Tour de France
Der Berg, an dem der Radsport seine Unschuld verlor: der Mythos des legendären Mont Ventoux

In der heutigen Etappe der Tour de France erklimmen die Veloprofis gleich zweimal den legendären Mont Ventoux. Es ist ein Berg mit einer eindrücklichen Landschaft, der grosse Geschichten des Radsports erzählt. Auf fünf davon blicken wir zurück.

Raphael Gutzwiller
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Der Aufstieg in der kahlen Umgebung ist schier endlos – auch für die Besten.

Der Aufstieg in der kahlen Umgebung ist schier endlos – auch für die Besten.

Nicolas Bouvy / EPA

Zum ersten Mal überhaupt kämpfen sich heute die Veloprofis zweimal in einer Etappe den mystischen Giganten der Provence hoch: den Mont Ventoux. Es ist ein Berg wie kein anderer: Kegelförmig erhebt er sich über die provenzalische Ebene, seine Silhouette erinnert an eine Pyramide und die Oberfläche an die Mondlandschaft. 1909 Meter ist der Ventoux hoch, bekannt wurde er durch die Besteigung von Francesco Petrarca im Jahr 1336.

Die Geschichten auf dem Berg schreiben aber die Radfahrer, die sich den kaum zu erklimmenden Berg hochkämpfen. Nicht nur die Steigung, auch das wechselnde Klima macht den Athleten das Leben schwer: Am Südhang herrscht Mittelmeerklima, in den Gipfelregionen kann es schon auch mal stürmisch und kalt sein. Obwohl die Tour erst zum 16. Mal über den Ventoux führt, hat er sich zu einem legendären Gipfel entwickelt. Auf fünf besondere Geschichten blicken wir zurück.

Ein Berg wie kein anderer: der Mont Ventoux.

Ein Berg wie kein anderer: der Mont Ventoux.

Severin Bigler

1967: Tom Simpson, der Mann, der tot vom Rad fiel

Der Mont Ventoux wird von den Fahrern «Teufelsberg» genannt – schon vor dem 13. Juli 1967. Doch dass dieser Name berechtigt ist, zeigt er an jenem Tag am Schicksal von Tom Simpson. Als einer der Favoriten auf den Tour-Sieg gestartet, hatte der Brite in den Alpen Zeit auf seine Konkurrenten eingebüsst. Am Ventoux wollte er also eine Aufholjagd starten. Die Etappe führte 211,5 Kilometer von Marseille nach Carpentras – bei 40 Grad im Schatten. Als Raymond Poulidor und Julio Jimenez bei der Steigung attackieren, folgt Simpson. Doch drei Kilometer vor dem Gipfel kippt er plötzlich um.

Zuschauer am Strassenrand helfen ihm wieder aufs Rad, nach einigen Schlangenlinien fällt er erneut um – und steht nie mehr auf. Er stirbt an der Unfallstelle. Später stellen Mediziner fest, dass Simpson während der Etappe einen Mix aus Amphetaminen, Betäubungsmitteln und Alkohol zu sich genommen hat. Es ist der Tag, an dem der Radsport seine Unschuld verliert. Der Umgang mit Doping ändert sich ab dann. An jener Stelle, an der er kollabierte, erinnert heute ein Gedenkstein an Tom Simpson.

Das Denkmal für den 1967 verstorbenen Tom Simpson

Das Denkmal für den 1967 verstorbenen Tom Simpson

Yorick Jansens / imago

1970: Überfahrer Merckx wird alles zu viel

Kann nicht mehr nach der Etappe auf dem Mont Ventoux: Der belgische Radstar Eddy Merckx (Mitte).

Kann nicht mehr nach der Etappe auf dem Mont Ventoux: Der belgische Radstar Eddy Merckx (Mitte).

Bild: Keystone (10. Juli 1970)

Drei Jahre nach dem Tod Simpsons wagten die Organisatoren die Rückkehr zum «heiligen Berg». Für Eddy Merckx ist es seine Premiere am Ventoux. Der Belgier ist ein Superstar, fährt jahrelang alles in Grund und Boden. Sein Spitzname: der Kannibale. Merckx wird den Erwartungen gerecht und gewinnt die Etappe, doch auch er muss mit der Hitze kämpfen.

Kurz nach der Zieleinfahrt belagern Journalisten den Radstar, bombardieren ihn mit Interviewfragen. Merckx sinkt daraufhin entkräftet und nach Atem ringend zu Boden. Der Belgier wird mit einer Sauerstoffmaske ausgestattet und mit der Ambulanz ins Hotel gebracht. Jahre später gibt er in einem Interview zu, dass er den Vorfall vorgespielt habe, um nicht noch mehr Interviews geben zu müssen.

