Interview

Triathletin Daniela Ryf: «Ich fühlte mich nie unbesiegbar»

Die Triathletin Daniela Ryf hat nicht das Gefühl, dass sie sich nach ihrer Niederlage am Ironman auf Hawaii nun beweisen muss.

Die Triathletin Daniela Ryf hat nicht das Gefühl, dass sie sich nach ihrer Niederlage am Ironman auf Hawaii nun beweisen muss.

Die weltbeste Langdistanz-Triathletin nimmt erstmals ausführlich Stellung zu ihrer Niederlage am Ironman auf Hawaii. Daniela Ryf erklärt, wieso Luxus nichts mit Geld zu tun hat und was sie unter Besinnlichkeit versteht.

Daniela Ryf, was haben Sie seit dem Ironman gemacht?

Daniela Ryf: Ich genoss es, nach längerem wieder einmal zu Hause zu sein. Ich hatte eine etwas ruhigere Zeit, zumindest auf das Training bezogen. Ich durfte für einmal mehr nach Lust und Laune trainieren. Aber ich habe nicht nichts gemacht. Ich war zum Beispiel fast täglich im Schwimmbad des Sportzentrums Zuchwil. Bei 100 Meter Entfernung per Luftlinie von meiner Wohnung drängte sich das fast auf. Am vorletzten Wochenende reiste ich zudem für einen Charity-Wettkampf nach Südafrika, um das Projekt von Qhubeka zu unterstützen. Sie geben Velos an Kinder ab für deren Schulweg.

Blicken wir sechs Wochen nach der Niederlage am Ironman auf Ihre Psyche: Wie ist es für eine Seriensiegerin, nicht zu gewinnen?

Die Enttäuschung hielt sich erstaunlicherweise in engen Grenzen. Es regte mich zwar auf, dass ich unmittelbar vor dem Rennen krank wurde. Man fragt sich, ob das zu vermeiden gewesen wäre. Und am meisten frustriere mich unterwegs, dass ich meine Leistung nicht abrufen konnte. Ich war zwar fit, aber nicht gesund. Trotzdem war es mir als Titelverteidigerin wichtig, das Rennen zu beenden.

Die Triathletin Daniela Ryf hat nicht das Gefühl, dass sie sich nach ihrer Niederlage am Ironman auf Hawaii nun beweisen muss.

Die Triathletin Daniela Ryf hat nicht das Gefühl, dass sie sich nach ihrer Niederlage am Ironman auf Hawaii nun beweisen muss.

Wie fühlte sich Verlieren an?

Für mich war es in Ordnung, einmal nicht zu gewinnen. Selbst wenn als Fazit bleibt: Gewinnen macht definitiv mehr Spass. Doch ich bin auch nur ein Mensch und keine Maschine. Mir war immer bewusst, dass man für einen Sieg auf Hawaii seine Leistung zu hundert Prozent abrufen muss und dass dies nie eine Selbstverständlichkeit sein wird.

Sie haben gesagt, Leiden gehöre zum Ironman. War es diesmal eine andere Art von Leiden als etwa vor einem Jahr, als Sie beim Schwimmen von einer Qualle gestochen wurden?

Definitiv. Ich konnte in diesem Jahr körperlich gar nicht richtig leiden. Mir war schlicht übel – beim Schwimmen war es, als würde man von einer Sekunde auf die andere seekrank. Auf dem Velo fühlte es sich an, als wäre ich auf einer lockeren Ausfahrt – eben genau ohne richtig zu leiden. Der Körper liess einen Effort gar nicht zu. Das hat mich frustriert und machte mein Rennen eher zu einem mentalen Leidensweg.

War es einfach nur Pech, dass Sie nicht gewonnen haben. Oder sehen Sie andere Gründe?

Man kann es Pech nennen. Wichtig ist mir, dass ich den Grund kenne. Und ich habe über mein Verhalten anlässlich der offiziellen Pressekonferenz am Dienstag nachgedacht, wo ich sehr viele Hände schüttelte und anschliessend ziemlich schnell krank wurde. Mir ist klar, dass ich dort etwas zurückhaltender und dafür etwas fleissiger mit Desinfektionsmittel sein sollte. Ich versuche in solchen Dingen nicht extrem zu sein. Wenn man überall Gefahren sieht und nur noch mit Mundschutz rumläuft, dann wird man im Kopf krank.

Kann man aus einer solchen Niederlage überhaupt etwas lernen?

