Tennis
Wegen Nationenwechsel: Rebeka Masarova (18) wird nicht die nächste grosse Schweizer Erfolgsgeschichte

Hagelkörner schlagen auf dem Asphalt auf, es stürmt, dunkle Wolken hängen über Basel. Das Bild, aufgenommen durch das Fenster einer Arztpraxis an der Schifflände – es könnte nicht besser zur Urheberin passen: das 18-jährige Tennistalent Rebeka Masarova.

Simon Häring
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Seit Oktober hat Rebeka Masarova kein Turnier mehr bestritten.

Seit Oktober hat Rebeka Masarova kein Turnier mehr bestritten.

Urs Lindt/freshfocus

Hier praktiziert ihr Vater, der gebürtige Slowake Peter Masar, Facharzt für innere Medizin. Seine Patientin: die jüngste Tochter. Sie war im Januar im Training auf einem nassen Platz ausgerutscht, hatte sich dabei am linken Knie verletzt und musste sich operieren lassen. Es dauere Monate, bis sie sich erholt habe.

Wie Hingis und Bencic

Sie habe es genossen, andere Dinge zu tun. «Aber nichts schlägt das Gefühl, das ich habe, wenn ich auf dem Platz stehe.» Wenn sie um Punkte und Siege kämpfe. Wie an jenem Sonntag, 5. Juni 2016, in Paris, als sie als erst dritte Schweizerin nach Martina Hingis und Belinda Bencic das Junioren-Turnier der French Open gewann.

Rebeka Masarova (r.) mit Mutter und Trainerin Marivi.Keystone

Rebeka Masarova (r.) mit Mutter und Trainerin Marivi.Keystone

KEYSTONE

Rebeka Masarova, 1,86 Meter gross, die Haare rot gefärbt, das Spiel kraftvoll, athletisch, ist ein Rohdiamant. «Selten habe ich eine so gute Verbindung aus Grösse, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Ballgefühl, Fleiss und Wille gesehen wie bei ihr», sagte Heinz Günthardt damals. Er war 1976 der Erste von sieben Schweizern, die bei einem Junioren-Grand-Slam-Turnier triumphierten. Vier von ihnen, Hingis, Federer, Wawrinka und Günthardt im Doppel, schafften das danach auch auf der Profi-Tour.

Mit Federer im Wohnzimmer

Masarovas Weg scheint vorbestimmt. Einen Monat später besiegt sie beim WTA-Debüt in Gstaad drei Spielerinnen aus den Top 100, darunter die ehemalige Nummer 1 der Welt, Jelena Jankovic, und erreicht die Halbfinals.

Sie erzählt die Geschichte, wie sie zum Tennis gekommen ist: «Es war ein regnerischer Tag, mein Vater sagte: Lass uns Fernsehen, da spielt ein Schweizer im Wimbledon-Final.» Es war im Juli 2003, ein Sonntag, und Roger Federer gewann sein erstes Major-Turnier. «Als er danach die Trophäe hochhielt, sagte ich: Ja, das will ich auch machen.»

Martina Hingis: Mit nur 12 Jahren gewinnt sie 1993 in Paris, im Jahr darauf verteidigt sie den Titel und siegt auch in Wimbledon. Mit 16 Jahren und 3 Monaten wird sie die jüngste Nummer 1 der Geschichte. Zwischen 1997 und 2017 gewinnt Hingis 25 Grand-Slam-Turniere: 5 im Einzel (3-mal Australian Open, je einmal Wimbledon und US Open), 13 im Doppel, 7 im gemischten Doppel.
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Roger Federer: 1998 gewinnt der Baselbieter in Wimbledon im Einzel und im Doppel, doch das Champions Dinner lässt er aus. Er wird mit einer Wildcard in Gstaad belohnt. Er holt Verpasstes fünf Jahre später nach: 2003 gewinnt er erstmals in Wimbledon. Er hat 20 Grand-Slam-Titel gewonnen, 97 Titel insgesamt. Während 309 Wochen führt Federer die Weltrangliste an.
Stan Wawrinka: Als der Romand 2003 die French Open der Junioren gewinnt, spielt er längst bei den Profis. Weil er im Winter in Castelldefels bei Barcelona trainiert, ist er in der Schweiz nur wenigen ein Begriff. Schnell etabliert sich Wawrinka in der erweiterten Weltspitze. Seine beste Zeit erlebt er ab 28: drei Grand-Slam-Titel bei drei verschiedenen Turnieren.
Belinda Bencic: Wie Martina Hingis 21 Jahre zuvor gewinnt Bencic erst in Paris und danach auch noch in Wimbledon. Den Wechsel von den Junioren zu den Profis vollzieht Bencic mühelos. Mit 17 steht sie bei den US Open in den Viertelfinals. Mit 18 gewinnt sie ihren ersten Titel. Mit 19 stösst sie auf Rang 7 der Weltrangliste vor. Seither stagniert ihre Karriere allerdings.
Heinz Günthardt: 1976 gewinnt der Zürcher sowohl in Roland Garros als auch in Wimbledon. Er schafft es im Einzel bis auf Rang 22 und gewinnt fünf Titel. Im Doppel ist er gar einmal die Nummer 3 der Welt und akkumuliert 30 Titel. 1981 triumphiert er im Doppel bei den French Open, vier Jahre später in Wimbledon. Später macht er sich als Trainer von Steffi Graf einen Namen.
Roman Valent: An seinem 18. Geburtstag, am 8. Juli 2001, gewinnt der Zürcher in Wimbledon. Sein höchstes Ranking erreicht er mit Platz 300. Immer wieder setzen ihm Krankheiten und Verletzungen zu. Erst 2012 tritt er mit einem Knorpelschaden im Knie zurück. Die Anlage von Wimbledon hat er nie wieder betreten. Heute leitet Roman Valent eine Tennisakademie.

