Tennis
Warum Federer bis Wimbledon Sand im Getriebe haben wird

Die Rückhand, die Psyche und die Taktik. Lesen Sie hier, warum Roger Federer erst in Wimbledon ein ernsthafter Kandidat für einen Grand Slam Triumph sein wird.

Vasilije Mustur
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Für Roger Federer fällt in diesem Jahr die Bilanz bislang bescheiden aus. Halbfinal-Out an den Australian Open und Rafael Nadal bleibt bis Wimbledon die unangefochtene Nummer eins im Welttennis. Damit nicht genug: Der Schweizer hat den zweiten Weltranglistenplatz an den Serben Novak Djokovic verloren.

Entspannung ist nicht in Sicht, weil die Sandplatzsaison nicht zu den Stärken des Baselbieters gehört. Derweil sind im Wesentlichen vier Gründe für die Baisse des Schweizers verantwortlich:

1. Die Rückhand - seine Achillesferse

Während seinem Karrierehöhepunkt zwischen 2004 bis 2006 dominierte Federer die Konkurrenz nach Belieben - trotz seiner Rückhand. Immer wieder streute der Schweizer an den Majors seine Slice Bälle ein, mit denen die Gegner nichts anfangen konnten. Der Grund: Mit den Flatterbällen konnte der 16-fache Grand-Slam-Champion die harten Schläge seiner Konkurrenten entschärfen und sich in den Ballwechsel zurückkämpfen. Dies frustrierte Roddick, Nadal und Djokovic so sehr, dass diese unerzwungene Fehler begingen und Federer die hartumkämpften Partien doch noch für sich entscheiden konnte.

Inzwischen haben Nadal und Djokovic erkannt: Wenn Federer auf der Rückhandseite mit Schlägen eingedeckt wird, dann ist der Schweizer nur noch halb so gefährlich. Federer gelingt es zudem nicht, mit einem Rückhand-Ball der Linie entlang sich aus der Umklammerung zu befreien und seinerseits die Gegner unter Druck zu setzen. In Zeiten, in denen der Rückhand-Longline-Ball im Männertennis zunehmend wichtiger wird, ein erheblicher Nachteil.

Das sind die 19 Grand Slam Titel von Roger Federer: 1) Der Anfang einer Ära. Roger Federer gewinnt in Wimbledon 2003 den Final gegen Mark Philippousis mit 7:6 (7:5), 6:2, 7:6 (7:3).
19 Bilder
 2) Federer holt sich seinen ersten Titel 2004 in Australien gegen Marat Safin (Russland) mit 7:6 (7:3), 6:4, 6:2.
 3) 2004 verteidigt Federer den Wimbledon-Titel gegen den US-Amerikaner Andy Roddick mit 4:6, 7:5, 7:6 (7:3), 6:4.
 4) US Open 2004: Roger Federer spielt im Final gegen Hewitt wie entfesselt, gewinnt mit 6:0, 7:6 (7:3), 6:0 und holt sich so hier den ersten Titel.
 5) Federer gewinnt 2005 seinen dritten Wimbledon-Titel. Sein Opfer Andy Roddick: 6:2, 7:6 (7:2), 6:4.
 6) 2005 triumphiert Federer über die Tennislegende Andre Agassi mit 6:3, 2:6, 7:6 (7:1), 6:1 und sichert sich seinen zweiten US-Open-Titel.
 7) Nach harten Kampf gewinnt Federer 2006 gegen Marcos Baghdatis (Zypern) die Australian Open zum zweiten Mal mit 5:7, 7:5, 6:0, 6:2.
 8) 2006 gewinnt Federer in Wimbledon gegen Rafael Nadal mit 6:0, 7:6 (7:5), 6:7 (2:7), 6:3.
 9) 2006 holt Federer den dritten US-Open-Titel in Serie. Andy Roddick muss sich mit 6:2, 4:6, 7:5, 6:1 geschlagen geben.
 10) Federer gewinnt die Australian Open 2007 zum dritten Mal. Er besiegt Fernando Gonzales (Chile) 7:6 (7:2), 6:4, 6:4.
 11) Fünfter Wimbledon-Titel in Serie im Jahr 2007. Der Gegner: Rafael Nadal. Das Resultat: 7:6 (9:7), 4:6, 7:6 (7:3), 2:6, 6:2.
 12) Novak Djokovic (Serbien) war der bessere Spieler. Dennoch gewinnt Federer die US Open 2007 mit 7:6, 7:6 und 6:4. Es ist sein vierter Titel an den US Open.
 13) Nach einer schwierigen Saison holt sich Federer im Final der US Open 2008 den Titel gegen den Schotten Andy Murray mit 6:2, 7:5, 6:2.
 14) Endlich! Roger Federer gewinnt 2009 gegen den Schweden Robin Söderling die French Open mit 6:1, 7:6 (7:1), 6:4.
 15) Federer gewinnt 2009 seinen sechsten Wimbledon-Titel gegen Andy Roddick mit 5:7, 7:6 (8:6), 7:6 (7:5), 3:6 und 16:14.
 16) Federer gewinnt das Australian Open 2010 in Melbourne gegen Andy Murray mit 6:3, 6:4, 7:6 (13:11).
 17) Wimbledon 2012: Federer holt sich zum siebten Mal den Titel – Sieg gegen Andy Murray mit 4:6, 7:5, 6:3, 6:4.
 18) Australian Open 2017: Nach einer langen Durststrecke holt sich Roger Federer wieder einen Grand-Slam-Titel. Sieg gegen Rafael Nadal mit 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3. Es ist sein siebter Titel am Australian Open.
 19) Wimbledon 2017: Ohne Satzverlust rauscht Roger Federer in den Final und lässt dort auch Marin Cilic keine Chance. 6:3, 6:1, 6:4 lautet das klare Verdikt. Es ist zugleich Federers achter Titel in Wimbledon - Rekord.