Man lernt zu schätzen, dass gewinnen nicht selbstverständlich ist. Ich wurde in diesem Jahr so oft gefragt, ob ich überhaupt noch motiviert sei, weil ich ja schon alles gewonnen habe. Ich selber habe mir diese Frage kein einziges Mal gestellt. Und sie hat mich aufgeregt. Ich sehe keinen Grund, wieso ich mir so etwas überhaupt überlegen sollte. Ich betreibe Triathlon, weil ich es sehr gerne mache. Und an den Rennen möchte ich zeigen können, was ich mir zuvor erarbeitet habe. Die Niederlage war für mich deshalb auch motivierend. Ich weiss definitiv, dass ich nächstes Jahr wieder das Gefühl des «Fliegens» haben will.

Müssen Sie jetzt noch mehr trainieren?

Nein, das ist ja gerade das Positive daran. Ich fühlte mich vor dem Rennen auf Hawaii extrem fit und auf dem Velo so gut wie noch nie. Ich muss fürs nächste Jahr nichts ändern, einfach gesund bleiben.

Stimmt der Begriff «Niederlage» für Sie überhaupt?

Es fühlt sich anders an als eine Niederlage, bei der ich nicht geliefert habe. Ich sehe es in einem Wettkampf nie als Ziel, jemanden zu schlagen. Ich will meine bestmögliche Leistung zeigen. Weil ich dies in Hawaii nicht geschafft habe, kann ich den Begriff «Niederlage» sicher akzeptieren.

Gibt es für Sie vom Rennen in Hawaii auch positive Aspekte?

Die ganze Vorbereitung war sehr positiv. Ich fühlte mich gut und die Atmosphäre im Camp war sehr entspannt. Auch an die Zeit nach dem Rennen habe ich positive Erinnerungen. Wir gingen am Tag danach mit Familie und Freunde an den Strand. Mir war zwar noch immer übel, ich habe diese Zeit aber gleichwohl genossen.

Zuvor gab es in Triathlons 11 Siege hintereinander: Fühlt man sich da mit der Zeit unbezwingbar?

Nein, ich habe mich nie unbezwingbar gefühlt. Das wäre sehr gefährlich. Ich habe immer an mich geglaubt. Ich weiss, was ich kann und was ich nicht kann. Das ist für mich wichtig. Ich weiss auch, dass nie ein Sieg auf sicher ist. Gerade die Vorbereitung auf den Ironman ist eine grosse Fleissarbeit.

Ist diese Niederlage gar eine Erleichterung, dass Sie nicht unbezwingbar sind?

Für die Konkurrentinnen mag es eine Erleichterung sein. Auch mir war klar, dass es nicht immer aufgehen kann. Wenn es mir jedes Jahr passieren würde, dann wäre es blöd. Die Niederlage ist vielleicht auch deshalb gar nicht so schlecht, weil die Leute realisieren, dass es nicht selbstverständlich ist, als Athletin immer zu funktionieren.

epa07916571 Daniela Ryf of Switzerland waves to fans after crossing the finish line of the 2019 Ironman World Championship Triathlon in Kailua-Kona, Hawaii, USA, 12 October 2019. EPA/DARRYL OUMI

Daniela Ryf hier beim Ironman im Oktober.

epa07916571 Daniela Ryf of Switzerland waves to fans after crossing the finish line of the 2019 Ironman World Championship Triathlon in Kailua-Kona, Hawaii, USA, 12 October 2019. EPA/DARRYL OUMI

Und es gibt Ihnen eine Motivation für nächstes Jahr, die Sie so gar nicht kennen?

Definitiv. Hawaii ist für mich immer ein ganz spezielles Rennen. Den Hunger, dort Vollgas zu geben, spüre ich auf jeden Fall. Gleichzeitig habe ich nicht das Gefühl, mich jetzt beweisen zu müssen.

Dann hatten Sie nach Hawaii nicht das Bedürfnis, möglichst schnell eine Reaktion zu zeigen?

Nein, gar nicht. Ich wusste, dass ich eines Tages nicht als Erste in Hawaii einlaufen würde. Es ist für mich okay, so wie es ist.

Wenn Sie gewinnen, hagelt es Gratulationen. Welche Reaktionen erhielten Sie in diesem Jahr?

Sehr viele positive Reaktionen. Bereits während des Rennens waren die Anfeuerungen beeindruckend. Die Leute riefen mir zu, ich sei ein grosser Champion. Man hat es sehr geschätzt, dass ich das Rennen auch unter diesen Umständen beendet habe. Danach gab es viele SMS. Viele litten mit mir mit.

