FC Basel
Trainer-Legende über Lech Posen: "Eine gefährliche Mischung für Basel"

Ryszard Komornicki war schon Trainer beim FC Aarau, dem FC Luzern und in der Challenge League. Im Interview spricht er über Posens Rolle als Aussenseiter, den polnischen Fussball und seine Anhänger.

Sebastian Wendel
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Ryszard Komornicki fordert, den polnischen Verein Lech Posen nicht zu unterschätzen.

Ryszard Komornicki fordert, den polnischen Verein Lech Posen nicht zu unterschätzen.

Keystone

Sollte der FC Basel in der Champions-League-Qualifikation gegen Lech Posen scheitern, wäre das eine Blamage. Einverstanden?
Ryszard Komornicki: Nein, nein, nein! Wer das behauptet, hat keinen Respekt vor dem polnischen Fussball.

Der FCB belegt in der Uefa-Klubrangliste Rang 17, Posen Rang 197. Klarer könnten die Rollen von Favorit und Aussenseiter nicht verteil sein.
Ja, ja, diese Ranglisten. Ich rate allen FCB-Fans: Unterschätzt auf keinen Fall Lech Posen! Sie sind polnischer Meister und haben im Supercup das grosse Legia Warschau mit 3:1 weggeputzt. Die Euphorie im Klub und in der Mannschaft ist riesig. Sie spüren, dass die Champions League näher rückt und die Chancen gross sind, dass erstmals seit 1996 und Widzew Lodz wieder ein polnischer Klub in der Gruppenphase vertreten ist. Leider sind sie die Einzigen ...

Wie meinen Sie das?
Die Menschen in Polen, vor allem die Presse und die vielen Fussballexperten, sie alle haben riesigen Respekt vor dem FCB. Respekt ist wichtig – aber es kommt mir vor, als würden die Leute Basel schon zum Weiterkommen gratulieren. So ist halt die neue Mentalität bei uns, die sich wegen der Erfolglosigkeit gebildet hat: Man ist lieber Aussenseiter und hält die Erwartungen tief. Ich bin damit nicht einverstanden: Wir sind kein Land, in dem der Fussball eben erst erfunden wurde. Wir haben eine lange Fussballtradition, wir müssen uns gerade vor einem Land wie der Schweiz nicht verstecken.

Aber dass der FCB Favorit ist, können auch Sie nicht leugnen.
Der Vorteil von Basel ist, dass sie wissen, wie man sich für die Champions League qualifiziert. Sie können mit dem ganz grossen Druck umgehen. Doch ich würde mich nicht darauf verlassen, dass der FCB die bessere Mannschaft hat – zumindest nicht zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison. Auf dem Papier ist vielleicht mehr Talent vorhanden, aber Basel hat einen neuen Trainer und wichtige Spieler durch neue ersetzen müssen. Das Team von Posen ist eingespielt – zusammen mit der gewaltigen Stimmung, die im Stadion herrschen wird, eine gefährliche Mischung für Basel.

Was für ein Gegner erwartet den FCB?
Ich habe sie vor einer Woche gesehen und war beeindruckt: Posen hat den Fokus auf der Offensive. Sie kombinieren schnell, haben technisch exzellente Spieler, die vor dem Tor eiskalt sind. Aus dem Team ragen die Flügel Hämäläinen und Pawlowski sowie Stürmer Robak heraus.

Und die Abwehr?
Tja, die Abwehr. Sie bereitet mir Sorgen. Der Goalie Jasmin Buric ist zwar gut, aber das Umschaltspiel der ganzen Mannschaft ist mangelhaft. Ich hoffe, Lech spielt gegen Basel vorsichtiger als in der Liga, auch wenn das Publikum die Mannschaft unermüdlich nach vorne peitschen wird. Jetzt ist Lech auf dem Niveau angekommen, auf dem jeder Fehler gnadenlos bestraft wird.

