Swiss Indoors
Von der Hölle ins Paradies – Roger Federers Geschichte über Einsamkeit und Isolation

Um sein Glück zu finden, musste Roger Federer in die Fremde. Eine Geschichte über Einsamkeit und Isolation

Simon Häring
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Sportreporter Beat Casper schoss dieses Foto von Roger Federer in seinem Jugendzimmer. An der Wand: ein Poster von Pamela Anderson.

Sportreporter Beat Casper schoss dieses Foto von Roger Federer in seinem Jugendzimmer. An der Wand: ein Poster von Pamela Anderson.

Martin Toengi

Es gibt diese eine Anekdote, die Roger Federer gerne erzählt. Sie geht so: «Es hatte einen neuen Vorhang im Tenniszentrum. Sie sagten, wer den zerstöre, müsse eine Woche lang die Toilette putzen. Zehn Minuten später wirbelte ich meinen Schläger wie einen Helikopter. Er zerschnitt den Vorhang wie ein Messer die Butter.»

Es ist eine Geschichte, welche die Zeit romantisiert, die er in der Westschweiz verbringt. Getrennt von Freunden und Familie. Weit weg von Basel. Er weint viel, oft heimlich. «Diese Monate waren die Hölle», sagt Mutter Lynette. «Heute sagt er immer wieder, dass es das wert war.»

Die «Hölle» der Fremde hat Roger Federer zum siebenfachen Sieger in der Heimat geformt, in seinem Paradies, bei den Swiss Indoors, die am Montag beginnen. Vier Menschen erzählen etwas über seinen Weg an die Spitze:

«Er fehlte oft und war nicht gut integriert»

Philippe Vacheron Sekundarlehrer

Ein schmuckloser Betonbau an der Avenue de la Concorde in Chavannes-près-Renens, einer Gemeinde in der Waadt. Hier, im Collège de La Planta, geht zwischen 1995 und 1997 Roger Federer zur Schule. «Keine einfache Zeit für ihn», erinnert sich Philippe Vacheron, damals Nachhilfelehrer. Auch von Federer, der nachmittags in Ecublens Tennis spielt.

Heute kaum zu glauben: Roger Federer fehlt oft in der Schule und war nicht gut integriert.    

Heute kaum zu glauben: Roger Federer fehlt oft in der Schule und war nicht gut integriert.    

Andy Wong

«Er war nicht gut integriert, weil er kaum Französisch sprach und oft fehlte.» Auch darum habe Federer oft sehr emotional reagiert. «Er hatte diese verrückte Seite an sich. Plötzlich schrie er laut in der Klasse: ‹Monsieur Vacheron! Was bedeutet das?› Immer, wenn er etwas nicht verstanden hatte. Andere hätten das nicht akzeptiert, aber ich fand es erfrischend.»

Wenn es um Mädchen ging, war Federer weniger forsch. Schüchtern? «Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen», sagt Vacheron. Meist habe Federer aber ohnehin nur Tennis im Kopf gehabt.

Einmal sei er mit ihm auf dem Platz gestanden – Vacheron war chancenlos. Eindruck hat Federer aber auch als Mensch hinterlassen. «Ich hätte mich auch an ihn erinnert, wenn er
es nicht geschafft hätte», erzählt er.

«Machmal musste ich ihn 20 Mal wecken»

Cornelia Christinet Gastmutter

Idyllisch gelegen, zwischen Bäumen, Wiesen und nur wenige Meter vom Ufer des Lac Léman entfernt, steht das Haus der Familie Christinet. Zwei der drei Kinder sind schon ausgezogen, nur der Jüngste, Vincent, wohnt noch zu Hause.

Während zweier Jahre ist es auch das Zuhause von Roger Federer. Sein Glück ist, dass die Gastmutter in der Deutschschweiz aufwuchs. Trotzdem telefoniert er anfangs täglich eine Stunde mit seiner Mutter Lynette.

Manchmal musste Roger Federers Gastmutter ihn 20 Mal wecken.

