Auf der Medientribüne wurde Kartoffelsalat und Schinken serviert, auf dem Schwingplatz war die Sache gegessen. Die Berner erlebten eine Demütigung, sie verloren reihenweise. Wer am Mittag noch an einen Berner Sieg glaubte, glaubte wahrscheinlich auch daran, dass der Regen irgendwann aufhören würde. Chance gleich null. Nach drei Gängen tummelten sich oben in der Rangliste lauter Innerschweizer. Auf den ersten zehn Plätzen: nur Innerschweizer. Der beste Berner folgte auf Rang 6d, Adrian Klossner, ein fünffacher Kranzgewinner, der zu diesem Zeitpunkt noch keinen hochkarätigen Gegner zugeteilt bekam. Im vierten Gang wird er gegen den Luzerner Joel Ambühl verlieren. Ambühl ist ein stabiler Mittelschwinger, kein Unbezwingbarer. Auch solche Duelle kippten auf Innerschweizer Seite.

An der Spitze standen Joel Wicki (22) und Pirmin Reichmuth. Beide mit einem Sieg gegen einen Schwingerkönig und der maximalen Punktzahl auf dem Notenblatt. Im Normalfall lässt man an diesem Bergklassiker Berner gegen Innerschweizer antreten. Denn der Brünig pflegt die Rivalität zwischen den beiden Teilverbänden. Doch nun war die Einteilung gezwungen, Innerschweizer Paarungen zu machen. Die Dominanz war aussergewöhnlich.

Fingerspitzengefühl der Einteilung

Man darf die Innerschweizer Leistung hochhängen. Brünig ist alles andere als Jekami, hier treffen sich die Besten. Und der Mythos, der dieses Fest umgibt, motiviert die Schwinger besonders. König Matthias Glarner, aus Meiringen stammend, sagte, in seiner Heimat werde mehr über das Bergfest als über das Eidgenössische gesprochen. Überdies war der Brünig für viele die letzte echte Standortbestimmung vor dem Eidgenössischen. Nur drei Kranzfeste stehen noch aus. Die Teilverbandsfeste der Berner und Nordwestschweizer und das Bergkranzfest auf der Schwägalp.

Wer sich nochmals mit der nationalen Spitze messen wollte, konnte das jetzt. Zwischen 2011 und 2017 gewannen immer Berner auf dem Brünig. Aus heutiger Sicht eine rätselhafte Phase. Die vier grossen Berner Namen tauchten im ersten Gang alle. Kilian Wenger unterlag Pirmin Reichmuth, Matthias Glarner verlor gegen Christian Schuler, Matthias Aeschba­cher gegen Benji von Ah und Bernhard Kämpf gegen Joel Wicki. Von diesem Quartett ist momentan nur Glarner nicht konkurrenzfähig. Die anderen drei holten letztlich den Kranz. Im zweiten Gang übernahmen Reichmuth und Wicki die Ranglistenspitze und gaben sie nicht mehr ab. Sie prägten dieses Fest, waren zweifelsohne die stärksten Athleten im Feld. Die Einteilung bewies Fingerspitzengefühl und liess die beiden im fünften Gang nicht gegeneinander antreten. So hätte man riskiert, dass einer der besten beiden doch noch den Schlussgang verpasst. Also traf Reichmuth auf Benji von Ah, Wicki auf Christian Schuler. Reine Innerschweizer Duelle an der Spitze. Natürlich nahmen sie auch diese Hürden.

Pirmin Reichmuth wie Harry Knüsel 1986?

Im Gegensatz zu Wicki reichte Reichmuth am Ende wegen der besseren Punktzahl ein Gestellter zum Festsieg. Im zwölf Minuten dauernden Schlussgang nahm der Zuger kein grosses Risiko auf sich. «Ich habe nicht so fair geschwungen, tut mir wirklich leid. Aber die Chance auf den Brünig-Sieg hat man nicht alle Tage», sagte er. Für Reichmuth ist es bereits der vierte Saisonsieg. Die schwierigste Aufgabe sei der Gang gegen Benji von Ah gewesen. Gegen den Publikumsliebling verlor er am Innerschweizerischen in Flüelen. Nun hatte er keine Probleme. Es passt sehr vieles, so kurz vor dem Eidgenössischen. Der jüngste Triumph schraubt nochmals an der Erwartungshaltung. «Ich versuche, möglichst locker mit dem Druck umzugehen. Ich mache nun auch keine Mediensachen mehr, das gibt nur noch mehr Druck», sagt Reichmuth. Er bestreitet am 3./4. August noch zwei Regionalfeste und simuliert so den zweitägigen Saisonhöhepunkt.

Wer den Brünig-Schwinget dominiert, spielt auch am Eidgenössischen eine Hauptrolle. So etwa 2013. Mat­thias Sempach gewann, einen Monat später wurde er König. Es gibt noch ein älteres Beispiel. 1986 siegte Harry Knüsel auf dem Brünig. Vier Wochen später gewann er das Eidgenössische. Knüsel ist nach wie vor der einzige Innerschweizer Schwingerkönig. Vielleicht ist er das nur noch für die nächsten vier Wochen.