Tennis

Wawrinka kann der beste Tennisspieler der Welt sein – wenn er will

Zeigfinger an der Stirn: Stan Wawrinkas Markenzeichen.

Zeigfinger an der Stirn: Stan Wawrinkas Markenzeichen.

Bei kaum einem Spieler hängt die Leistung in einem solchen Mass von der mentalen Verfassung ab, wie bei US-Open-Sieger Stan Wawrinka. So tickt «Stan the man»

Stan Wawrinka ist – etwas salopp ausgedrückt – eine Art Kinderüberraschungs-Ei. Der Mantel ist verlockend süss und schokoladig. Der Inhalt kann begeisternd sein und Glücksgefühle auslösen. Er kann aber auch masslos enttäuschen, den Konsumenten gleichermassen ratlos wie wütend zurücklassen. Man weiss wirklich nie genau, was man erhält, wenn man mal in die Schoko-Hülle gebissen hat.

Mitunter beschleicht den Beobachter das Gefühl, dass der Romand an seiner Unberechenbarkeit bisweilen selber zu verzweifeln droht. Am US Open wäre er in der 3. Runde um ein Haar gegen den britischen Nobody Daniel Evans ausgeschieden. Nach einer durch und durch liederlichen Darbietung, die mehr Fragen aufwarf als Zuversicht vermittelte. Doch acht Tage später war «Stan the man» der grosse Triumphator und durfte seinen dritten Grand-Slam-Siegerpokal entgegennehmen. Genau so funktioniert er, der wawrinkasche Mikrokosmos.

Wenn Stan Wawrinka will, dann kann er der beste Tennisspieler der Welt sein. Es gibt kaum einen anderen Spieler auf der ATP-Tour, dessen Leistung in einem ähnlichen Mass von seiner mentalen Verfassung abhängt. Wenn im «Oberstübchen» des ehemaligen Rudolf-Steiner-Schülers alles passt, dann gibt es kein Halten mehr. Wenn der 31-Jährige nach wichtigen Punktgewinnen den Zeigefinger ausfährt und sich damit an die Stirn tippt, dann bedeutet das für den Gegner in der Regel nichts Gutes. Dann hämmert Wawrinka die Bälle mit ungeheurer Wucht und Präzision in die Spielfeldecken, dann kämpft er wie ein Besessener um jeden Punkt. Dann wird aus dem Zweifler, der auf der grossen Tennis-Bühne hadert, ein Rock ’n’ Roller, der allen die Show stiehlt und eine rauschende Party auf dem Court feiert. Nicht mit Eleganz, sondern mit purem Willen, Kraft und wahnsinnigem Ehrgeiz. Eigenschaften, an denen auch die stärksten Gegner wie Novak Djokovic letztlich zerbrechen.

Ein inniger Moment: Die Umarmung mit Freundin Donna Vekic.

Ein inniger Moment: Die Umarmung mit Freundin Donna Vekic.

Der makellose Freund

Damit unterscheidet er sich auch massgeblich von seinem Landsmann und Freund Roger Federer. Der Überspieler des neuen Jahrtausends verkörpert Perfektion, Eleganz und Erfolg. Einem klassischen Orchester gleich ist alles minuziös geplant, alles funktioniert in wunderbarer Harmonie. Die Grossfamilie ist intakt, das Werbeportfolio umfangreich, das Image makellos. Selbst wenn Federer seit seinem Triumph in Wimbledon 2013 auf einen Grand-Slam-Titel wartet. Wawrinka, auf der anderen Seite, ist alles andere als glamourös. Er, der in der Öffentlichkeit oft sehr schüchtern und zurückhaltend wirkt, war sportlich in den letzten Jahren erfolgreicher als Federer, hat aber bei weitem nicht dieselbe Strahlkraft wie der Maestro.

Stan Wawrinka ist kein Star, den die Öffentlichkeit einfach so in die Arme schliessen kann. Dazu hat er zu viele Ecken und Kanten. Seine Entscheidung, erst vier Tage vor dem Auftakt zu den Olympischen Spielen in Rio verletzungsbedingt Forfait zu geben, war beispielsweise erstaunlich und stiess einige Vertreter der Schweizer Delegation vor den Kopf. Dazu rumorte es auch im Privatleben, das ihm extrem heilig ist. Die Trennung von seiner Frau Ilham, mit der er eine gemeinsame Tochter (Alexia, 6 Jahre) hat, half seinem öffentlichen Ansehen jedoch ebenso wenig wie seine neue, um elf Jahre jüngere Freundin Donna Vekic, eine kroatische Tennisspielerin. Erst nach dem gewonnenen Final in New York konnte man den ersten öffentlichen Kuss der beiden beobachten. Zuvor existierte die Beziehung eigentlich nur in den sozialen Medien. Auf Snapchat veröffentlichten die beiden regelmässig lustige Bilder ihrer Partner – mehr wurde nicht preisgegeben.

Am liebsten zieht sich Stan Wawrinka zu Hause in Lausanne in seine eigenen vier Wände zurück. Das wird er nach seinem Triumph am US Open wieder tun und Kraft tanken für die nächsten grossen Aufgaben. Von den Grand-SlamTiteln fehlt ihm nur noch Wimbledon. Dieser Turniersieg wäre die Krönung aller Überraschungsei-Geschenke.

Wawrinka lässt sich nach seinem 3. Major-Triumph in seiner Box feiern.

Wawrinka lässt sich nach seinem 3. Major-Triumph in seiner Box feiern.

 

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