Prolog

Tour de France-Start: Macht es Stefan Küng wie Fabian Cancellara 2004?

Kann Stefan Küng heute im Prolog der Tour de France Cancellaras Erfolg von 2004 wiederholen?

Kann Stefan Küng heute im Prolog der Tour de France Cancellaras Erfolg von 2004 wiederholen?

Fabian Cancellara gewann bei seiner Tour-Premiere gleich den Prolog. Gelingt Stefan Küng heute dasselbe Kunststück?

Es mag Zufall sein, dass Fabian Cancellara drei Tage vor dem Auftakt zur Tour de France Ausgabe 2017 seine eigene Uhr präsentierte. Ein auf 77 Stück limitiertes Bijou mit dem klingenden Namen «Ingenieur Chronograph Edition Cancellara» der Marke IWC. Dieser Zeitmesser ist so etwas wie das zur Maschine gewordene Gesamt-Kunstwerk einer Karriere, welche vor 13 Jahren so richtig lanciert wurde.

Am 3. Juli 2004 stand der damals 23-Jährige zum ersten Mal am Start einer Tour de France – und gewann gleich den Prolog in Lüttich – vor dem damaligen Dominator (und Betrüger) Lance Armstrong. Im Jahr zuvor hatte Cancellara bereits die Prologe der Tour de Romandie und der Tour de Suisse zu seinen Gunsten entschieden. Sein Talent war unbestritten und offensichtlich. Aber erst sein Sieg an der Tour de France katapultierte ihn so richtig ins Rampenlicht der öffentlichen Wahrnehmung. Es war quasi der Startschuss zu einer grossen Radsport-Karriere, welche für den inzwischen 36-Jährigen im vergangenen Herbst zu Ende ging.

Fabian Cancellara konnte sich als 23-Jähriger bereits das Leadertrikot der Tour de France überziehen.

Fabian Cancellara konnte sich als 23-Jähriger bereits das Leadertrikot der Tour de France überziehen.

Der unstrukturierte Alltag

Wenn heute Nachmittag in Düsseldorf die 198 Fahrer der Tour de France Jahrgang 2017 den 14 Kilometer langen Prolog unter die Räder nehmen, dann wird Fabian Cancellara nicht vor dem Fernseher sitzen, mit Wehmut zuschauen und sich an die guten alten Zeiten erinnern. «Dazu fehlt mir die Zeit», sagt er lächelnd. Seit seinem Rücktritt aus dem Wettkampf-Sport ist der Alltag unstrukturierter geworden. War im Radprofi-Business alles geplant, der Rhythmus von Renn- und Trainingsphasen geprägt, so muss der Doppel-Olympiasieger jetzt einen neuen Umgang mit der gewonnenen (Frei-)Zeit finden. Sich dabei die Stunden vor dem Fernseher sitzend und Radsport schauend um die Ohren zu schlagen, gehört definitiv nicht dazu.

Da fuhr Fabian Cancellara noch Rennen. 2014 gewann er die Schweizer Meisterschaft im Zeitfahren vor Stefan Küng (links) und Silvan Dillier (rechts).

Da fuhr Fabian Cancellara noch Rennen. 2014 gewann er die Schweizer Meisterschaft im Zeitfahren vor Stefan Küng (links) und Silvan Dillier (rechts).

Deshalb wird Fabian Cancellara auch nicht zusehen, wie sich Stefan Küng am Samstagnachmittag auf den Weg macht und versucht, in den Spuren seines Vorbilds zu fahren. Küng, 23, nimmt an seiner ersten Tour de France teil. Küng, dessen grosse Stärke das Zeitfahren ist. Küng, der eben erst den Schweizer-Meister-Titel im Zeitfahren gewonnen hat – wie Cancellara 2004 ein paar Wochen vor dem grossen Auftritt in Lüttich. Gleiches Alter, gleiches Talent, gleiche Stärke, gleiche Ausgangslage: Erleben wir in Düsseldorf eine Duplizität der Ereignisse von Lüttich?

Das sind Küngs härteste Konkurrenten:

Stefan Küng gewohnt gelassen

Es passt zu dieser Geschichte, dass Stefan Küng die Tour de France in seiner Kindheit erstmals als 10-jähriger Bub so richtig wahrnahm, als Fabian Cancellara in Lüttich ins «Maillot jaune» fuhr. Am Tag vor dem Auftakt zur wichtigsten Rad-Rundfahrt der Welt gibt sich der Ostschweizer gewohnt gelassen. Von Nervosität keine Spur. «Letztlich ist auch die Tour nicht mehr als ein Radrennen», diktiert er den Journalisten in die Mikrofone. Aber Küng geht heute mit dem Bewusstsein an den Start, dass er den Prolog gewinnen kann: «Ich konzentriere mich ganz auf mich. Ich weiss, was ich kann. Ich will das Maximum aus mir herausholen. Wenn mir das gelingt, habe ich eine gute Chance», sagte er gegenüber dem «St. Galler Tagblatt».

Dass die Form stimmt, zeigte Küng an der Tour de Suisse, wo er sich in den beiden Zeitfahren jeweils nur von BMC-Teamkollege Rohan Dennis besiegen lassen musste. Dennis, der als bester Zeitfahrer im Peloton gilt, wird jedoch an der Tour de France fehlen. Die Konkurrenz hat den Schweizer Shooting-Star jedenfalls auf dem Radar. Tony Martin, der als Lokalmatador vor eigenem Publikum in Düsseldorf besonders motiviert sein wird, bezeichnet Stefan Küng als einen seiner grössten Herausforderer.

Kehren wir zurück zu Fabian Cancellara. Ob er Stefan Küng im Hinblick auf seinen ersten Tour-Auftritt einen Tipp mitgeben könne? Der Doppel-Olympiasieger winkt ab – und merkt dann doch lachend an: «Er soll sich eine andere Uhr kaufen!» Es ist eben doch alles eine Frage der Zeit.

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