern ist indes nicht zum Heulen zumute: «Dass es nicht immer so läuft, wie man möchte, und dass einzelne Momente eine Partie von Grund auf drehen können, macht den Darts-Sport aus», sagt Gerock. Ruckstuhl ergänzt: «Fürs erste Mal und mit kurzer Vorbereitungszeit haben wir meiner Meinung nach das Maximum herausgeholt.» Auch die unmittelbaren Reaktionen waren durchweg positiv: Gratulationen trudelten reihenweise ein.

Hoffen auf den Boom

Für den Schweizer Darts-Sport erhofft sich Gerock nun einen kleinen Boom: «Für uns wäre es im Breitensport schon grossartig, nur 5 bis 10 Prozent mehr Lizenzspieler zu bekommen. Den unmittelbaren Effekt, dass mehr Leute in die Vereine spielen kommen, weil sie uns im TV gesehen haben und den Sport ausprobieren wollen, erhoffe ich mir schon.» Wer nur zuschauen möchte, hat dazu ebenfalls Gelegenheit.

Dieses Wochenende steigt in Glattbrugg bei Zürich das Swiss Open, ein Turnier mit den besten Spielern des zweitgrössten Verbandes BDO. Ob die Schweiz am nächsten World Cup wieder zu sehen sein wird, ist, laut Gerock, offen. «Das steht in den Sternen. Die Entscheidung liegt bei der PDC. Wir wären natürlich sehr gerne wieder dabei.» Argumente für eine erneute Einladung hat die Schweiz, komprimiert in dreissig Minuten, definitiv abgeliefert.