Sie sind in einer Sportart und auf einem Level zu Hause, in welcher sich nur ganz wenige bewegen. Wird man da zur Einzelgängerin?

Nein, das sehe ich nicht so. Der ganze Effort einer Leistung ist ohnehin Teamarbeit. Es stehen so viele Leute hinter mir, die dazu beitragen, dass ich solche Erfolge feiern kann: Coach, Physio, Management, Betreuer und Trainingskollegen. Ich habe gerade in diesem Jahr so viel in der Gruppe trainiert wie noch selten. Es war für mich dank des Teams ein sehr cooler Sommer. Und ich war auch einige Male mit einer Kollegin Velofahren. Nur weil ich auf Toplevel bin, heisst das noch lange nicht, dass ich mit niemand anderem mehr trainieren kann. Zwischendurch trainiere ich aber auch gerne alleine. Ich lasse dann meine Gedanken laufen. Beim Jogging allein im Wald kann ich Dinge verarbeiten, finde ich meinen Frieden.

Welche Gedanken hatten Sie während des Ironmans? Waren diese anders, als wenn Sie vorne liegen?

Es bleibt immer ein Spiel zwischen Teufelchen und Engelchen – ein hin und her von positiven und negativen Gedanken. Dieses Jahr war dieses Spiel besonders intensiv. Als beim Schwimmen von einer Sekunde auf die andere die Übelkeit kam, wusste ich, dass es ein ganz schwieriger Tag werden würde. Wenn man immer wieder von Gegnerinnen überholt wird, die man sonst unterwegs gar nie sieht, sind das schon sehr harte Augenblicke. Und doch gab es immer wieder auch Momente der Zuversicht.

Sie haben dank Ihren sportlichen Leistungen viel Geld verdient. Was leisten Sie sich, das Sie sich vor fünf Jahren noch nicht leisten konnten?

Für mich ist Luxus noch immer das gleiche wie damals: ein cooler Abend mit Kolleginnen, eine Wanderung mit dem Göttibub oder ganz einfach den Moment zu geniessen. Das hat sich nicht verändert. Klar habe ich mehr Möglichkeiten, aber das ist nicht immer ein Vorteil. Man sagt ja auch, je mehr Möglichkeiten ein Mensch hat, desto unglücklicher wird er. Das Einzige, worauf ich in den letzten Jahren wirklich Wert lege, ist das Reisen. Ich fliege konsequent Business-Class. Ganz einfach, weil ich damit viel erholter am Zielort ankomme. Das bringt mir als Athletin einen Mehrwert.

Ihr Trainingsleben ist bis an die Grenzen ausgefüllt und verlangt grösste Disziplin. Wo finden Sie den Ausgleich?

Als Sportler finden sich immer wieder Phasen, in denen man das Training relaxt angehen kann. Bei mir ist das zwischen Mitte Oktober und Mitte Dezember der Fall. Ab und zu ein Glas Wein schadet da nicht. Diesbezüglich bin ich ziemlich entspannt unterwegs. Es gibt zweifellos viele Sportler, die extremer sind als ich.

Haben Sie nach einem Tag ohne Training ein schlechtes Wissen?

Es kommt darauf an, was auf dem Programm steht. Höchstens, wenn ich an diesem Tag ein Training hätte, das ich auslasse. Aber das kommt eigentlich nie vor. Wenn das Programm aber einen trainingsfreien Tag vorsieht, dann käme es mir nicht in den Sinn, ein schlechtes Gewissen zu haben. Viele haben da einen extrem falschen Eindruck von mir und denken, ich könnte nicht ohne Training sein. Aber das stimmt überhaupt nicht.

Der Advent steht vor der Tür. Wie definieren Sie für sich Besinnlichkeit?

Ich bin eine Person, die sehr viel reflektiert. Aber das mache ich während des ganzen Jahres. Ich geniesse heute die speziellen Momente mit meinem Team oder meinen Freunden viel intensiver als früher. Man weiss schliesslich nie, wann ein solcher Moment das letzte Mal kommt. Und wichtig ist mir auch, meine Erfolge immer wieder zu relativieren. In der Schweiz geht es uns so gut! Und auch wenn ich ein Rennen nicht gewinne, geht es mir noch immer so gut. Wenn ich in Südafrika miterlebe, wie die Kinder ein Velo erhalten, um nicht zwei Stunden zur Schule laufen zu müssen, wird mir dies wieder bewusst. Dort gibt es viele Jugendliche, die gar nicht die Chance haben, eines Tages Profisportler zu werden. Eine gewisse Bescheidenheit tut das ganze Jahr gut – nicht nur im Advent.

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