1994: Die Stunde des Wasserträgers

Eros Poli ist an der Tour de France 1994 ein unbeschriebenes Blatt. Er ist ein Helfer, feiert kaum Erfolge. Bis zur 15. Etappe der Tour de France. Die Hitze ist gross, Poli fährt das Rennen seines Lebens. Er setzt sich früh vom Feld ab, hat vor dem Anstieg beim Ventoux einen unglaublichen Vorsprung von 24 Minuten. Doch er ist mit seinem Gewicht von 85 Kilogramm kein typischer Kletterer.

Mit grossen Tritten versucht er den Berg zu erklimmen, der Vorsprung schmilzt von Minute zu Minute. Sein Verfolger Marco Pantani kommt näher, dennoch liegt Poli auch am Gipfel noch in Führung. Er quält sich ins Ziel – rettet einen Vorsprung von zwei Minuten über die Linie. «Es war der grösste Tag meines Lebens», sagte Eros Poli später. Er wird als kämpferischster Fahrer der Tour ausgezeichnet, in der Gesamtwertung klassierte er sich aber nur an drittletzter Stelle.

2000: Geschenkter Etappensieg

Umstritten: Marco Pantani (rechts) gewinnt dank der Geste von Lance Armstrong (links) die 12. Etappe der Tour de France 2000.

Umstritten: Marco Pantani (rechts) gewinnt dank der Geste von Lance Armstrong (links) die 12. Etappe der Tour de France 2000.

Christophe Ena/AP

Marco Pantani, der Toursieger von 1998, fühlt sich gut an diesem 13. Juli 2000. Früh setzt er sich ab vom Feld, alles scheint auf einen Solosieg hinauszulaufen. Doch dann zündet der Mann den Turbo, der zu jener Zeit den Radsport dominiert: Lance Armstrong. Der Amerikaner prescht vor, überholt Pantani. Bei der letzten Steigung kommt es zum Sprint, in dem Armstrong klar die Nase vor hat. Doch dann folgt die Geste: Armstrong lässt Pantani gewinnen.

Einige finden, das Geschenk sei löblich, andere finden, Armstrong sei an Arroganz nicht zu überbieten. Letztere Meinung hat auch Pantani selber. «Dem arroganten Amerikaner habe ich es gezeigt», sagte er im Ziel. «Es war ein regulärer Sprint. Wenn Lance das nicht glaubt, umso trauriger für ihn». Wegen dieser Aussagen bereute Armstrong den geschenkten Etappensieg später: «Als ich ihm den Sieg überliess, war ich der Meinung, ich würde das Richtige tun. Doch es war ein Fehler.»

2016: Als Chris Froome den Berg hochjoggte

Leader Chris Froome musste 2016 den Weg zum Ziel ein Stück weit zu Fuss nehmen.

Leader Chris Froome musste 2016 den Weg zum Ziel ein Stück weit zu Fuss nehmen.

Imago

Hätte der Wind den Organisatoren keinen Strich durch die Rechnung gemacht, diese Anekdote wäre wohl nie geschehen. Es ist der bis heute letzte Tour-Auftritt am Mont Ventoux. Die zwölfte Etappe 2016 von Montpellier bis zur Skistation Chalet Reynard muss aufgrund starken Windes um sechs Kilometer verkürzt werden. Dennoch sollte der Schlussanstieg sehr steil sein.

Der britische Tour-Leader Chris Froome, der 2013 noch souverän die Etappe auf den Mont Ventoux gewonnen hatte, schien sich diesmal schwerzutun, kämpfte nicht um den Tagessieg. Den holte sich der Belgier Thomas de Gendt. Doch das wahre Drama spielte sich dahinter ab: Froome, Bauke Mollema und Richie Porte setzen sich vom Feld ab, fühlen sich von den Tour-Favoriten am besten. Doch 1,5 Kilometer vor dem Ziel passiert es: Ein Zuschauer nötigt ein Kamera-Begleitmotorrad zu einer Vollbremsung, die Profis fahren auf. Während Porte und Mollema weiterfahren können, bricht sich Froome den Rahmen.

Da die Versorgung mehrere Minuten gedauert hätte, entscheidet sich Froome für seine letzte Option: Rennen. Erst später bekommt er ein Ersatzrad, die Konkurrenz ist da bereits im Ziel und Yates neu im gelben Trikot. Später korrigiert die Jury das Ergebnis und wertete die Etappe vor dem Crash als offiziellen Entstand. Zum Unfall sei es nur gekommen, weil die Etappe verkürzt werden müssen. Deshalb hätten sich auf den letzten Kilometer zu viele Zuschauer angesammelt. Am Ende der Tour siegte Froome mit mehr als vier Minuten Vorsprung.