US Open

Zurück am Ort seines Durchbruchs: Stans Jahr wie im Zeitraffer

Will sich ins Turnier reinkämpfen: Stanislas Wawrinka vor dem US Open.keystone

Will sich ins Turnier reinkämpfen: Stanislas Wawrinka vor dem US Open.keystone

Vor einem Jahr schaffte Stan Wawrinka mit dem Halbfinaleinzug beim US Open seinen ersten Durchbruch. Jetzt startet er als Nummer 3 ins Turnier. Er weiss, dass er gut genug ist, jeden Gegner zu schlagen.

Es hatte sie glatt von den Sitzen gerissen, damals vor einem Jahr im Arthur-Ashe-Stadion in Flushing Meadows. 25 000 Fans waren aufgesprungen, sie johlten und klatschten und manche trampelten sogar wie verrückt mit den Füssen. Das Stadion war komplett aus dem Häuschen gewesen. Die Amerikaner feierten einen Schweizer Tennisspieler. Und dass das nicht Roger Federer, sondern Stan Wawrinka gewesen ist, machte diesen Moment umso besonderer. «So etwas habe ich noch nie erlebt», erinnert sich Wawrinka heute, «das war einfach unglaublich, diese Ovationen der Fans. Das vergisst man nicht.»

Vergessen wird er dieses Match vor zwölf Monaten auch nicht. Vier Stunden lang kämpfte Wawrinka, fünf Sätze lang. Bis dahin war es das Spiel seines Lebens gewesen. Er hatte den Weltranglistenersten Novak Djokovic am Rande der Niederlage. Am Ende gewann Wawrinka zwar exakt so viele Punkte wie der Serbe, verlor aber trotzdem. Wie ein Verlierer fühlte er sich jedoch nicht. Nicht nach den Ovationen, mit denen Wawrinka verabschiedet wurde. Wichtiger aber noch, es war sein erster Halbfinal bei einem Grand Slam. Ein erster Meilenstein, sein Durchbruch. Danach ging es für Wawrinka wochenlang nur bergauf, mit dem Sieg beim Australian Open als vorläufigem Höhepunkt. In New York soll beim letzten Grand-Slam-Turnier der Saison nun ein weiterer folgen.

Der schwer verkraftbare Höhenrausch

«Ich fühle mich physisch und auch tennismässig gut», sagte Wawrinka, «ich bin bereit, es kann losgehen.» Doch wer den 29 Jahre alten Lausanner in den Tagen vor dem US Open erlebte, der kann nur schwer übersehen, dass diese letzten zwölf Monate Spuren bei ihm hinterlassen haben. Sein Aufstieg verlief im Eiltempo, es war ein Jahr wie im Zeitraffer. Und vielleicht hätte er ein wenig Zeit gebraucht. Zeit, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Zeit, um den Höhenrausch für sich wirklich greifbar zu machen. Doch die hatte er nicht. «Es ging alles so superschnell», sagt Wawrinka, «jeden Monat kam etwas Neues, etwas immer Besseres. Ich hatte das so nicht erwartet. Trotzdem fühlt es sich an, als wäre es erst gestern gewesen.»

Der Halbfinal in New York, die Qualifikation für die Tour-Finals in London, der Sieg in Melbourne, danach sein erster Masters-Erfolg in Monte Carlo mit dem Triumph im Endspiel über Federer – für diese Momente hatte Wawrinka jahrelang hart gearbeitet, hatte sie sich sehnlich gewünscht. Und er hatte sie sich auch verdient. Doch die neuen Erwartungen, die grosse Aufmerksamkeit prasselten auf ihn ein, das brachte ihn im Frühjahr erst einmal aus dem Tritt.

«Dann werde ich besser und besser»

In Wimbledon fand Wawrinka wieder in die Spur, doch der ungünstige Spielplan nach den Regenfällen hatte die Mission für ihn zu einem Kraftakt gemacht, den er nicht mehr stemmen konnte. Im Viertelfinal unterlag er Federer. Doch Wawrinka schien sich wieder wohler auf dem Platz zu fühlen, er glaubte nach den schwierigen Wochen zuvor wieder mehr an sich. In New York zählt er nun auch zu den Favoriten. Er selbst würde das trotzdem nie so sagen. Wawrinka ist immer noch der schüchterne, nette Kerl und kein Lautsprecher. Er formuliert keine Ansprüche, will lieber mit seinem Spiel überzeugen.

Aber er weiss, dass er gut genug ist, um jeden Gegner schlagen zu können. Es muss nur alles zusammenpassen. Die erste Runde gegen den jungen Tschechen Jiri Vasely, einen Linkshänder, wird ein erster Gradmesser sein, den der Weltranglistenvierte aber überstehen sollte. «Ich bin sicher, dass ich in der ersten Runde sicher nicht mein bestes Tennis spielen kann», meinte der Schweizer, «ich muss mich reinspielen ins Turnier, und dann werde ich besser und besser.» Im Viertelfinale könnte Shootingstar Milos Raonic warten, im Halbfinal erneut Djokovic. Für Wawrinka würde sich der Kreis schliessen.

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