Das sind die 19 Grand Slam Titel von Roger Federer: 1) Der Anfang einer Ära. Roger Federer gewinnt in Wimbledon 2003 den Final gegen Mark Philippousis mit 7:6 (7:5), 6:2, 7:6 (7:3).

2. Die Psychologie

Bei keinem Sport sind die Psyche und das Selbstvertrauen so wichtig wie im Tennis. Neben dem Aufschlag und seiner Vorhandpeitsche hatte Federer in diesem Bereich die Vorreiterrolle inne. So stand Federer in den Halbfinals der French Open 2007 gegen Nikolay Davidenko, im Final der US Open des gleichen Jahres, in den Halbfinals von Roland Garros 2009 gegen Joan Martin Del Potro und im Final von Wimbledon 2009 gegen Andy Roddick jeweils am Rande der Niederlage.

In der entscheidenden Phase der Partie flatterten jedoch bei Federers Gegnern die Nerven. Sie wussten: Der Schweizer macht in den wichtigen Spielsituationen keine Fehler. Deshalb versuchten sie ihr Glück mit der Brechstange. Die Folge: Der Baselbieter konnte von seinem Nimbus des «Unbezwingbaren» profitieren und das Match wenden.

Damit ist jetzt Schluss: Die Konkurrenz spürt seit Federers Finalniederlage 2008 in Wimbledon, dass der zweifache Vater schlagbar ist und tritt mit grösserem Selbstbewusstsein auf. Sogar bei Matchball Federer - wie in den Halbfinals der US Open 2010 gegen Djokovic - gibt der Gegner nicht auf und schafft in Einzelfällen die Wende.

3. Kondition

Neben dem gesteigerten Selbstbewusstsein muss sich Roger Federer mit folgendem Problem auseinandersetzen: Die Jahre des Erfolges gingen nicht spurlos an seinem Körper vorüber. Federer ist in die Jahre gekommen.

Zugegeben: Der Schweizer hält im Normalfall mittelmässige Spieler in Schach. Allerdings machen Djokovic und Nadal im Vergleich zu Federer einen fitteren Eindruck. Einerseits hat dies mit dem Alter von Roger Federer zu tun. Er wird 30. Andererseits befinden sich Nadal und Djokovic in konditionell hervorragender Verfassung - und dies macht dem 16-fachen Grand Slam Sieger zu schaffen.

In der Vergangenheit operierte Federer mit platzierten Schlägen und machte so früher oder später den Punkt. Heute graben Nadal und auch Djokovic die meisten Vorhandschläge Federers mit einer beeindruckenden Leichtigkeit aus. Das macht es für Federer schwieriger einfache Punkte zu buchen.

4. Die Taktik

Im Wissen der hervorragenden konditionellen Verfassung der Gegner hat Roger Federer ein neues Spielsystem implementiert. Der beste Spieler der Geschichte nimmt die Bälle früher und lässt keine Gelegenheit aus, ans Netz zu stürmen. Mit dieser Taktik will Federer langen Ballwechseln aus dem Weg gehen und so selbst über Sieg und Niederlage entscheiden. Die Folge: Die Fehlerquote beim Schweizer ist dramatisch angestiegen.

Fazit: Die Probleme von Federer werden bis Wimbledon anhalten, weil auf Sand die Punkte nicht mit harten Schlägen zu gewinnen sind. Selbst wenn Federer am Santurnier in Madrid gut spielen sollte, ist dies kein Indiz für gute French Open. In Madrid wird das Turnier in höheren Lagen ausgetragen. Das Resultat: Der Platz wird schneller, was Federer entgegenkommt. In Paris wird Federer jedoch langsamere Bedingungen vorfinden.$

Auf Asche ist Geduld und Kondition gefragt. Somit wird Federer mit seiner Taktik erst auf dem heiligen Rasen von Wimbledon ein ernsthafter Kandidat für einen Grand Slam Titel.