US Open
Timea Bacsinszky: «Das Wunderbare ist der Respekt, der an Olympia jeder für den anderen hat»

Die 27-jährige startete am Dienstag erfolgreich in die US Open. Doch eigentlich wäre sie viel lieber immer noch in Rio de Janeiro.

Petra Philippsen, New York
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Ein Traum wurde wahr: Timea Bacsinszky (li.) gewann mit Martina Hingis eine Olympia-Silbermedaille.

Ein Traum wurde wahr: Timea Bacsinszky (li.) gewann mit Martina Hingis eine Olympia-Silbermedaille.

Keystone

Im Eilverfahren hatte Timea Bacsinszky am Dienstag ihre erste Runde am US Open gegen die Russin Witalia Djatschenko mit 6:1 und 6:1 abgehakt. Und so blieb der Lausannerin offenbar noch sehr viel von ihrer Energie übrig, die dann in der folgenden Pressekonferenz geradezu episch aus ihr heraussprudelte. Das war verständlich, denn Bacsinszky steht immer noch ganz unter dem Eindruck ihrer Erfahrungen bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. «Ich fange gleich wieder an zu heulen», sagte sie, als die Schweizerin auf ihre Siegerehrung angesprochen wurde.

An der Seite von Martina Hingis hatte Bacsinszky die Silbermedaille im Doppel gewonnen. «Ich habe immer Olympia geschaut, aber nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich selbst einmal eine Medaille gewinnen würde», sagte Bacsinszky und ein paar Tränen kullerten über ihre Wangen. Doch nach diesen besonderen Erlebnissen in Rio fiel ihr die Rückkehr in die raue Realität der Tennis-Tour umso schwerer - und diesen harten Kontrast sieht Bacsinszky nun sehr kritisch.

«Dabeisein ist alles» lautet das Leitmotiv der Olympischen Spiele, doch das funktioniert in der leistungs- und konkurrenzorientierten Welt des Leistungssports natürlich nicht. Wer im Tennis-Alltag durchkommen will, braucht Ellbogen, Ehrgeiz und Egoismus. Bacsinszky hatte sich aber in der Olympia-Welt viel wohler gefühlt.

«Das Wunderbare ist der Respekt, der an Olympia jeder für den anderen hat», sagte sie, und das gelte nicht nur für die Begegnungen im olympischen Dorf: «Der Austausch unter den Athleten ist so natürlich, so menschlich. Hier spürte ich erstmals, dass es einem andere Sportler von Herzen gönnen können, wenn man etwas gewonnen hat. So sollte es doch immer sein.»

Doch davon seien die Tennisprofis weit entfernt, bei ihnen spüre Bacsinszky oft Neid und Missgunst, die man bei mancher Konkurrentin schon in den Augen erkennen könne. «Da denke ich oft: 'Hey Leute, kommt schon - ich habe euch gar nichts getan! Beruhigt euch mal!'», erzählte sie. Aber diese latente Aggressivität würde sich eben auch verbal bemerkbar machen und das stört Bacsinszky: «Wir reden im Tennis immer davon, was unsere Waffen sind - wir sind doch nicht im Krieg! Warum gebrauchen wir diese Vokabeln also?»

In Rio seien die Begegnungen mit anderen Athleten einfach friedlich und freundlich abgelaufen. Das traditionelle Tauschen von Pins sei dabei eine wunderbare Art, mit jedem locker ins Gespräch zu kommen. «So lernt man Menschen aus der ganzen Welt kennen», sagt Bacsinszky, «aus Ländern, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren. Wie Palau. Oder Tuvalu. Wo sind die auf der Weltkarte?

Dann wünscht man dem anderen viel Glück, verabschiedet sich und wird sich wahrscheinlich nie mehr sehen.» Aber diese einfachen, zwischenmenschlichen Kontakte, den offenen Umgang, würde sie sich auf der Tour wünschen. Doch es wird ein frommer Wunsch bleiben. Und so trägt Bacsinszky das Charisma von Rio nun mit sich, wie auch ihre Silbermedaille, die sicher verwahrt im Hotelsafe liegt. Seit den Spielen war die Nummer 15 der Welt noch nicht wieder Zuhause. Mit einem grossen Empfang bei ihrer Rückkehr nach Lausanne rechnet Bacsinszky eigentlich nicht mehr, doch sie würde gerne die Kinder in ihrer ehemaligen Schule in Belmont besuchen und ihnen ihre Medaille zeigen - und den Traum von Olympia mit ihnen teilen.