Martina Hingis: Mit nur 12 Jahren gewinnt sie 1993 in Paris, im Jahr darauf verteidigt sie den Titel und siegt auch in Wimbledon. Mit 16 Jahren und 3 Monaten wird sie die jüngste Nummer 1 der Geschichte. Zwischen 1997 und 2017 gewinnt Hingis 25 Grand-Slam-Turniere: 5 im Einzel (3-mal Australian Open, je einmal Wimbledon und US Open), 13 im Doppel, 7 im gemischten Doppel.

Keystone

Interesse der Öffentlichkeit wuchs

Es ist der Stoff grosser Geschichten. Mit jedem Erfolg wächst das Interesse der Öffentlichkeit. Sie will wissen, wer dieses Talent ist, das im gleichen Klub trainiert wie früher Federer. Je vollständiger das Bild wird, desto schwerer fällt es, zu verstehen, wie Masarova überhaupt so weit kommen konnte.

Trainierte sie in Basel, spielte sie stundenlang gegen die Ballwand. Zwar hatte sie ab und an Trainingspartner, doch meist stand eine der Schwestern auf der anderen Seite. Diese spielen aber nicht auf hohem Niveau Tennis.

Per SMS den Nationenwechsel mitgeteilt

Es versteht sich von selbst, dass das kritische Fragen nach sich zieht. Zum Beispiel jene, ob Mutter Marivi, die nicht Tennis spielt, die richtige Trainerin ist. Wer sie an die Familie herantrug, stiess auf Ablehnung und Misstrauen, auch der Schweizer Tennisverband.

Statt sich auf einen Dialog einzulassen, entzieht sich die Familie. Ende Dezember 2017 setzt Mutter Marivi Fed-Cup-Captain Heinz Günthardt mit einem SMS in Kenntnis, dass Rebeka künftig für Spanien spielen werde.

Fedcup-Teamcaptain Heinz Günthardt bekam Rebeka Masarovas Nationenwechsel per SMS mitgeteilt.

Fedcup-Teamcaptain Heinz Günthardt bekam Rebeka Masarovas Nationenwechsel per SMS mitgeteilt.

KEYSTONE/MARTIAL TREZZINI

Letztes Turnier im Oktober

Zumindest fraglich ist, ob Masarova diesen Weg selbst gewählt hat. Wenige Tage zuvor hatte sie noch bei Swiss Tennis trainiert, ohne Mutter. Dem Vernehmen nach war sie in Biel bei einer Freundin untergekommen, bis sie von den Eltern abgeholt wurde.

Kurz darauf folgte der Antrag auf Nationenwechsel, den Swiss Tennis nicht hinnehmen wollte. Ende April einigte man sich: Masarova unterstützt die «Kids Tennis High School» finanziell, Swiss Tennis zog den Rekurs zurück.

Rebeka Masarova, noch die Nummer 490 der Welt, bestritt im Oktober 2017 in San Cugat letztmals ein Turnier. Im August wird sie 19 Jahre alt. Noch immer kann die Baslerin mit den drei Pässen eine schöne Karriere machen. Die nächste grosse Geschichte im Schweizer Tennis aber – das wird sie nicht.

Eine schöne Tenniskarriere ist für Rebeka Masarova möglich. Aber sie wird nicht die nächste grosse Erfolgsgeschichte im Schweizer Tennis.

Eine schöne Tenniskarriere ist für Rebeka Masarova möglich. Aber sie wird nicht die nächste grosse Erfolgsgeschichte im Schweizer Tennis.

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

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