Tennis

Timea Bacsinszky im Viertelfinal der French Open: Vom Himmel in die Hölle

Timea Bacsinszky hat sich die Herzen der Zuschauer von Roland Garros gespielt.

Timea Bacsinszky hat sich die Herzen der Zuschauer von Roland Garros gespielt.

Auf Publikumsliebling Timea Bacsinszky wartet in den Viertelfinals der French Open eine aufgeheizte Ambiance. Sie trifft auf die Lokalmatadorin Kristina Mladenovic. Gegen die Französin wird Bacsinszky erstmals in diesem Jahr nicht die Zuschauer auf ihrer Seite haben. Dennoch wird ihr viel zugetraut - auch von ehemaligen Spielerinnen.

Berührt von den Sprechchören, die sie zuvor zum Sieg gegen Venus Williams getragen haben, überwältigt von den Gefühlen ihres ersten Sieges auf dem grössten Platz in Roland Garros, dem Court Philippe Chatrier, formt Timea Bacsinszky ein Herz.

Geehrt fühle sie sich, privilegiert auch, von der Welle der Sympathie, die sie in Paris begleite. «Hier fühle ich ein ganz spezielles Feuer in mir», sagt die 27-Jährige. Ihre Geschichte, aber auch die Erfolge der letzten Jahre haben sie zum «Chouchou», einem Liebkind, gemacht.

Kristina Mladenovic avancierte in Paris zum Publikumsliebling.

Kristina Mladenovic avancierte in Paris zum Publikumsliebling.

In ihrem dritten Paris-Viertelfinal in Folge findet sie sich heute gegen die Französin Kristina Mladenovic (24) in einer ungewohnten Rolle. Sie ist nicht das «Chouchou», Liebkind der Pariser, sondern Spielverderberin.

Denn in der ersten Woche ist Mladenovic zum neuen Liebling der Franzosen avanciert. Welche Züge das annehmen kann, hat Titelverteidigerin Garbine Muguruza am Sonntag erfahren. Gezeichnet von den französischen Pfiffen, einer aufgeladenen und zuweilen feindseligen Stimmung, bricht sie in Tränen aus.

Belastete Vorgeschichte

Zwischen Bacsinszky und Mladenovic gibt es eine Vorgeschichte, die dem Duell zusätzliche Würze verleiht. Im Fed-Cup-Viertelfinal in Genf im Februar wird Bacsinszky von einer Wespe gestochen. Dann verdreht sie sich das Knie und muss sich behandeln lassen.

«Sie ist danach zurückgekehrt und ist wie ein Känguru rumgesprungen», monierte daraufhin Mladenovic, welche in drei Sätzen verliert. Bacsinszky sagt in Paris: «Ich habe ein reines Gewissen.» Dieser Vorgeschichte wegen muss sich Bacsinszky auf Gegenwind gefasst machen. Auch, weil Mladenovic das Spiel mit den Emotionen beherrscht wie keine Zweite.

«Es ist nicht das erste Mal, dass fast niemand im Publikum mich unterstützen wird. Es wird sicher ein grosser Spass«, sagt Bacsinszky, die sich auch in der Rolle des Agent Provocateur wohlfühlt. Zwar hat sie das Publikum hinter sich, dafür glauben zahlreiche Ehemalige, dass Bacsinszky in Paris den Titel gewinnen kann.

Lindsay Davenport

«Ich kenne Timeas Geschichte sehr gut, dass sie einmal aufhören wollte und vor zwei Jahren in die Halbfinals gekommen ist. Ich kann nur den Hut davor ziehen. Gegen Venus Williams hat sie im ersten Satz einen 5:1-Vorsprung verspielt. Die meisten anderen hätte das entmutigt. Bei Timea war das Gegenteil der Fall. Sie ist mental unheimlich stark und sie geniesst, was sie tut. Du spürst, wie sehr sie ihr kreatives Spiel liebt und einfach die Momente auf dem Platz auskosten will. Bacsinszky ist nicht nur eine unglaubliche Kämpferin, sondern auch ein sehr umgänglicher Mensch. Ich bin mir sicher, dass sie in der Kabine sehr beliebt ist. Allerdings hatte sie in diesem Jahr bisher das Publikum auf ihrer Seite, das wird gegen Mladenovic anders sein. Kann Timea Bacsinszky sogar das Turnier gewinnen? Ja, natürlich kann sie.»

Conchita Martinez

«Es gibt in diesem Jahr wahrscheinlich niemanden, der sich gar keine Chancen auf den Sieg ausgerechnet hat. Es ist unglaublich, wie offen das Feld ist. Darum ist es auch nicht wirklich überraschend, dass es am Samstag eine neue Grand-Slam-Siegerin geben wird. Wieso nicht Timea Bacsinszky? Sie ist unheimlich talentiert, spielt mit viel Variation, unkonventionell. Ich mag es einfach, ihr zuzuschauen. Ihre Geschichte ist sehr inspirierend. Wenn sie hier gewinnt, wäre das sicher eine der schönsten Geschichten, die ich im Tennis erlebt habe. Allerdings habe ich das Gefühl, dass Kristina Mladenovic sich durchsetzt. Sie ist gut in Form, hat in diesem Jahr viele Spiele gewonnen und kaum Schwächen. Sie spielt gut Vorhand, Rückhand und auch am Netz. Sie ist eine komplette Spielerin. Dazu hat sie das Publikum im Rücken.»

Arantxa Sanchez

«Für mich steht es ausser Frage, dass Timea Bacsinszky die French Open gewinnen kann. Ich glaube aber auch, dass vor dem Turnier etwa 20 Spielerinnen dafür infrage gekommen sind. Es ist unglaublich, wie offen das Feld in diesem Jahr ist. Was mich stört, ist, dass man das nun als Schwäche des Frauentennis auslegt. Wäre es bei den Männern so ausgeglichen, würden alle darüber jubeln, das ist schade. Weil mit Garbine Muguruza und Carla Suarez Navarro die beiden letzten Spanierinnen schon ausgeschieden sind, habe ich keine persönliche Favoritin. Allerdings glaube ich, dass Kristina Mladenovic mit dem Publikum im Rücken einen kleinen Vorteil hat, das darf man nicht unterschätzen. Sie spielt gerne mit diesem Feuer. Beeindruckt hat mich aber auch Bacsinszky. So gesehen könnte dieser Viertelfinal auch ein Final sein.»

Anastasia Myskina

«An Bacsinszky beeindruckt mich vor allem ihr Kampfgeist. Sie gibt einfach nie auf. Dazu spielt sie unheimlich kreativ. Bei ihr weiss man wirklich nie, was als Nächstes passiert. Bacsinszky schlägt zwar nicht besonders hart, dafür ist sie schnell auf den Beinen. Dazu kommt ihre spezielle Geschichte, die sie mit Paris verbindet. Das Pariser Publikum ist gnadenlos, aber man merkt, dass es Timea ins Herz geschlossen hat. Ich glaube, dass das Spiel gegen Mladenovic eine sehr harte Prüfung für sie wird, denn es ist das erste Mal überhaupt, dass Bacsinszky das Publikum nicht auf ihrer Seite hat, das ist ungewohnt. Für mich ist die Siegerin dieses Viertelfinals Favorit auf den Titel. Ich bin sicher nicht die Einzige, die Timea diesen Sieg gönnen würde. Es wäre ein modernes Märchen mit einem Happy End.»

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