Bei Posen spielt mit Darko Jevtic ein ehemaliger FCB-Junior. Wie wichtig ist er für die Mannschaft?
Er ist ein prägender Spieler und passt zum Offensivstil der Mannschaft. Jevtic ist ein Trumpf, weil er den FCB gut kennt. Jetzt hat er ein grosses Spiel vor der Brust – ich bin gespannt, wie er mit der Situation umgeht, gegen seinen Stammklub zu spielen und zu beweisen, dass es falsch war, ihn nach Polen abzugeben.

Man hört vieles, Sie haben es erlebt: Wie laut ist es im INEA-Stadion wirklich?
Fantastisch! Unglaublich! Ich finde kaum Worte für die Atmosphäre, Gänsehaut pur! Solange es dem Team gut läuft, schreien die Fans von Posen, was das Zeug hält. Sie gehören zu Recht zu den zehn lautesten Fangruppen Europas. Sie wissen, was sie tun müssen, damit die FCB-Spieler weiche Knie bekommen. Posen ist eine fussballverrückte Stadt, aber sie bietet noch viel mehr: Ich hoffe, die FCB-Profis werden so begeistert vom Sightseeing sein, dass sie noch auf dem Platz von der schönen Altstadt träumen.

Polnische Fans produzieren immer wieder Negativschlagzeilen. Vor dem Hinspiel der 2. Qualifikationsrunde in Sarajevo kam es zu schweren Ausschreitungen zwischen Posen-Hooligans und solchen des Heimteams.
In den vergangenen Jahren ist leider zu viel passiert, das Image der polnischen Fans ist ruiniert. Dabei ist es wie überall: Die Chaoten sind nur ein kleiner Teil der grossen Masse. Das Problem ist, dass die Hooligans in der polnischen Gesellschaft nicht verpönt sind. Die Behörden und die Klubs kämpfen zwar gegen sie an, doch den Menschen sind die Ausschreitungen egal, solange sie nicht selber darunter leiden.

Die polnische Nationalmannschaft belegt in ihrer EM-Qualifikationsgruppe Rang 1, die Vereine aber spielen international keine Rolle. Hat der Klubfussball von der EM 2012 nicht profitiert?
Doch, das hat er schon. Die Infrastruktur ist grossartig: schöne Stadien, gute Trainingsplätze, moderne Strassen – alles top. Die Probleme liegen anderswo, etwa in der Ausbildung: Während es in der Schweiz top ausgebildete Juniorentrainer gibt, die sich an einem einheitlichen Ausbildungskonzept orientieren, gibt es in Polen keine ernstzunehmende Nachwuchsförderung. Die Trainer sind Amateure und stehen nach der Arbeit für ein Sackgeld auf dem Platz. Der Fussball läuft den Polen davon, die Zukunft interessiert die Menschen nicht. Das ist typisch polnisch: Was morgen ist, ist mir egal. Hauptsache es geht mir heute gut. So verlassen viele Talente frühzeitig das Land – Lewandowski von Bayern München ist das beste Beispiel. Aber nur wenige schaffen es wie er zum Profi. Ich behaupte: 60 Prozent der polnischen Talente gehen verloren, weil sie entweder in Polen nicht gefördert werden oder im Ausland in der Masse untergehen.

Das alleine erklärt noch nicht die fehlenden internationalen Erfolge der Klubs. Sie könnten einfach gute Spieler aus dem Ausland kaufen.
Es ist ein Teufelskreis: Wer keine Erfolge vorweisen kann, lockt auch keine Stars an. Dabei ist die polnische Liga durchaus attraktiv: Ein gestandener Spieler verdient rund 15 000 Euro im Monat und lebt wie ein König. Der Durchschnittslohn in Polen beträgt 1000 Euro. Auch auf dem Rasen läuft etwas, viele Teams spielen nach vorne, viele Tore fallen, die TV-Inszenierung ist so aufwendig wie in England. Das Niveau ist fast so hoch wie in der Super League. Was es jetzt schnell braucht, ist ein Erfolgserlebnis im Europacup, dann steht der polnische Fussball wieder auf. Ich hoffe, der Moment ist gekommen und Basel muss dran glauben.

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