Erst gegen 03.00 Uhr stösst Roger Federer mit Freunden in einer Bar auf seinen Sieg an, im Gepäck den Norman Brooks Challenge Cup, zuvor musste er auch noch zum Dopingtest. «Es ist unglaublich, wie lange alles dauert und wie viele Dinge es zu erledigen gibt», sagt der Baselbieter vor dem Government House in Melbourne.

Nur drei Stunden hat er geschlafen. «Ich bin einfach nur müde und habe wenig geschlafen. Aber es war ein schöner Abend, weg vom Rampenlicht. Nur mit Freunden und Familie.» Es sei ein entspannter Abend gewesen.

Erst im Morgengrauen kehrt Federer ins Hotel zurück. «Die Kinder schliefen noch. Ich war beiden Mädchen, um zu schauen, ob sie zugedeckt sind. Dann sind sie aufgewacht und aufgesprungen und haben mich gefragt: Hast du gewonnen? Sie haben sich mega für mich gefreut. Wir haben dann noch ein Foto gemacht. Zum Glück gingen sie danach wieder schlafen», erzählt Federer.

Zum Fototermin erscheint er nach nur zwei Stunden Schlaf wieder alleine – mit belegter Stimme zwar, aber doch erstaunlich frisch. 

Der Anruf von Bundesrat Berset

Schon am Abend des Sieges hatte er gesagt, er werde wohl mehr Zeit benötigen, um zu realisieren, was er erreicht habe. «Zwanzig. Diese Zahl war nicht vorstellbar. Es ist surreal und mit wahnsinnig vielen Emotionen verbunden.»

Noch in den langen Gängen der Rod Laver Arena griff Federer zum Telefon, am anderen Ende der Leitung: Bundespräsident Alain Berset, einer der ersten Gratulanten. Aber nur einer von vielen. «Schon in der Vergangenheit habe ich oft viele Nachrichten erhalten.

Aber diesmal hatte ich das Gefühl, dass es doppelt so viele sind. Das macht mich einfach nur sprachlos. Meine Freunde und Bekannte freuen sich unheimlich mit mir», sagte Federer.

Es seien so viele Menschen, die ihn in all diesen Jahren begleitet hätten. «Sie wissen, dass es nicht einfacher wird, zu gewinnen.» Denn es hat sich so viel verändert in meinem Leben. Aber eines ist gleich geblieben: Meine Siege sind das Resultat von harter Arbeit, Hingabe und Leidenschaft.» Oft gehe das vergessen. 

Ergriffenheit, Angst, Erlösung

Einen Moment lang vermischt sich Rührung und Ergriffenheit mit Angst. Tränen sind immer wieder geflossen, aber nicht im letzten Jahr, das von der Dramaturgie her doch so viel emotionaler gewesen war. Selten hatte Roger Federer so sehr mit seinen Gefühlen zu kämpfen. «Ich liebe euch», brachte er noch über die Lippen, dann versagte ihm die Stimme und es flossen die Tränen. Minutenlang.

Die Worte, auf die Millionen Anhänger warteten, verzichtete er. Jene, mit denen er versprach, auch im nächsten Jahr wieder bei den Australian Open zu spielen. Doch Federer denkt nicht an Rücktritt: er hatte schlichtweg vergessen, die unausgesprochene Frage, die wie ein Damoklesschwert über ihm schwebt, zu beantworten.

Stunden später holt der 36-Jährige das nach. «Mir ist so viel durch den Kopf gegangen. Für mich war es eine grosse Erlösung. Ich wollte einfach Danke sagen. Ich weiss, dass ich es vergessen habe, aber natürlich hoffe ich, zurückzukommen.» Doch eine Garantie gibt es nicht.

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