Manchmal musste Roger Federers Gastmutter ihn 20 Mal wecken.

KEYSTONE/AP/ANDY WONG

«Er brauchte seine Zeit, um sich an uns zu gewöhnen», sagt Cornelia Christinet. Seine Tränen bekommt sie nicht mit. «Wenn er weinte, war er still für sich im Zimmer», sagte sie in Buch «Das Tennisgenie».

Morgens kommt er kaum aus den Federn. «Manchmal musste ich Roger 20 Mal wecken», sagt sie.In Erinnerung geblieben ist ihr der Appetit des Teenagers. Unmengen an Cornflakes habe er gegessen. «Jede Stunde kam er runter und holte sich einen Kübel, voll mit Milch.» Fleisch mochte Federer nicht, dafür Pizza.

Über seine Eltern ist sie voll des Lobes. «Sie haben ihn nie zu etwas gedrängt. Er selber war es, der nach ganz oben wollte. Wir hatten eine tolle Zeit mit ihm. Er war so einfach im Umgang.»

«Beim Lernen fehlte ihm die Disziplin»

Annemarie Rüegg Schulkoordinatorin

Als er im März 1995 den Aufnahmetest für das nationale Leistungszentrum in Ecublens schafft, eilt Roger Federer sein Ruf bereits voraus. Daran nicht ganz unschuldig ist sein Vater Robert.

«Roger ist nicht der Fleissigste in der Schule», sagt dieser vor dem Umzug in die Romandie zur «Basler Zeitung». «Aber dank individueller Betreuung und dank der Kontaktperson Annemarie Rüegg sollte es keine grossen Probleme geben.»

Doch am impulsiven Baselbieter beisst sich auch die einst beste Schweizer Tennisspielerin regelmässig die Zähne aus. «Vieles in der Schule hat ihn nicht interessiert», sagt Rüegg. Es kommt sogar vor, dass Federer im Unterricht einschläft.

«Dann kam der Anruf der Schule, dieser Federer müsse besser mitmachen. Aber er hatte keinerlei Ambitionen. Ihm fehlte beim Lernen die Disziplin. Man musste ihm immer wieder sagen: ‹Das gehört einfach dazu, das musst du jetzt machen.›»

Doch Federer habe immer nur ein Ziel gehabt: Tennisprofi zu werden. Rüegg, bei Swiss Tennis für «Schule und Soziales» verantwortlich, sagt aber: «Er hat nie gejammert.» Dass er Heimweh hatte, erfuhr Rüegg von Federers Mutter.

«Roger heulte wie ein Schlosshund»

Madeleine Bärlocher Jugendtrainerin

Wenn die Tage kürzer werden, der Wind das Laub von den Bäumen weht und die Swiss Indoors wieder vor der Tür stehen, rückt auch sie wieder ins Zentrum des Interesses: Madeleine Bärlocher.

In den 80er-Jahren ist sie bei den Old Boys für die Junioren verantwortlich, als Roger Federer am St. Galler Ring 225 im Bachletten-Quartier seine Liebe zum Tennis entdeckt. «Einen Paradeschlag hatte er nicht, aber ein Händchen für unglaubliche Punkte.»

Federer sei immer anständig gewesen. «Bei mir durfte er aber auch kein Racket werfen.» Aber nicht immer sei «Rogi» einfach gewesen: «Im Interclub liess ich ihn einmal nur Doppel spielen. Da war er richtig wütend auf mich. Und als er einmal verloren hatte, setzte er sich unter den Schiedsrichter-Stuhl und heulte wie ein Schlosshund.»

Seine Flegeljahre beginnen aber erst, als er das Glück in der Fremde sucht, sagt Bärlocher. «Am Anfang ist ihm alles viel zu leicht gefallen. Er ist zu steil nach oben gekommen. Als er dann stagniert hat, wusste er nicht, warum. Das hat ihm nicht gepasst.» Er musste mehr machen. Federer hat mehr gemacht. Mehr als viele denken.

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