Tennis

Viele Chancen wird «King Roger» nicht mehr erhalten

Roger Federer will diesen Moment noch einmal erleben.

Roger Federer will diesen Moment noch einmal erleben.

Sieben Mal hat Roger Federer schon in Wimbledon gewonnen. Nun träumt er noch einmal vom Titel.

Ein kleiner Knirps sitzt im Basler Vorort Münchenstein stundenlang zu Hause vor dem Fernseher und schaut einem Deutschen bei der Arbeit zu. Boris Becker heisst der junge Mann, der den knapp vierjährigen Buben in seinen Bann zieht. Mit 17 Jahren triumphiert Becker in Wimbledon und Roger Federer entdeckt über ihn seine grosse Liebe – Wimbledon.

Becker zieht den kleinen Roger in seinen Bann, ebenso wie das altehrwürdige Turnier an der Church Road im All England Lawn Tennis & Croquet Club zu Wimbledon. Am Fernseher verfolgt Federer das Turnier, weint bittere Tränen bei Beckers Finalniederlagen gegen Stefan Edberg in den Jahren 1988 und 1990. Noch ist Wimbledon nur eine Schwärmerei für einen Jungen. Doch bald wird mehr daraus, als Teenager bandelt Federer endgültig mit seiner grossen Liebe an.

Die Liebelei beginnt knorzig

Und die erhört den knapp 17-Jährigen. Federer holt sich 1998 den Titel bei den Junioren, im Einzel und im Doppel. Doch er zeigt seiner Liebe kurz die kalte Schulter und lässt das Champions Dinner sausen. Er reist direkt nach Gstaad. Turnierdirektor Köbi Hermenjat hat ihm eine Wildcard angeboten, erstmals darf Federer bei den Profis auf höchster Ebene spielen, diese Chance will er sich nicht entgehen lassen.

Die Strafe folgt auf dem Fuss. Die grosse Liebe verschmäht den Jungprofi in den folgenden zwei Jahren, er verliert jeweils in der ersten Runde – gegen den Tschechen Jiri Novka und den Russen Jewgeni Kafelnikow.

Dann hat die Geliebte ein Einsehen. Sie opfert ihren bisherigen Liebhaber Pete Sampras seinem Nachfolger. Federer bezwingt den siebenfachen Champion im Jahr 2001 im Achtelfinal auf dem Centre Court. Endgültig scheint er das Herz gewonnen zu haben. Doch Wimbledon lässt sich Zeit, Tim Henman bremst in der nächsten Runde den Jüngling. Was solls? Schliesslich musste ja Sampras dran glauben, das zählt fast so viel wie der Titel.

Übermütig, mit dem Sampras-Sieg im Rucksack, glaubt Federer im Jahr drauf, er könne Wimbledon im Sturm erobern. Die Strafe ist grausam. Auf dem Centre Court erteilt ihm ein Qualifikant aus Kroatien, Mario Ancic, am ersten Tag eine bittere Lektion und schickt den Geheimfavoriten nach Hause. Der ist geschockt, wird denn nie etwas Ernsthaftes aus der grossen Liebe?

Jahrelang auf Wolke sieben

Doch die Prüfung im Jahr darauf besteht er mit Bravour. Trotz eines blockierten Rückens kämpft er Feliciano Lopez nieder und kassiert die Belohnung. Besser als im Halbfinal gegen Andy Roddick kann er nicht spielen, zwei Tage später fliesen die Freudentränen, versagt die Stimme nach dem Sieg über Mark Philippoussis.

Vier Jahre lang bleibt ihm die Geliebte treu, dann braucht sie Abwechslung. Sie schwankt, doch zu später Stunde schenkt sie Rafael Nadal ihre Gunst. Doch alte Liebe rostet nicht. Nur ein Jahr später muss Federers Dauerrivale Roddick wieder einmal leiden, seinen dritten Final verliert der Amerikaner 14:16 im fünften Satz. Das war wohl etwas gar viel der Gunst und so muss Federer ungewöhnlich lange warten. Drei Jahre später schliesst er mit seinem siebten Titel zu Rekordsieger Sampras auf.

Seither sind wieder drei Jahre vergangen. So langsam kommt die Liebe ins Alter, viele Chancen wird Wimbledon dem Liebhaber nicht mehr gewähren. Noch einmal den Pokal auf dem Centre Court in die Höhe stemmen, das wärs.

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