Zürich, Downtown Switzerland. Nie kam der frühere Werbeslogan der Wahrheit näher als heute. Zürich klaute Luzern den «Tatort», Zürich züchtet Koala-Bären, Zürich wird schon bald zum Monte Carlo der Elektro-Boliden. Und Zürich hat den Grasshopper Club – das erfolgreichste Laientheater weit und breit.

Doch kurzfristig ist das Niveau der Vorstellungen akut gefährdet. Denn Chefproduzent Stephan Anliker setzte seinen Regisseur Murat Yakin trotz Oscar-Trophäe und Treueschwur schnöde auf die Strasse.

Yakin ist nicht über die «MeToo- Debatte» gestolpert, sondern über ein wahres Wort, das er nach einem digitalen Frontalangriff auf seine Person gelassen ausgesprochen hatte: «Die eine Hälfte der Mannschaft kann nicht lesen, die andere versteht das nicht einmal.»

Yakin weiss, wovon er spricht. Auf seiner mittlerweile eingestellten Website www.yakinsworld.ch liessen er und sein (von GC ebenfalls gefeuerter) Bruder Hakan einen Blick auf ihre literarischen Vorlieben zu. Unter der Rubrik Lieblingsbuch hiess es bei Murat Yakin: «Zeitungen und Zeitschriften». Und bei Hakan: «Lustiges Taschenbuch».

Doch müssen Fussballer überhaupt lesen können? Genügt es nicht, wenn sie die Bedienung der Gamekonsole gut beherrschen und die Telefonnummer ihres Lieblings-Tätowierers auswendig können?

Man stelle sich einmal vor, die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft würde sich vor der WM im Sommer in Russland mit den kulturellen Eigenschaften der Gastgeber befassen. Xherdan Shaqiri müsste in der Garderobe Tolstoi zitieren, sein Kollege Granit Xhaka würde eine Puschkin- Interpretation verfassen, und Haris Seferovic hätte über den Einfluss des Bolschoi-Theaters auf die internationale Ballettschule zu referieren.

Es gab in der jüngeren Geschichte des Schweizer Fussballs einen Klubchef, der seine Spieler zu kulturellen Seitensprüngen motivierte: Gabriele Giulini in Bellinzona. Er organisierte Tanzlektionen, Mal- und Sprachstunden. Im Stadio Comunale richtete er eine Bibliothek ein und liess die Kicker «Hamlet» aufführen.

Damit hätte er beinahe den Tessiner Kulturförderpreis gewonnen. Doch sportlich und wirtschaftlich endete das Experiment im Totalschaden. Zum Bellinzona-Personal gehörte damals auch Hakan Yakin. Stephan Anliker muss diesen Fakt bei seiner Krisenanalyse schlicht übersehen haben. Denn welcher Theaterproduzent verzichtet freiwillig auf einen Shakespeare-Darsteller?